Wird Gera französisch? Kommunen zwischen Chancen und Risiken der geöffneten Märkte

Von OTZ-Redakteur Volkhard Paczulla

Die Stadt Gera wird heute einen wichtigen Pakt besiegeln. Ihre Stadtwerke bekommen einen Partner, der vor Kraft nur so strotzt: Die Electrabel Deutschland AG.

Das in Berlin ansässige Unternehmen unterschreibt heute im Geraer Rathaus Verträge, mit denen es jeweils 49,9 Prozent an der Energieversorgung Gera GmbH und der Kraftwerke Gera GmbH erwirbt. Der Stadtrat hat schon zugestimmt, am Dienstag segnete auch der Aufsichtsrat der Stadtwerke AG den Deal ab. Einstimmig. Mit Electrabel, so hoffen die kommunal Verantwortlichen, werden Sie beim großen Strom-Monopoly nicht die Verliererkarte ziehen.

Noch im Sommer sah es gar nicht so optimistisch aus, als die bisherigen Miteigentümer Heag (Hessen), Teag (Thüringen) und Contigas (Bayern) bei den Stadtwerke-Töchtern ausstiegen. Um nicht irgendwelche Partner zu erhalten, kauften die Stadtwerke die freigewordenen Anteile erstmal selber. Mit Hilfe eines 80-Millionen-Kredits. In der anschließenden Ausschreibung gab Electrabel mit 86 Millionen Mark das beste Angebot ab. Als Schnaps obendrauf soll den Geraern eine Million Mark für ihre Bundesgartenschau 2007 spendiert werden. Entscheidend aber ist: Im Unterschied zu Teag und Co sind die Berliner damit einverstanden, dass mit den Gewinnen aus der Energieversorgung der städtische Nahverkehr quersubventioniert wird.

Soviel Großherzigkeit muss Gründe haben.

Und die sind eher strategischer Natur. Electrabel Deutschland ist eine Tochter des belgischen Energieriesen Tractebel. Der wiederum ist die Tochter der Suez Holding mit Sitz in Frankreich.

Der Name geht tatsächlich auf den Suezkanal zurück, aus der alten Verwaltungsgesellschaft entstand ein Mischkonzern mit weltweiten Aktivitäten. Doch erst die Fusion der Suez-Gruppe mit der Lyonnaise des Eaux 1997 schuf einen Giganten, der ein klares Ziel verfolgt: Weltmarktführerschaft im Bereich der öffentlichen Versorgungsdienstleistungen. Strom, Wärme, Wasser, Entsorgung – auf diesen Feldern will Suez allen zeigen, was eine französische Harke ist.

Auch in Thüringen. Bei der Ausschreibung künftiger Entsorgungsleistungen des Abfall-Zweckverbandes Ostthüringen mischt eine SITA GmbH mit, die am Standort Zeitz eine Müllverbrennungsanlage plant. Ihre Tochter SITA Umtech ist im Saale-Orla-Kreis und Saalfeld-Rudolstadt zu Gange. Dahinter steht die SITA S.A. Frankreich, die nichts anderes ist als die Müll-Sparte des Suez-Riesen.
Selbst der Geraer Wasser/Abwasser-Zweckverband „Mittleres Elstertal“ will nicht länger auf das Know-how privater Dienstleister verzichten. Vorerst ist nur ein Betriebsführungsvertrag ausgeschrieben. Ob mehr daraus wird, sagt Geschäftsleiter Andreas Engelbrecht, hänge vom Erfolg der Zusammenarbeit ab.

Zunächst, rät Dr. Bernhard Strelow, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostthüringen, sollten die Wasser/Abwasser-Anlagen besser in kommunaler Hand bleiben. Doch dass Private besser wirtschaften können, davon ist Strelow felsenfest überzeugt.

Gute Chancen auf den im Juni 2002 geplanten Einstieg ins Wassergeschäft hat die dann mit Electrabel verbandelte Geraer Stadtwerke AG. Sie bewirbt sich gemeinsam mit der Eurawasser GmbH aus Berlin um den Job bei „Mittleres Elstertal“.

Eurawasser ist ein Profi mit inzwischen über 3.000 Verträgen von Hessen bis zur Ostseeküste. Auch die Stadt Potsdam nahm die Dienste des Unternehmens 1997 in Anspruch. Weil die Gebühren jedoch von 7,86 Mark pro Kubikmeter auf 8,80 Mark kletterten und im Jahr 2000 nochmal um mehr als 1,30 Mark steigen sollten, waren die Potsdamer nicht mehr so überzeugt von den Vorteilen privater Beteiligung dieser Firma. Die Prognose von Eurawasser, im Jahr 2017 werde Potsdam einen Wasserpreis von 16,40 Mark erreicht haben, ließ Oberbürgermeister Matthias Platzeck (SPD) im Vorjahr die Notbremse ziehen. Er hatte vorsorglich eine Aufhebungsklausel im Vertrag.

Eurawasser ist übrigens eine Tochter der Ondeo Services S.A. und Ondeo gehört zu 100 Prozent der Suez Holding, Frankreich.

Quelle:
Ostthüringer Zeitung
Erschienen am 20.12.2001 auf Seite 3.
Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung von
der Redaktion OTZ zur Verfügung gestellt.
redaktion@otz.de

Institut für Wasserwirtschaft Halbach

Werdau, 08.01.2002

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