Der nachfolgende Artikel wurde mit freundlicher Empfehlung von dem Magazin „stern“ bereitgestellt.

Vor ein paar Jahren haben Investoren und deren Analysten das Wasser als Quell goldener Renditen entdeckt. In den USA sind seitdem die Aktienkurse von privaten Wasserwerken um bis zu 100 Prozent gestiegen. Ebenso in England: Dort hat Anfang der 90er Jahre die eiserne Lady Maggie Thatcher die bis dahin kommunalen Wasserwerke konsequent privatisiert.

Seitdem beflügeln solche Renditen auch in Deutschland die Fantasie der Banker. Auf dem „Weltwassermarkt“ sei großes Geld zu verdienen, raunen sie. Allerdings nur dann, wenn die 6.600 deutschen Wasserwerke endlich privatisiert würden. Die gehören bis heute allesamt den Städten und Gemeinden und wie viel Geld nutzlos versickere, wenn öffentlich-rechtliche Schnarchsäcke das Sagen hätten, wisse schließlich jeder. Deutschland, analysierte der auf Wasser spezialisierte Analyst Eric Heymann von der Deutschen Bank, sei der „Bremsklotz auf dem Weltwassermarkt“. Um effizient agieren zu können, müssten von den 6.600 Wasserwerken 6.500 verschwinden. Falls man diesem Rat der Deutschen Bank folgen würde, so der heute 31 Jahre alte Eric Heymann in seiner Analyse vor vier Jahren, werde der durchschnittliche Preis für deutsches Wasser, bisher der höchste der Welt, Jahr für Jahr um ein Prozent sinken.

Also: Nichts wie raus aus den öffentlich-rechtlichen Wasserwerken und rein in die Aktien?

Das Land Berlin ist Heymanns Rat 1999 gefolgt und hat, weil ihm die Schulden

Dieses Investment ist auch eine Gewissensfrage: Die PRIVATISIERUNG der Wasserversorgung bringt Profit für Aktionäre – aber steigende Preise für alle.

bis Oberkante Unterlippe stehen, 50 Prozent seines Wasserwerks für 1,68 Milliarden Euro an RWE und die Firma Veolia (ehemals Vivendi) verkauft. Zum Bedauern des Analysten Heymann ist der Wasserpreis aber nicht gesunken, sondern Anfang 2004 um 15 Prozent gestiegen. Anfang 2005 wird er noch einmal um 5,4 Prozent steigen. 2009 wird er, das steht schon jetzt fest, um 30 Prozent über dem Preis vor der Privatisierung hegen. So wird es weitergehen. In seiner Not hat der Senat sich verpflichtet, RWE und Veolia 28 Jahre lang eine Rendite von acht Prozent zu zahlen.

Leider hat auch die Privatisierung der Rostocker Wasserwerke nicht die vorhergesagte Preissenkung gebracht. Der Wasserpreis hat sich verdoppelt.

Leider, leider. Das liege aber nicht daran, dass seine Analyse falsch sei, sagt Heymann, sondern daran, dass „fehlerhaft dereguliert“ worden sei.

FEHLERHAFT DEREGULIERT wurde auch bei der Privatisierung der Potsdamer Wasserwerke und zwar derart fehlerhaft, dass der damalige Oberbürgermeister Platzeck, heute Ministerpräsident von Brandenburg, die privaten Manager nach wenigen Jahren rausschmiss und das Wasserwerk zurückkaufte.

Ja ja, alles unerfreuliche Beispiele, räumt Banker Heymann ein. Man möge stattdessen bitte einmal auf den englischen Wassermarkt blicken, wo es dank hoher Effizienzgewinne viel besser gelaufen sei.

Schauen wir also auf die Insel. Dort durften sich die Aktionäre der Yorkshire Water plc. schon nach dem Geschäftsjahr 94/95 über 64 Millionen Pfund Dividenden freuen, plus 50 Millionen Pfund „Effizienzdividenden“. Die privaten Manager hatten es den öffentlich-rechtlichen Schnarchsäcken mal so richtig gezeigt. Ihren 600 000 Kunden allerdings auch: Im darauffolgenden Winter wurde ihnen das Wasser abgesteIlt, weil der Effizienzgewinn durch Verzicht auf die Instandhaltung der Wasserleitungen zustande gekommen war. Seine Kunden, die nun mit Eimern zu den Tanklastwagen eilen mussten, belehrte der Vorstandsvorsitzende, Menschen guten Willens müssten nicht jede Woche baden, man könne mehrere Wochen ohne auskommen.

Die Wasserleitungen in England sind dermaßen undicht geworden, dass ein Viertel des durchgeleiteten Wassers im Erdboden versickert. Die Wasserpreise sind um bis zu 70 Prozent gestiegen. Ganze Regionen entwickeln sich zurück auf ein Dritte-Welt-Niveau.

Nun ja, meint Analyst Heymann, dafür sind aber die Renditen hoch. Man möge auch auf die USA schauen, das Land mit den höchsten Kursen.

Machen wir. In den USA liegt der Wasserverbrauch pro Kopf und Tag mit 260 Litern doppelt so hoch wie in Deutschland. Aus Gründen der Effizienz halten sich US-Manager mit teurer Aufbereitung nicht lange auf. Sie nehmen das Wasser, wie es kommt, kippen riesige Mengen Chlor hinein – fertig ist das Trinkwasser. Skurriler Nebeneffekt: Wenn US-Soldaten in Deutschland stationiert werden und zum ersten Mal in ihrem Leben chemiefreies Wasser trinken, wenden sie sich angeekelt ab. Der beruhigende Chlorgeschmack fehlt. Die betreffenden Wasserwerke müssen deshalb ihr natürliches Wasser an den Anschlüssen zu amerikanischen Kasernen und Siedlungen mit Chlor vermischen. Lecker.

An der Analyse des Analysten Heymann von der Deutschen Bank bleibt einzig dieses – scheinbar – richtig: Deutsche Wasserpreise sind die höchsten. Fachlich wirklich richtig wird dies aber erst, wenn man vergleicht, wie viel Prozent seines verfügbaren Einkommens der jeweilige Verbraucher für Wasser ausgibt. In Deutschland sind das 0,5 Prozent – der weltweit zweitniedrigste Betrag nach Dänemark. Von diesen Berechnungen, erklärte Heymann dem stern, habe er auch schon gehört, aber leider kenne er die Zahlen nicht.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass deutsches Wasser und die gesamte deutsche Trinkwasserversorgung unter allen Wasserfachleuten weltweit als das beste gelten, was es gibt.

Einer dieser Experten ist der Syrer Hanno Hames aus Damaskus. Der promovierte Ingenieur, dem die Wichtigkeit von Wasser quasi in den Genen steckt, verlangt die unerbittliche Befolgung dieser vier Kriterien:

  • höchste Versorgungssicherheit,
  • höchste Qualität,
  • höchste Wirtschaftskraft des Wasserwerks und
  • sozial verträgliche Preise.

Diese vier Forderungen erfüllt er seit 15 Jahren in einer Stadt, die, dank einer nur an Gewinnen orientierten privaten Wasserwirtschaft, 1892 die letzte große Choleraepidemie Europas mit 8.605 Todesopfern erlebt hat und seitdem als erste Kommune das Kontinents auf öffentlich kontrollierte Wasserversorgung umgestellt hat: in Hamburg.

Die Hamburger Wasserwerke mit zwei Millionen Verbrauchern sind nach Berlin die zweitgrößten Deutschlands. Hames und seine Leute stecken Jahr für Jahr 60 Millionen Euro in das 5.700 Kilometer lange, zum Teil 150 Jahre alte Rohrnetz und in die dazugehörenden 19 Wasserwerksfilialen. Sie zahlten den Besitzern, also den Bürgern, im vergangenen Jahr 40 Millionen Euro Gewinn aus, plus 28 Millionen Konzessionsabgaben – ein hochprofitables Unternehmen. Die Wasserqualität liegt im deutschen Vergleich ganz oben, der Preis für einen Liter im unteren Drittel des Bundesdurchschnitts.

Wie viel kostet ein Liter? Eine Umfrage auf dem Flur der stern-Redaktion ergab Schätzungen zwischen fünf und 25 Cent. Keiner kannte den wahren Preis. Der Preis beträgt pro Liter 0,149 Cent (oder 0,3 Pfennige), Mehrwertsteuer inklusive.

Wasserwerkchef Hames, 65, geht Ende dieses Jahres in Rente. Die Forderung des 31-jährigen Analysten Eric Heymann nach Privatisierung nennt er „für Menschen mit Anstand und Moral nicht salonfähig“.

Den Ruhestand will der Syrer damit verbringen, sich um die 1,3 Milliarden Menschen zu kümmern, die keine Wasserversorgung haben, ein Fünftel der Erdbevölkerung. Derzeit verdursten pro Tag 6.000 Kinder, jede Stunde 250. Beim Lesen dieses Artikels – zehn Minuten angenommen – sind 40 Kinder verdurstet. Ändert sich nichts, prognostiziert die Unesco, wächst die Zahl der Menschen ohne Wasserversorgung in den nächsten 20 Jahren auf drei Milliarden.

Dass die Bemühungen des Wasserfachmanns Hanno Hames ein Schlag ins Wasser sein werden, weiß der Weltwassermarktfachmann Eric Heymann von der Deutschen Bank schon heute: „Die Afrikaner haben keine Zahlungsmoral. Dort wird niemand investieren.“

Was lernt der deutsche Kleinaktionär daraus? Wasseraktien nur von englischen und amerikanischen Firmen kaufen. Auf keinen Fall deutsche: Dann steigt sofort der Wasserpreis, und in ländlichen Gebieten kommt im Zweifel der Tankwagen.

Alternative: Auf das eigene Gewissen hören und von dieser Art des Geldverdienens die Finger lassen.

JÜRGEN STEINHOFF
Stern Nr. 50 vom 02. 12. 2004, S. 162-164

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