Überlegungen zum ökologischen Potenzial in Verbindung mit einer schlechten wasserchemischen Gewässergüteklasse III

Über das, was das „gute“ ökologische Potenzial sein soll bzw. wie es konkret zu erkennen und umzusetzen ist, streiten sich noch die Experten[1].

Weiter kommt man in seinen Überlegungen, nachdem z. B. folgende simple Vorentscheidungen gefällt werden:

  1. Für welche Tierart sollen die wasserchemischen und hydromorphologischen Bedingungen gut sein?
  2. Wünscht man sich eine Artenvielfalt oder nur eher eine Tierart in der Natur?
  3. Wünscht man sich eine richtig lebendige Natur mit einer hohen Populationsdichte oder vielleicht doch eine gereinigte langweilige halbtote Natur[2], in der sich nichts mehr bewegt, weil alles verhungert ist?
  4. Ist man bereit zu akzeptieren, dass ein „schlechter“ chemischer Gewässerzustand (Güteklasse III) Voraussetzung für „Gutes“ in Position 2. und 3. ist?
  5. Hat man den Mut und die Kraft die industrielle Landwirtschaft aus den Einzugsgebieten der Flüsse und Bäche zu verbannen? Ja oder Nein? Denn das ist die nicht nur für wasserchemische Güte alles entscheidende primäre Frage und nicht jene, ob man nicht leichterweise die Überwachungswerte einer kommunalen Kläranlage verschärfen sollte.

Nun, für zahlreiche Bäche im ländlichen Raum mit intensiver Landwirtschaft wird wohl die  wasserchemische Gewässergüteklasse III die Regel sein und dies  selbst dann noch, wenn aus den Einzugsgebieten alle häuslichen Abwässer verbannt werden sollten.

Für diese Behauptung gibt es viele Beweise. Zwei Beweise sind besonders anschaulich. Sie zeigen zwei hochgedüngte Gewässerabschnitte in Sachsen-Anhalt in die ausschließlich landwirtschaftliche Abwässer (bodenfiltrierte Gülle, Dünger, u. a. m.) eingeleitet werden (siehe die folgenden 2 Fotos).  Die schon im Frühjahr deutlich sichtbare Verkrautung ist Beweis für den Überschuss an Nährstoffen.

(Nun, ich bilde mir keine Meinung darüber, ob man die Landwirtschaft wegen des EU-Zieles „Guter Gewässerzustand“  nur drastisch einschränken sollte oder nicht. Das ist mir egal. Mir geht es bei meiner Arbeit nur darum, die Akzeptanz zu erleichtern, dass mancherorts ohne die Beseitigung der industriellen Landwirtschaft eben eine wasserchemische Gewässergüteklasse II unmöglich ist und dies abgesehen davon, dass die Welt auch bei einer Gewässergüteklasse III nicht untergeht, denn schließlich hatte sie dazu ja schon jahrzehntelang  Zeit und stand dabei unter intensivster Beobachtung. )

Seitengraben des Strengbaches - (Sachsen-Anhalt)

eutrophierter Seitengraben des Strengbaches ohne kommunale Abwässer

 

Reide vor Pranitz – Blick entgegen der Fließrichtung Februar 2009 (Sachsen-Anhalt)

Im Übrigen ist der „schlechte“ wasserchemische Gewässerzustand III für sehr viele Tiere gar nicht so schlecht, wie allgemein geglaubt wird. Zwischen der Nährstoffbelastung eines Gewässers, der Artenvielfalt sowie Populationsdichte gibt es einen interessanten, aber kaum beachteten Zusammenhang:

„Nach einer persönlichen Information des Ökologen Herrn Prof. Reichholf [3] steigt mit zunehmender Gewässergüte zunächst die Artendiversität an, erreicht bei III – II ein Maximum und nimmt dann wieder (stark) ab, falls GKL I erreicht werden sollte.

Der Rückgang in die andere Richtung zu GKL IV ist weniger stark ausgeprägt, aber begleitet von einer massiven Zunahme der Individuenmenge bzw. dem Lebendgewicht der Organismen pro Flächeneinheit (als Maß für die Produktivität). Nur bei starkem Sauerstoffschwund oder in Zusammenhang mit Vergiftungsvorgängen sinkt die Produktivität der eutrophen Gewässer. Sonst ist sie maximal. In früheren Zeiten war dieser Zusammenhang unter den so genannten „Thienemann’schen Gesetzen“ in der Limnologie bekannt, aber von den zugrunde liegenden Ursachen nicht verstanden worden. Allgemeine Angaben hierzu sind zum Beispiel in ODUM, E. P. & J. H. REICHHOLF (1980): Ökologie. BLV München, enthalten. Es gibt eine Menge Detailanalysen hierzu in der limnologischen Literatur. Der Schüler Hans UTSCHICK des Herrn Prof. Reichholf hat das u. a. auch in seiner Diplomarbeit und Dissertation für die Wasservögel ausgearbeitet und publiziert in den Ornithol. Verhandlungen 22 (1976): 395 – 438 &  Bd. 23 (1980): 273 – 345.“

Ähnliche Beobachtungen wurden schon in Sachsen-Anhalt gemacht. Über wasserchemische Gewässergüte im 1. Becken einer belüfteten Teichkläranlage kann man lange nachdenken (Foto 7). Für die Weißflügelseeschwalben – eine Tierart auf die zumindest das Brandenburger Umweltministerium stolz ist[4] – war die Kläranlage in Sachsen-Anhalt als Futterquelle hoch willkommen.

Ökologisch korrekt zu denken, bedeutet auch Phosphor und Stickstoff nicht als Schadstoff zu begreifen, sondern als Nährstoff und als eine Voraussetzung für Artenvielfalt und Populationsdichte, die man sich natürlich in einer Trinkwassertalsperre oder im Forellenlaichgebiet nicht wünscht. Ohne diese „Schadstoffe“ wäre ein biologisches Leben, wie wir es kennen, unmöglich.

Ein Schwarm Weißflügelseeschwalben auf der Kläranlage Nordgermersleben in Sachsen-Anhalt

Ein Schwarm Weißflügelseeschwalben auf der Kläranlage Nordgermersleben in Sachsen-Anhalt.

Ausgehend von der Prämisse, dass die landwirtschaftliche Abwassereinleitung in die Gewässer wohl kaum soweit reduziert werden kann, dass in der Regel die wasserchemische Gewässergüteklasse II zu garantieren ist, sollte man in diesen Fällen die Gewässergüteklasse III als gegeben hinnehmen, denn mit unserem dummen Drang nach reiner Natur und reinen Gewässern haben wir schon genug Schäden in der Natur angerichtet und genug Geld verschwendet.

Anknüpfend an die Prämissen liegt das ökologische Potenzial nun in der Schaffung jener hydromorphologischen Bedingungen, die gut für Tiere sind, die auf die Gewässergüteklasse III angewiesen sind.

Sofern wasserwirtschaftliche Fehlinvestitionen beim Gewässerschutz auf unvermeidbare Grundrisiken beschränkt werden sollen, kann es diese Reihenfolge geben:

  1. Akzeptanz der Tatsache, dass die wasserchemischen Bedingungen, um die  Gewässergüteklasse II zu gewährleisten, nicht hinreichend geändert werden können (in der Regel verhindert dies die Landwirtschaft)
  2. Definition des ökologischen Potenzials durch wertfreie ökologische Arbeit nach wissenschaftlichen Prinzipien, konkret für die gegebenen wasserchemischen Bedingungen, in diesem Fall Gewässergüteklasse III
  3. Schaffung des ökologischen Potenzials, in der Regel über Gestaltung von Habitaten und anderen hydromorphologischen Voraussetzungen

Die Tiere, die in dem Ökosystem mit der wasserchemischen Güte III gut leben könnten, bestimmen auch das gute ökologische Potenzial.

Sollte dagegen das Pferd vom Schwanz aufgezäumt werden – wie es momentan mancherorts den Anschein hat – dann wird es nicht nur sehr teuer, sondern auch sinn- und nutzlos für die Bürger, die Länder und den Bund.

Letztlich gleichen die Überlegungen denen eines kleinen scheinbar kranken Jungen, der nicht fernsehen möchte oder mit dem Computer spielen will, sondern der sich nur ein Aquarium nach dem Vorbild der Natur einrichten möchte und dabei denkt. Insofern sind die Überlegungen doch alle recht einfach und sie fallen einem dann besonders leicht, wenn man den Hintern vom sterilen Schreibtisch weg in die raue, böse  und menschenfeindliche Natur bewegt und das auch dann noch, wenn es draußen stark regnet, stürmt oder schneit.

Und allzu häufig braucht man für grundlegende Feststellungen keine Hochschulbildung oder wasserchemische Untersuchungen. Es genügt mitunter nur die Augen auf zumachen und mit dem Gehirn zu verknüpfen.

Aber leider ist es mitunter viel einfacher etwas Unsinniges, Unnötiges, Kompliziertes und Teures zu tun, als etwas ganz Einfaches, Simples und Natürliches.

Und das ist gut so, denn sonst wären wir keine Menschen und ich hätte nichts zu tun.


[1] Kein Wunder, denn das ökologische Potenzial oder der gute ökologische Zustand hat nichts mit der Wissenschaft Ökologie zu tun. Deshalb nicht, weil die wissenschaftliche Ökologie keine Zustandsbewertungen kennt. Eine Fliege, eine Ratte, eine Mistbiene ist dem Ökologen genauso lieb und interessant, wie ein Frosch, ein Storch oder ein kuschliges Robbenbaby mit Knopfaugen. Insofern ist es nicht möglich, auf vernünftige, fachlich nachvollziehbare Weise etwas ökologisch gut oder schlecht zu bewerten. Allerdings führt die Akzeptanz derartiger Fakten in die Sackgasse, weil sie nicht nur die Gesetzgebung, sondern auch die naive-romantische Vorstellung der Allgemeinheit von der Natur erschüttern würde.

[2] wie sie jetzt schon in weiten Teilen Deutschlands Standard ist und so manchen Binnenfischer in den Ruin getrieben hat.

[3] Der Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe Professor Reichholf lehrt Naturschutz an der TU und leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München.

[4] Seltene Seeschwalben waren dem Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg eine Pressemitteilung  wert: „Criewen – Wer sie bisher sehen wollte, musste nach Osten fahren – die Rede ist von den Weißbart- und Weißflügelseeschwalben. Die bei uns seltenen Seeschwalben sind typisch für naturnahe Flussauen im östlichen Polen. In diesem Frühjahr ließen sich erstmals die beiden Arten gemeinsam mit Trauerseeschwalben und Lachmöwen in einer Brutkolonie im Nationalpark Unteres Odertal nieder. Kurze Zeit später hat die Nationalparkverwaltung erste Bruterfolge beobachtet.“

 

 

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