Die Stellung der Ökologie in der Gesellschaft

Lampert, W.; Sommer, U., Limnoökologie, 2. überarbeitet Auflage, Georg Thieme Verlag Stuttgart New York 1999 (S.447)

„Naturwissenschaften können Theorien darüber anbieten, wie die Natur funktioniert. Sie können jedoch nicht angeben, welcher Zustand der Natur ein erhaltenswürdiger Wert oder ein erstrebenswertes Ziel menschlichen Handelns ist. Die Festsetzung solcher Werte und Ziele ist keine Aufgabe der Wissenschaft, sondern eine Aufgabe des demokratischen Entscheidungsprozesses. Weder Ökologen noch irgendwelche anderen Experten haben in diesem Entscheidungsprozeß größere Rechte als andere Menschen. Die Aufgabe des Experten besteht allenfalls darin, Wege zum Erreichen von Zielen aufzuzeigen und Konflikte zwischen verschiedenen, für sich genommen durchaus berechtigten Zielen frühzeitig zu erkennen.

Selbst dann, wenn ein gesellschaftlicher Konsens bestünde, daß die „Gesundheit von Ökosystemen“ als schutzwürdiger Wert höchste Priorität genießt, könnte die Ökologie nichts zur näheren Definition dieses Wertes beitragen.

Wenn man den vorwissenschaftlichen Charakter des „Gleichgewichts der Natur“ und des Superorganismus-Konzepts eingesehen hat, gibt es kein wissenschaftliches Kriterium, die Gesundheit von Ökosystemen zu bewerten.

Es gibt keinen innerhalb der Wissenschaft liegenden Grund, einen bestimmten historischen Zustand eines Ökosystems oder der gesamten Biosphäre als „Sollzustand“ festzusetzen.

Auch die anerkanntesten und konsensfähigsten Ziele der Umweltpolitik folgen nicht zwingend aus den Erkenntnissen der Ökologie.

Neben der Reduktion gesundheitsschädlicher Emissionen dienen die meisten Bestrebungen des Umwelt- und Naturschutzes zwei übergeordneten Zielen:

  • der Erhaltung der Diversität und
  • der Wiederherstellung bzw. Erhaltung einer möglichst großen Geschlossenheit der biogeochemischen Kreisläufe.

Beides sind Ziele, die mittlerweile vielen Menschen einleuchten; sie sind jedoch in menschlichen Werturteilen begründet und nicht in wissenschaftlichen Lehrsätzen.

Die Ökologie kann zwar aufzeigen, daß eine anthropogene Öffnung von Stoffkreisläufen unerwünschte Auswirkungen hat (mehr Nährstoffaustrag aus dem Boden – mehr Bedarf an Düngung — mehr Eutrophierung der Gewässer); es entzieht sich jedoch ihrer Kompetenz, zu bewerten, wie unerwünscht diese Auswirkungen sind.“

Gewässer im LSG „Fauler See“ bei Wanzleben

Foto aus dem Beitrag: Überlegungen zur Renaturierung des Domerslebener Sees

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