Prof. Dr. Winfried Lampert Direktor am Max-Planck-Institut für Limnologie, Abteilung Ökophysiologie (24306 Plön) und Prof. Dr. Ulrich Sommer (Institut für Meereskunde an der Universität Kiel) verfassten ca. 1992 ein Fachbuch „Limnoökologie“, das in der zweiten Auflage 1999 erschien. Dem Kapitel „Stellung der Ökologie in der Gesellschaft“ sind folgende immer noch sehr aktuelle Hinweise zu entnehmen:

Stellung der Ökologie in der Gesellschaft

„Die Betonung des naturwissenschaftlichen Charakters der Ökologie widerspricht einer Erwartungshaltung, die in weiten Teilen unserer Gesellschaft verbreitet ist. Es herrscht vielfach die Meinung, die Ökologie könne der Grundlegung einer neuen Ethik oder einer neuen politischen Doktrin dienen. Derartige Erwartungen stecken in Formulierungen wie „Ökologie und Ökonomie versöhnen“, „ökosoziale Marktwirtschaft“, „Ökosozialismus“ etc.

Solche Forderungen an eine Naturwissenschaft widersprechen sowohl deren Wesen als auch dem Wesen einer demokratischen Gesellschaft.

Naturwissenschaften können Theorien darüber anbieten, wie die Natur funktioniert. Sie können jedoch nicht angeben, welcher Zustand der Natur ein erhaltenswürdiger Wert oder ein erstrebenswertes Ziel menschlichen Handelns ist.

Die Festsetzung solcher Werte und Ziele ist keine Aufgabe der Wissenschaft, sondern eine Aufgabe des demokratischen Entscheidungsprozesses.

Weder Ökologen noch irgendwelche anderen Experten haben in diesem Entscheidungsprozess größere Rechte als andere Menschen.

Die Aufgabe des Experten besteht allenfalls darin, Wege zum Erreichen von Zielen aufzuzeigen und Konflikte zwischen verschiedenen, für sich genommen durchaus berechtigten Zielen frühzeitig zu erkennen.

Selbst dann, wenn ein gesellschaftlicher Konsens bestünde, daß die „Gesundheit von Ökosystemen“ als schutzwürdiger Wert höchste Priorität genießt, könnte die Ökologie nichts zur näheren Definition dieses Wertes beitragen.

Wenn man den vorwissenschaftlichen Charakter des „Gleichgewichts der Natur“ und des Superorganismus-Konzepts eingesehen hat, gibt es kein wissenschaftliches Kriterium, die Gesundheit von Ökosystemen zu bewerten. Es gibt keinen innerhalb der Wissenschaft liegenden Grund, einen bestimmten historischen Zustand eines Ökosystems oder der gesamten Biosphäre als „Sollzustand“ festzusetzen.

Auch die anerkanntesten und konsensfähigsten Ziele der Umweltpolitik folgen nicht zwingend aus den Erkenntnissen der Ökologie. Neben der Reduktion gesundheitsschädlicher Emissionen dienen die meisten Bestrebungen des Umwelt- und Naturschutzes zwei übergeordneten Zielen: der Erhaltung der Diversität und der Wiederherstellung bzw. Erhaltung einer möglichst großen Geschlossenheit der biogeochemischen Kreisläufe. Beides sind Ziele, die mittlerweile vielen Menschen einleuchten; sie sind jedoch in menschlichen Werturteilen begründet und nicht in wissenschaftlichen Lehrsätzen. Die Ökologie kann zwar aufzeigen, daß eine anthropogene Öffnung von Stoffkreisläufen unerwünschte Auswirkungen hat (mehr Nährstoffaustrag aus dem Boden —> mehr Bedarf an Düngung —> mehr Eutrophierung der Gewässer); es entzieht sich jedoch ihrer Kompetenz, zu bewerten, wie unerwünscht diese Auswirkungen sind.“

Quelle:
Limnoökologie
Winfried Lampert und Ulrich Sommer
2., überarbeitete Auflage
Georg Thieme Verlag Stuttgart • New York 1999
(Seite 446 – 447)

Mit diesen Bewertungen stehen die Autoren nicht allein. Die Aufzählung von Ökologen, die diese Darstellung teilen, kann auf Anhieb ergänzt werden.

Die übliche Gewässerbewertung in „gut“, „schlecht“ oder „fast gut“ führt zu beliebigen und willkürlichen Investitionen und Kosten.

Eine wasserwirtschaftliche Effizienz ist mit abstrakten Prämissen nur scheinbar zu begründen. Vergleiche auch den Aufsatz „Wassergütewirtschaft – Gesicherte Grundlagen, ungewisse Zukunft“ von Herrn Prof. Kroiss der TU Wien.

Für die Plausibilitätsprüfung genügt es oft, wenn man selber das konkrete Gewässer an verschiedenen Stellen besichtigt und sich eine eigene Meinung bildet.

Auch wäre ggf. zu zeigen und erklären:

  • Was denn am Gewässer konkret schlecht ist?
  • Und wie wahrscheinlich ist es dass sich der Zustand mit der gewünschten Investition tatsächlich ändert?
  • Und ob denn der zusätzliche eventuell eintretende Nutzen die meist erheblichen Mehrkosten auch tatsächlich rechtfertig?
  • Und ob ein prüffähiger Effizienzbeweis vorliegt?
  • Und welche Garantien gegeben werden, dass es tatsächlich zu der Zustandsänderung kommt?

Ergänzende Hinweise: Ökologismus

 

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