Rückstau, Einstau, Überstau, Überflutung

Überflutung – Bewertung einer Schadensursache

Bewertung einer Schadensursache als Rückstau, Einstau, Überstau und/oder Überflutung

Uwe Halbach
ö.b.u.v. Sachverständiger für Abwasserbeseitigung

(Beitrag vom Februar 2010, mehrmals ergänzt)

Bei der Bewertung der Schadensursache durch Wasser aus Kanalisationen ist nach [2], [3] und [5] zu differenzieren zwischen:

  • Einstau – Wasserstand zwischen Rohrscheitel und GOK (hinreichend präzise: Schachtdeckelunterkante wird nass). Der Energiespiegel im Abwasserkanal steigt über den Rohrscheitel = Rückstau, d. h. das Abwasser bleibt im Kanalsystem
  • Überstau – Wasserstand auf bzw. über GOK. Insoweit als Bezugsebene für den Überstau die GOK gewählt wurde – siehe auch empfohlene Überstauhäufigkeiten Tabelle 3 [2] – entspricht ein Überstau einem Wasseraustritt aus der Kanalisation (hinreichend präzise: Kanaldeckeloberkante wird nass) „Überstau bezeichnet einen Zustand, bei dem der Wasserstand die Geländeoberkante erreicht und das Wasser aus dem Kanalnetz auszutreten beginnt bzw. zufließendes Wasser nicht vom Kanalnetz aufgenommen werden kann.“ [5]
  • Überflutung – Auftretende Schäden bzw. Funktionsstörungen durch Überstau. Energielinie bis über Gelände, Abwasseraustritt aus dem Kanal. Abwasser fließt auf Überschwemmungswegen ab, d. h. das Abwasser fließt z. T. oder vollständig aus dem Kanalsystem heraus. (Kanaldeckeloberkante wird nass und durch den Wasseraustritt können Schäden entstehen) „Als Überflutung wird in Deutschland ein Zustand angesehen, bei dem ein Wasserstand auf der Oberfläche auftritt, der einen Schadensfall nach sich ziehen kann.“ [5]  (Kommentar: Die Kombination mit der Möglichkeit eines Schadens überzeugt nicht. Massives Austreten von Wasser z. B. aus einem Schachtdeckel ist hydraulisch gesehen eine Überflutung, die nicht regelgerecht und nach der DIN  752-2 zu  begrenzen ist. Oberflächenüberflutung nach DIN 752-1: „Zustand, bei dem Schmutzwasser und/oder Regenwasser aus einem Entwässerungssystem entweichen oder nicht in dieses eintreten können und entweder auf der Oberfläche verbleiben oder von der Oberfläche her in Gebäude eindringen (siehe auch „Überflutung“)“ und Überflutung nach DIN 752-1: “ Zustand, bei dem Schmutzwasser und/oder Regenwasser aus einem Entwässerungssystem entweichen oder nicht in dieses eintreten können oder in Gebäude eindringen.“ )

(GOK = Geländeoberkante)

Meine Ergänzungen:

1. Rückstau = Wasserspiegel im Kanal wird angehoben, berührt aber noch nicht den Rohrscheitel. Berührt er den Rohrscheitel, dann wird der Rückstau aus hydraulischer Sicht zum Einstau. Nach allgemeinem Verständnis bleibt es ein Rückstau.

2. Hinsichtlich Überflutung bei der Siedlungsentwässerung in Kombination mit der Möglichkeit von Schäden durch Wasserabfluss außerhalb von Kanalisationen:

  • Überflutung durch oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser innerhalb der Siedlung
    • oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser gelangt gar nicht erst in Kanalisationen, weil diese
      • überlastet oder
      • nicht leistungsfähig genug sind oder
      • nicht vorhanden sind
  • oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser von außen liegenden Gebieten (z. B. Wiesen, Feldern, Wald) verursacht Schaden
    • durch seinen oberflächlichen Ablauf
    • durch sein nicht berücksichtigtes Eindringen in Kanalisationen (Folge: Überlastung der Kanalisationen)

Ggf. Planungsmangel: Abflüsse in Gräben oder kaum sichtbar ausgeprägten Tälern, die sich nur bei Starkregen mit Wasser füllen, werden unterschätzt oder gar nicht berücksichtigt. Das betrifft auch das Füllen von Mulden in Siedlungen bei Extrem- oder Starkregen.

Die Ableitung oberflächlich ablaufenden Niederschlagswassers von außen liegenden Gebieten in Kanalisationen ist ein Ausnahmefall, der besonderer Vorkehrungen bedarf.

In der Regel sollte die Abflussspitze von oberflächlich ablaufenden Niederschlagswassers von außen liegenden Gebieten durch Seen und/oder Regenrückhaltebecken vergleichmäßigt werden und der Abfluss dann gedrosselt unmittelbar in die Vorfluter möglichst in Gräben abgeleitet werden.

Hinweise zur Wertung von Rückstau

Im Fall eines Gutachtens für die Stadt Bornheim waren Überflutungen bzw. Kanalüberschwemmungen infolge Überstau relevant. Bei der Erstellung der Generalentwässerung wurde erkannt, dass ein Gebiet überflutungsgefährdet ist.

Es gelang zwar mit Erfolg die hydraulische Leistung der betreffenden Kanalabschnitte im Zuge der folgenden Kanalbaumaßnahmen deutlich zu vergrößern. Ein über die Spende des angesetzten Bemessungsregens hinausgehendes Ereignis führt aber trotzdem zwangsläufig zu einer Überflutung dieses Gebietes.

Nach dem technischen Regelwerk A 118 „Hydraulische Bemessung und Nachweis von Entwässerungssystemen“ [2] gilt:

Ist eine Überflutung angrenzender Grundstücke aufgrund der topographischen und sonstigen örtlichen Gegebenheiten zu befürchten, sind geeignete (konstruktive) Maßnahmen am Straßenverlauf umzusetzen oder die Ableitung des überschüssigen (Ab-)Wassers in ungefährdete Flächen zu prüfen.

Bei dem Schutz vor Überflutungen ist das Geländeprofil zu berücksichtigen:

Geländeneigung eines Baugrundstückes nach Gassener, E. und Heckenbücker, B. (Quelle: [4, S. 331])

Überflutung

Höhenlage eines Hauses und Oberflächengestaltung der Umgebung mit Rücksicht auf die Ableitung der Niederschläge [4

Geländeregulierung zum Schutz der Bebauung gegen Überflutung nach [5]

Überflutung

Geländeregulierung zur Sicherung der Bebauung durch Überflutungsgefahr [5

Weitere Hinweise unter [4,  Kapitel 10].

Private Gebäudesicherung gegen Schäden durch oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser durch den Grundstücks- bzw. Gebäudeeigentümer

Fallbeispiel 1 aus Bad Elster:

Flutweg

Flutweg für oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser – MediClin – Gebäude in Bad Elster (Der Hang links gehört zum Brunnenberg)

Fallbeispiel 2 aus Marienbad

(Nachtrag am 02.01.2016)

Flutweg

Oberer Flutweg für oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser – Gebäude der Univerzita Karlova V Praze in Marienbad

Flutweg

Unterer Flutweg für oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser als zusätzliche Sicherung der Lichtschächte – Gebäude der Univerzita Karlova V Praze in Marienbad

Flutweg

Mündung des oberen in den unteren Flutweg für oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser und weiterer Verlauf bergabwärts – Gebäude der Univerzita Karlova V Praze in Marienbad

Fallbeispiel 3 aus Brumby:

Flutweg

Wohl von der Kommune angelegter Flutweg in Brumby: Sachsen – Anhalt

Die Gebäudesicherung gegen Schäden durch oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser kann gegliedert werden in private Sicherungen durch den Gebäude- bzw. Grundstückseigentümer und in jene öffebtlichen Sicherungen für die die Kommune zuständig sein dürfte.

Meist wird ein Niederschlagswasserbeseitigungskonzept notwendig werden, denn der beste private Flutweg ist nutzlos, wenn das Wasser nicht ohne Schäden bis in das nächste Fließ- oder Standgewässer abgeleitet werden kann.

Es hat den Anschein, dass das Anlegen eines Flutweges eher die Antwort auf einen bereits eingetretenen Schaden ist, als Konsequenz einer  rechtzeitigen Nutzung wasserwirtschaftlichen Sachverstandes. Den Ingenieuren muss zu Gute gehalten werden, dass ihre Ratschläge, wenn deren Umsetzung Geld kostet, in den Kommunen wenig auf Gegenliebe stoßen. Andererseits ist eine gewisse Grundskepsis in den Kommunen gegenüber „Beraterratschlägen“ auch zu verstehen.

Ziel und Sinn von Überflutungsnachweisen:

„Im Rahmen des Überflutungsnachweises werden die Auswirkungen der aus dem Kanalnetz ausgetretenen Wassermengen durch lokale Maßnahmen, wie z. B. Erhöhung von Bordsteinkanten, Schaffung oberirdischer Überflutungswege, etc. auf ein Mindestmaß reduziert.“ [5]

Bzw. meine Auswertung, Ergänzung und Meinung:

Auf der Grundlage eines Überflutungsnachweises können und müssen (DIN EN 752-2) die Auswirkungen der aus dem Kanalnetz ausgetretenen Wassermengen durch lokale Maßnahmen, wie z. B.

  • Erhöhung von Bordsteinkanten,
  • Schaffung oberirdischer Überflutungswege,
  • etc.

auf ein Mindestmaß reduziert werden.

Eigentümer gefährdeter Grundstücke sind nachweislich über die mögliche Gefahr einer Überflutung zu informieren.

Siehe auch:

Literatur

[1] Abwassertechnische Vereinigung e. V.
Richtlinien für die hydraulische Berechnung von Schmutz-, Regen- und Mischwasserkanälen
1984, 5. Auflage (unveränderter Text von 1977), ATV-A 118

[2] Abwassertechnische Vereinigung e. V.
Hydraulische Bemessung und Nachweis von Entwässerungssystemen
1999, ATV-A 118

[3] ATV-Handbuch
Bau und Betrieb der Kanalisation
Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage 1995

[4] ATV-Handbuch
Planung der Kanalisation
Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage 1994

[5] Federal Housing Administration: Land Planning.
Bulletin Nr. 3. Abschnitt Block and Lot Grading,
Washington D.C. (1954/8)
aus [4]

[6] Überstau und Überflutung
Arbeitsbericht der ATV-Arbeitsgruppe 1.2.6
KA Abwasser Heft 9 (1995) S. 1597-1598

***

Ergänzt am 09.12.2011




Rückstau, Rückstauebene und Rückstausicherung

Der Rückstau im Kanalnetz als sekundäre Ursache von Grundstücksschäden

Uwe Halbach
ö.b.u.v. Sachverständiger für Abwasserbeseitigung
Rückstaugutachten

Inhalt:

  • Welche Vorgänge laufen beim Rückstau ab?
  • Wann ist ein Rückstau nicht möglich?
  • Wer ist für die Rückstausicherung verantwortlich?
  • Wirkung von Rückstausicherungen
  • Wirkung von Rückstausicherungen an falscher Stelle
  • Gebäudeschaden bei undichter Grundleitung und Kellerlenzung bei hohem Grundwasserstand
  • Rückstauschleifen
  • Bezug von Rückstausicherungen
  • Rechtsprechung
  • Weitere Informationen
  • Literatur

Siehe auch:

Wenn Abwasser oder Fäkalien in den Keller strömen und keine Verstopfung der Grundstücksentwässerung vorliegt, dann handelt es sich meist um Rückstau. Dabei fließt dann im öffentlichen Kanal angestautes Abwasser über die Grundstücksentwässerungsleitung in den Keller.

Derartige Effekte sind seit zig-Jahren bekannt und die Vermeidung solcher Probleme gehört zu dem Grundwissen eines Fachingenieurs oder eines Installationsbetriebes.

Mit Rückstau ist grundsätzlich zu rechnen!

Wenn der Artikel auch „Der Rückstau im Kanalnetz als sekundäre Ursache von Grundstücksschäden“ genannt wird, so ist die primäre Ursache von manchen Grundstücksschäden durch Rückstau eine fehlende oder falsch eingebaute Rückstausicherung.

Rückstausicherungen sind über 100 Jahre alt

Rückstau

Fachbuch von GENZMER (1924)

Sie sind als keine neue „Erfindung“ der Kommunen bzw. der Abwasserzweckverbände.

Der Absatz 4 des § 23 der Berliner Polizei-Verordnung über die „Herstellung und Betrieb von Grundstücksentwässerungen« usw. vom 26. Okt. 1910 lautet:

»Die Genehmigung zum Anschluß solcher Einläufe, die tiefer als die Straßenbordkante liegen, wird nur widerruflich erteilt. Der Eigentümer hat für den ordnungsmäßigen Zustand und die richtige Handhabung der Verschlüsse Sorge zu tragen und ist für alle durch etwaigen Rückstau hervorgerufene Schäden verantwortlich.« 

Quelle: GENZMER (S. 47)

 

 

 

 

Rückstauschutz war in Erfurt schon 1929 Bestandteil der Polizeiverordnung:

 

Kopie aus dem Fachbuch von Gürschner, u. a.: Der städtische Tiefbau, III. Stadtentwässerung, Verlag B.G. Teubner Leipzig, Berlin und Leipzig, 1921 (pdf-Datei): Sicherung vor Rückstau ist a.a.R.d.T. wenigstens seit 1921

Rückstau 1921

 

Rückstausicherung 1924

Rückstausicherung

Abbildung 2 : Variante einer einfachen Rückstausicherung (1924) aus dem o.g. Fachbuch von GENZMER

 

 

 

 

 

 

 

 

Welche Vorgänge laufen beim Rückstau ab?

Das Schema veranschaulicht die Entstehung eines Rückstaus in einem Schmutzwasserkanal.

Dargestellt wurde ein Schnitt durch ein Schmutzwasserkanalisationsfragment.

Nach dem unterliegenden Schacht im Schema wurde eine Störung (Kanaleinbruch) dargestellt.

(Zu gleichen Auswirkungen führen beispielsweise auch Ausfälle von Abwasserhebeanlagen.)

Ständig zufließendes Abwasser führt zu einer Vollfüllung des oberhalb liegenden Kanalabschnittes und zur Füllung betroffener Schächte.

Mit den Entwässerungskanälen sind die Grundstücke durch einen Hausanschlusskanal verbunden.

In dem Fall, dass der Gebäudekeller über eine offene ungeschützte Verbindung zum Hausanschlusskanal verfügt, wird der Keller nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren geflutet (Abbildung 3).

Diese offenen Verbindungen zum Hausanschlusskanal können z. B. Fußbodenentwässerungen, in Kellern aufgestellte Toiletten, Duschen u. a. m. sein.

Im Ergebnis der Überflutung steigt das Wasser in den „verbundenen Röhren“ so hoch wie die niedrigste „Röhre“ reicht. (Abbildung 3)

In dem gezeichneten Fall ist dies die Oberkante des unteren Schachtes.

Rückstausicherung

Abbildung 3 : Wirkung bei fehlender Rückstausicherung

Wann ist ein Rückstau nicht möglich?

Ein Rückstau ist nicht möglich, wenn die Öffnungen der Hausentwässerung oberhalb der Straßenoberkante liegen. (Möglich sind Sicherheitszuschläge bis 30 cm.) Siehe hierzu Abbildung 4.

Nach [1, Seite 128 ] gilt:

Entscheidend ist jeweils, daß ein Rückstau des Abwassers so lange unschädlich ist, wie ein Austritt … des Abwassers vermieden wird. Gibt es unterhalb „der Rückstauebene“ bei den Grundstücksentwässerungsanlagen ungesicherte Öffnungen oder Auslässe, so besteht die Gefahr, dass bei starken Regenfällen oder bei einer starken Inanspruchnahme des Abwassernetzes der Rückstau ein Ansteigen des Wassers in den Einlaufschächten und in den Räumen, in denen sich Öffnungen zur Abwassereinleitung befinden, nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren bis zur Rückstauebene hervorruft, wenn nicht besondere Schutzeinrichtungen eingebaut worden sind. Diese Gefahr zu vermeiden, liegt nicht nur im wohlverstandenen Interesse der angeschlossenen Grundstücke, sondern auch im öffentlichen Interesse einer geordneten Abwasserbeseitigung.“ [1/S. 128]

Der Rückstau kann sich aus verschiedenen Störungsereignissen, aber auch infolge planmäßiger Reinigungsarbeiten ergeben.

In der DIN 1986 Teil 1 und im Kommentar zur DIN gibt es ausführliche sowie eindeutige Hinweise, wie Kellerüberflutungen und Rückstau in Räumen auszuschließen sind.

Wesentliche Aspekte sind, dass Rückstau

  • ein planmäßiges Ereignis sein kann,
  • in der öffentlichen Kanalisation auch im laufenden Betrieb nicht dauerhaft vermieden werden kann.

Ablaufstellen unterhalb der Rückstauebene müssen für den Rückstaufall gemäß DIN 1986-1, Abschnitt 7 gegen das Austreten von Abwasser gesichert werden, ansonsten kann Abwasser in das Gebäude eindringen. … Überflutungen gefährden Menschen, …, verursachen seuchenhygienische Gefahren und wirtschaftliche Schäden an Einrichtungen und Gebäuden. Diese Überflutungen sind vermeidbar. …“ [1/S. 127]

Rückstausicherung

Abbildung 4 : Wirkung einer vorhandenen und funktionierenden Rückstausicherung

Wirkung von Rückstausicherungen an falscher Stelle

Rückstausicherung

Abbildung 5 : Wirkung einer teilweisen Rückstausicherung weil diese an falscher Stelle eingebaut wurde

Wie Abbildung 5 darstellt kommt es auch darauf an, die Rückstausicherung an der richtigen Stelle einzubauen. Herr Rafael Nehring von der Energie & Wasser Potsdam GmbH veranschaulicht mit der Abbildung 5 häufige Fehler, die er im Rahmen seiner Tätigkeit feststellte. Werden sanitäre Fallleitungen aus Geschossen, die über der Rückstauebene liegen nach der Rückstausicherung eingebunden, dann fließt im Rückstaufall das sanitäre Abwasser aus diesen Etagen über die sanitären Einrichtungsgegenstände in den Kellerräumen in die betreffenden Kellerräume.

Rückstausicherung

Abbildung 6: Wirkung einer teilweise vorhandenen Sicherung vor Rückstau wegen falscher Einbindung der Regenwasserfallleitungen

Wird eine Regenwasserfalleitung vor der Rückstaisicherung eingebunden, dann flutet die Dachentwässerung im Regenfall & Rückstaufall den Keller (Abbildung 6)

Gebäudeschaden bei undichter Grundleitung und Kellerlenzung bei hohem Grundwasserstand

Grundwasserschäden

Abbildung 7 : Rückstausicherung unnötig, aber Gebäudeschaden bei undichter Grundleitung und Kellerlenzung bei hohem Grundwasserstand

Hauseigentümern, deren Keller geflutet wurde, wird geraten, den Wasserspiegel im Keller nicht schneller abzusenken, als der Grundwasserspiegel sinkt. Analog wird auch empfohlen, den Keller zu fluten, wenn der Grundwasserspiegel hochwasserbedingt schnell ansteigt, um einerseits zu vermeiden, dass der Keller verschlammt wird und um andererseits zu vermeiden, dass Fundament und Fußboden Schaden nehmen.

In der Abbildung 7 wird eine Situation dargestellt in der nach meiner Überzeugung eine undichte Grundleitung zu einer plötzlichen Kellerflutung führte. In der Grundleitung befandl sich kurz unter dem Kellerlehmfußboden ein Loch, das im Hochwasserfall zumindest teiweise verschlossen war. Die Entleerung der Grundleitung über die öffentliche Kanalisation verursachte einen Wassserdruck auf die teilweise verschlossenene Kanalundichtigkeit, der dann wieder zu einem Freispülen der undichten Grundleitung und damit zu einer schnellen Kellerentleerung führte.

In der Konsequenz wurde durch die Grundwasserströmung Bodenfeinanteile aus dem Fundamentbereich gespült.Es traten so erhebliche Gebäudeschäden auf, die zu einer bauaufsichtlichen Sperrung des Hauses führten.

Das ist aber ein Einzelfall, der kein Grund ist, alle Hausanschlussleitungen ausnamslos europaweit inspizieren und sanieren zu müssen. Siehe dazu u.a.: Bewertung der Undichtheit von Grundstücksentwässerungsanlagen

In Gebieten, in denen hochwasserbedingt das Grundwasser Keller zu fluten vermag, können allerdings dichte Grundleitungen Fundamenschäden vermeiden.

Rückstauschleifen

Neben der Rückstausicherung, die in die Grundleitung eingebaut wird, kommen auch sog. „Rückstauschleifen“ zur Anwendung. Dabei handelt es sich um eine Abwasserdruckrohrschleife eines kleinen Abwasserpumpwerkes, welches das Abwasser aus Räumen, die unter der Rückstauebene liegen, über einen Hochpunkt in den öffentlichen Schmutzwasserkanal heben.

Siehe hierzu  z. B.

Wer ist für die Rückstausicherung verantwortlich?

Grundsätzlich ist in aller Regel der Grundstückseigentümer oder ggf. sein Beauftragter (Planer, Installationsbetrieb…) für den Schutz seines Grundstückes vor Rückstau selbst verantwortlich.

Einzelheiten (Höhe der Rückstauebene) sind in der Entwässerungssatzung festgelegt.

DIN 1986-1 Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke

Auszug:

„7.2.2 Schmutzwasser, das unterhalb der Rückstauebene anfällt, ist der öffentlichen Kanalisation über eine automatisch arbeitende Abwasserhebeanlage rückstaufrei (Heben über die Rückstauebene, Rückstauschleife) zuzuführen; abweichend davon darf bei Vorhandensein natürlichen Gefälles und für Räume in Bereichen untergeordneter Nutzung

– Schmutzwasser aus Klosettanlagen oder tirinalanlagen (fäkalienhaltiges Abwasser) über Rückstauverschlüsse nach DIN 19 578 Teil 143) abgeleitet werden, wenn der Benutzerkreis der Anlagen klein ist (wie z.B. bei Einfamilienhäusern, auch mit Einliegerwohnung) und ihm ein WC oberhalb der Rückstauebene zur Verfügung steht,

– Schmutzwasser ohne Anteile aus Klosettanlagen oder Urinalanlagen (fäkalienfreies Abwasser) über Rückstauverschlüsse nach DIN 1997 Teil 142) oder DIN 19 578 Teil 143) abgeleitet werden, wenn bei Rückstau auf die Benutzung der Ablaufstellen verzichtet werden kann.

Aggressive Kanalgase und fäkalienfreies Abwasser

Bei fäkalienfreiem Abwasser (DIN 1986 Teil 32) kommt es nicht allein darauf an, dass die Rückstausicherung keinen Kontakt mit Fäkalien hat, sondern auch darauf, dass der Gasraum der Grundstücksentwässerung keine Verbindung zu einem Kanal hat, der fäkalienhaltiges Abwasser führt oder der zu einer Kleinkläranlage führt in der fäkalienhaltiges Abwasser behandelt wird.

Im Falle des Einbaus einer Rückstausicherung wird Folgendes empfohlen:

  • Wenn die Leitung Abwasser führt, dann Einbau einer Rückstausicherung, die für abwasserführende Leitungen zugelassen ist.
  • Einbau durch einen Fachbetrieb und Gewährleistung des korrekten Einbaus, der korrekten Art der Rückstausicherung und des Einbaus an der richtigen Stelle durch einen Fachbetrieb
  • Wartung und Dokumentation der Wartung der Rückstausicherung lt. Vorschrift durch einen Fachbetrieb

Weitere Informationen:

Empfohlen wird als Leitfaden: Heinrichs u. a.: Kommentar zur DIN 1986 und DIN EN 1610 „Gebäude- und Grundstücksentwässerung“. Beuth Verlag GmbH, 6. Auflage, 2016.

Bei der Nachrüstung einer Rückstausicherung durch Eigenbau sollte man sich den Schaden vor Augen halten, der entsteht, wenn diese private Rückstausicherung deshalb nicht funktioniert!

Hinweise zu öffentlich-rechtlichen Verpflichtungen, wie sie Ingenieuren bekannt gemacht werden, können dem ATV-Handbuch „Planung der Kanalisation“ [4] entnommen werden.

Nach OHLENROTH [2] gilt: „Es gehört schon seit jeher zu den ungeschriebenen Grundsätzen eines Entwässerungsentwurfes, daß sich der Entwurfsverfasser auch Gedanken darüber macht, wo im Überstaufall das Überstauwasser bleibt.“

Entscheidend ist die Klärung der Frage, wo das Wasser im Grundstück hinfließt, wenn die Kanalisationsschächte – auch die reinen Schmutzwasserkanalschächte – bis Straßenoberkante überstaut sind?

In dem Fall, dass die am tiefsten liegende Entwässerungsöffnung der Grundstücksentwässerung, z. B. Fußbodenablauf im Keller oder in der tiefer liegenden Garage, Wasserablauf der Waschmaschine… im Keller liegt – unterhalb der Straßenoberkante (Rückstauebene) – dann ist ein Schutz vor Rückstau notwendig.

In dem Fall dagegen, dass die am tiefsten liegende Entwässerungsöffnung der Grundstücksentwässerung deutlich über der Straßenoberkante (Rückstauebene) liegt, dann ist kein Schutz vor Rückstau notwendig. Ein derartiger Fall ist z. B. dann vorstellbar, wenn das Haus am Hang und die Straßenoberkante z. B. unterhalb der Kellersohle liegt.

Keine Rückstausicherung ist notwendig, wenn beispielsweise die Grundleitung an der Kellerdecke aufgehängt wurde und es unterhalb der Straßenoberkante keine Öffnung dieses Entwässerungssystems im Haus oder im Grundstück gibt.

Abgesehen davon, dass es ein konkretes schriftliches Regelwerk – DIN – für die Vermeidung von Rückstau gibt, ist grundsätzlich ein Erfahrungssatz und ein Naturgesetz zu beachten:

  • In Kanalisationen kann es planmäßig und außerplanmäßig zu Einstau oder Rückstau kommen.
  • Flüssigkeiten (Abwasser) folgen dem Naturgesetz der kommunizierenden Röhren.

Allein daraus sind unter Beachtung der örtlichen Leitungsführungen Maßnahmen zur Rückstausicherung zu treffen.

Nachtrag am 19.112.2016:

Ob der Schadensfall durch einen Regen, Starkregen oder Extremregen verursacht wurde, ist für die Notwendigkeit des Rückstauschutzes unerheblich.

Wenn das schadenstiftende Wasser ausschließlich aus Entwässerungseinrichtungen (z.B.: aus Duschabläufe, Fußbodenentwässerung, Toiletten im Keller oder in Souterrainwohnungen) austrat, die unter der Rückstauebene liegen bzw. lagen, so ist die Tatsache einer Kellerflutung allein hinreichend für den Beweis, dass eine Rückstausicherung erforderlich ist.

Entscheidend für die Bewertung muss nicht die Rückstauebene der öffentlichen Entwässerungsanlage sein, sondern es kann allein oder außerdem die Situation der Grundstücksentwässerung relevant sein.

Gelangt das schadenstiftende Wasser nur zum Teil oder gar nicht aus Entwässerungseinrichtungen die unter der Rückstauebene liegen bzw. lagen, so sind zusätzlich die Aspekte des oberflächlich ablaufenden Wassers wasserwirtschaftlich und dann sicher auch rechtlich zu bewerten.

Siehe hierzu z.B. : Überflutungen – Ermittlung der Ursachen und Lösungswege

Nachtrag am 22.08.2017:

Merksatze:

  • Wenn ein Überflutungsschaden ausschließlich durch Wasser, egal welcher Art, verursacht wurde, welches aus wenigstens einer Entwässerungseinrichtung kam, die unterhalb der Rückstauebene lag, war eine Rückstausicherung erforderlich oder eine Vorhandene wurde nicht korekt ausgewählt, eingebaut, falsch gewartet oder hat aus welchen Gründen auch immer versagt.
  • Ob es beim Schadensereignis geregnet hat oder nicht, oder wie stark es geregnet hat spielt für die Notwendigkeit eines Rückstauschutzes keine Rolle.
  • Eine Kellerüberflutung über oder durch eine Entwässerunsgseinrichtung ist als Tatsache hinreichender Beweis für die Notwendigkeit einer Rückstauisicherung.
  • Sicherung vor Rückstau ist a.a.R.d.T. wenigstens seit 1921

Bezug von Rückstausicherungen

Links über die Funktion der Rückstausicherungen sowie über Bestelladressen von Rückstausicherungen wurden ohne Wertung und Kommentar aus dem Internet gezogen:

In aller Regel sind Rückstausicherungen von Baumärkten oder von Installationsfirmen zu beziehen.

Eine außergewöhnlich anschauliche Darstellung der Funktionen von Rückstausicherungen ist der Homepage der Wuppertaler Stadtwerke zu entnehmen.

Siehe auch: Überflutung

 Rechtsprechung:

Der Hausanschluss und die Prüfungspflichten des Installateurs

Siehe auch:

Referenzen:

 

Rückstau

Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)

Literatur:

[1] Heinrichs, Rickmann, Sindergeld, Störrlein: Gebäude- und Grundstücksentwässerung.
Kommentar zu DIN 1986;1. Aufl. Berlin: Bauverlag Beuth, 1995.

[2] Ohlenroth: Ein weiterer Beitrag zum BGH-Urteil vom 5. Oktober 1989 über die Bemessung von Regen-und Mischwasserkanälen. Korrespondenz Abwasser Heft 4/1991.

[3] Hosang, u.a.
Abwassertechnik
B.G. Teubner Stuttgart 1993

[4] ATV-Handbuch
Planung der Kanalisation
Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage, 1994

[5] Preißler/BollrichTechnische Hydromechanik
VEB Verlag für Bauwesen, Berlin 1980

[6] DIN Taschenbuch
Abwassertechnik
Gebäude und Grundstücksentwässerung
Beuth 1989

__________

Uwe Halbach
ö.b.u.v. Sachverständiger für Abwasserbeseitigung

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Artikel vom 8. Feb 2010, überarbeitet am 11.02.2017 und am 27.04.2017

Siehe auch: Wikipedia

 

 



Rückstau!

Inhalt:

Wenn Abwasser oder Fäkalien in den Keller strömen und keine Verstopfung der Grundstücksentwässerung vorliegt, dann handelt es sich meist um Rückstau. Dabei fließt dann im öffentlichen Kanal angestautes Abwasser über die Grundstücksentwässerungsleitung in den Keller.

Derartige Effekte sind seit zig-Jahren bekannt und die Vermeidung solcher Probleme gehört zu dem Grundwissen eines Fachingenieurs oder eines Installationsbetriebes.

Mit Rückstau ist grundsätzlich zu rechnen!

Welche Vorgänge laufen beim Rückstau ab?

Das Schema veranschaulicht die Entstehung eines Rückstaus in einem Schmutzwasserkanal.

Dargestellt wurde ein Schnitt durch ein Schmutzwasserkanalisationsfragment.

Nach dem unterliegenden Schacht im Schema wurde eine Störung (Kanaleinbruch) dargestellt.

(Zu gleichen Auswirkungen führen beispielsweise auch Ausfälle von Abwasserhebeanlagen.)

Ständig zufließendes Abwasser führt zu einer Vollfüllung des oberhalb liegenden Kanalabschnittes und zur Füllung betroffener Schächte.

Mit den Entwässerungskanälen sind die Grundstücke durch einen Hausanschlusskanal verbunden.

In dem Fall, dass der Gebäudekeller über eine offene ungeschützte Verbindung zum Hausanschlusskanal verfügt, wird der Keller nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren geflutet.

Diese offenen Verbindungen zum Hausanschlusskanal können z. B. Fußbodenentwässerungen, in Kellern aufgestellte Toiletten, Duschen u. a. m. sein.

Im Ergebnis der Überflutung steigt das Wasser in den „verbundenen Röhren“ so hoch wie die niedrigste „Röhre“ reicht.

In dem gezeichneten Fall ist dies die Oberkante des unteren Schachtes.

Wann ist ein Rückstau nicht möglich?

Ein Rückstau ist nicht möglich, wenn die Öffnungen der Hausentwässerung oberhalb der Straßenoberkante liegen. (Möglich sind Sicherheitszuschläge bis 30 cm.)

Nach [1, Seite 128 ] gilt:

„Entscheidend ist jeweils, daß ein Rückstau des Abwassers so lange unschädlich ist, wie ein Austritt … des Abwassers vermieden wird. Gibt es unterhalb „der Rückstauebene“ bei den Grundstücksentwässerungsanlagen ungesicherte Öffnungen oder Auslässe, so besteht die Gefahr, daß bei starken Regenfällen oder bei einer starken Inanspruchnahme des Abwassernetzes der Rückstau ein Ansteigen des Wassers in den Einlaufschächten und in den Räumen, in denen sich Öffnungen zur Abwassereinleitung befinden, nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren bis zur Rückstauebene hervorruft, wenn nicht besondere Schutzeinrichtungen eingebaut worden sind. Diese Gefahr zu vermeiden, liegt nicht nur im wohlverstandenen Interesse der angeschlossenen Grundstücke, sondern auch im öffentlichen Interesse einer geordneten Abwasserbeseitigung.“ [1/S. 128]

Der Rückstau kann sich aus verschiedenen Störungsereignissen, aber auch infolge planmäßiger Reinigungsarbeiten ergeben.

In der DIN 1986 Teil 1 und im Kommentar zur DIN gibt es ausführliche sowie eindeutige Hinweise, wie Kellerüberflutungen und Rückstau in Räumen auszuschließen sind.

Wesentliche Aspekte sind, dass Rückstau

  • ein planmäßiges Ereignis sein kann,
  • in der öffentlichen Kanalisation auch im laufenden Betrieb nicht dauerhaft vermieden werden kann.

„Ablaufstellen unterhalb der Rückstauebene müssen für den Rückstaufall gemäß DIN 1986-1, Abschnitt 7 gegen das Austreten von Abwasser gesichert werden, ansonsten kann Abwasser in das Gebäude eindringen. … Überflutungen gefährden Menschen, …, verursachen seuchenhygienische Gefahren und wirtschaftliche Schäden an Einrichtungen und Gebäuden. Diese Überflutungen sind vermeidbar. …“ [1/S. 127]

Wer ist für die Rückstausicherung verantwortlich?

Grundsätzlich ist in aller Regel der Grundstückseigentümer oder ggf. sein Beauftragter (Planer, Installationsbetrieb…) für den Schutz seines Grundstückes vor Rückstau selbst verantwortlich.

Einzelheiten (Höhe der Rückstauebene) sind in der Entwässerungssatzung festgelegt.

Weitere Informationen 

Hinweise zu öffentlich-rechtlichen Verpflichtungen, wie sie Ingenieuren bekannt gemacht werden, können dem ATV-Handbuch „Planung der Kanalisation“ [4] entnommen werden.

Nach OHLENROTH [2] gilt: „Es gehört schon seit jeher zu den ungeschriebenen Grundsätzen eines Entwässerungsentwurfes, daß sich der Entwurfsverfasser auch Gedanken darüber macht, wo im Überstaufall das Überstauwasser bleibt.“

Entscheidend ist die Klärung der Frage, wo das Wasser im Grundstück hinfließt, wenn die Kanalisationsschächte – auch die reinen Schmutzwasserkanalschächte – bis Straßenoberkante überstaut sind?

In dem Fall, dass die am tiefsten liegende Entwässerungsöffnung der Grundstücksentwässerung, z. B. Fußbodenablauf im Keller oder in der tiefer liegenden Garage, Wasserablauf der Waschmaschine… im Keller liegt – unterhalb der Straßenoberkante (Rückstauebene) – dann ist ein Schutz vor Rückstau notwendig.

In dem Fall dagegen, dass die am tiefsten liegende Entwässerungsöffnung der Grundstücksentwässerung deutlich über der Straßenoberkante (Rückstauebene) liegt, dann ist kein Schutz vor Rückstau notwendig. Ein derartiger Fall ist z. B. dann vorstellbar, wenn das Haus am Hang liegt und die Straßenoberkante z. B. unterhalb der Kellersohle liegt.

Keine Rückstausicherung ist notwendig, wenn beispielsweise die Grundleitung an der Kellerdecke aufgehängt wurde und es unterhalb der Straßenoberkante keine Öffnung dieses Entwässerungssystems im Haus oder im Grundstück gibt.

Abgesehen davon, dass es ein konkretes schriftliches Regelwerk – DIN – für die Vermeidung von Rückstau gibt, ist grundsätzlich ein Erfahrungssatz und ein Naturgesetz zu beachten:

  • In Kanalisationen kann es planmäßig und außerplanmäßig zu Einstau oder Rückstau kommen.
  • Flüssigkeiten (Abwasser) folgen dem Naturgesetz der kommunizierenden Röhren.

Allein daraus sind unter Beachtung der örtlichen Leitungsführungen Maßnahmen zur Rückstausicherung zu treffen.

Auszug aus einem Gerichtsgutachten von

Uwe Halbach, Werdau im September 1999

Rückstausicherungen

Links über die Funktion der Rückstausicherungen sowie über Bestelladressen von Rückstausicherungen wurden ohne Wertung und Kommentar aus dem Internet gezogen:
http://www.kessel.de/ewt/produkte/rueckstausicherungen/index.html.de
http://sentex.de/

In aller Regel sind Rückstausicherungen von Baumärkten oder von Installationsfirmen zu beziehen.

Literatur:

[1] Heinrichs, Rickmann, Sindergeld, Störrlein: Gebäude- und Grundstücksentwässerung.
Kommentar zu DIN 1986;1. Aufl. Berlin: Bauverlag Beuth, 1995.
[2] Ohlenroth: Ein weiterer Beitrag zum BGH-Urteil vom 5. Oktober 1989 über die Bemessung von Regen-
und Mischwasserkanälen. Korrespondenz Abwasser Heft 4/1991.
[3] Hosang, u.a.
Abwassertechnik
B.G. Teubner Stuttgart 1993
[4] ATV-Handbuch
Planung der Kanalisation
Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage, 1994
[5] Preißler/Bollrich
Technische Hydromechanik/1
VEB Verlag für Bauwesen, Berlin 1980
[6] DIN Taschenbuch
Abwassertechnik 1 – Gebäude und Grundstücksentwässerung
Beuth 1989




Überflutung

Überflutung – Ermittlung der Ursachen und Lösungswege

Die Ursachen einer Überflutung können vielfältig sein:

  • Starke Niederschläge?
  • Abflüsse, theoretische und tatsächliche!
  • Ungünstige Geländegestaltungen?
  • Waren Rückstausicherungen erforderlich?
  • Zu geringe Kanaldimensionierung?
  • Tatsächliche Leistung der Kanalisation?
  • Überflutung durch Kanalisationen?
  • Wege des Wassers?
  • Flutwege gepflegt und vorhanden?
  • Waren Flutwege erforderlich?
  • Flutung durch
    • Grundwasser?
    • bei Starkregen oberflächlich ablaufendes Wasser?
    • durch Gewässer?

Wer die Ursachen erforschte, der kennt auch Lösungen!

Unsere nachvollziehbaren und gut begründeten Gutachten zur Überflutung wurden schon in vielen Rechtsprechungen berücksichtigt.

Ein Beispiel unserer Mitwirkung: Urteil zur Überflutung eines Grundstückes

Siehe auch den Beitrag zur Bewertung einer Schadensursache als Rückstau, Einstau, Überstau und/oder Überflutung.

Weitere Informationen: Überflutung, Rückstau

Hatten Sie eine Überflutung? Dann denken Sie an die sofortige Beweissicherung bei Schäden infolge von Unwetter, Überflutung oder Rückstau!

Überflutung – Die Göltzsch tritt über ihre Ufer:

Überflutung Göltzsch 01 Juni 2013 _Nr05

Unscheinbar, aber das ist ein wichtiger Flutweg:

Fllutweg

Flutgraben Schackstedt – weiterer Verlauf

Siehe auch:

Rückstau

Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)

 




Unzureichende Bemessung

Mindestens fünfjähriger Berechnungsregen

  • „Der BGH führt zunächst aus, die Kanalisation sei unzureichend bemessen. Aufgrund seiner Rechtsprechung habe die Anlage nach den topographischen Gegebenheiten, vor allem der Hanglage des Geländes, der Bebauung sowie dem Ausmaß der dadurch bewirkten Bodenversiegelung, auf einen mindestens fünfjährigen Berechnungsregen ausgelegt werden müssen.
  • Denn der BGH habe bereits in einem Urteil aus dem Jahre 1983 die Auslegung einer Leitung nur auf einen einjährigen Berechnungsregen ohne Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse als unzureichend angesehen. Außerdem habe die Abwassertechnische Vereinigung im Arbeitsblatt A 118 vom Juli 1970 einen Sanierungsbedarf für diejenigen Abwasseranlagen vorgesehen, bei denen in allgemeinen Baugebieten ein Rückstau öfter als einmal in zwei Jahren auftrat.
  • Eine Haftung der Gemeinden für unzureichend bemessene Kanäle tritt nicht ein, wenn die Überschwemmungsschäden auch bei nach der Rechtsprechung des BGH ausreichender Auslegung eingetreten wären. Nach der Entscheidung des BGH haben die Gemeinden in diesen Fällen bei gerichtlichen Auseinandersetzungen den Beweis dafür zu erbringen. Dies war hier schwierig, da es sich um ein längeres Regenereignis handelte. Die Gemeinde konnte den Nachweis nicht erbringen, daß während der Zeit der größten Regenintensität auch das Fassungsvermögen einer auf einen fünfjährigen Berechnungsregen ausgelegten Anlage überschritten worden wäre.“

Quelle:
Dr. Paul-Martin Schulz;
BGH ZfW 1998, 496
Das neue Wasserrecht für die betriebliche Praxis
WEKA-Verlag

Siehe auch:

Rückstau

Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)

 

 




Berechnungsregen

Einjähriger Berechnungsregen nicht allein entscheidend

  • „Der BGH hat ausgeführt, eine Haftung der Gemeinde nach § 2 Abs. 1 Satz 1 HPflG besteht nur dann, wenn bereits in die Kanalisation eingeleitetes Abwasser von dort wieder austrete, etwa aus Gullys. Gelangt das Regenwasser bei Hochwasser erst nicht in die Kanalisation, sondern fließt ungefaßt in Keller, greift diese Haftung nicht ein. Denn in diesem Fall geht der Schaden nicht von der Rohrleitungsanlage aus. Außerdem kann der Ersatzberechtigte nicht besser gestellt werden, so als ob keine Leitung vorhanden ist.
  • Unter Bezugnahme auf seine frühere Rechtsprechung hat der BGH betont, daß nicht schematisch auf den einjährigen Berechnungsregen abgestellt werden kann. Die Überstauungshäufigkeit (Wasserspiegelanstieg bis in Geländehöhe) ist als Maßstab für die Auslegung der Kanalisation geeigneter als die Regenhäufigkeit. Im übrigen ist für die Bemessung eine Würdigung der Gesamtumstände vorzunehmen.“

Quelle:
Dr. Paul-Martin Schulz;
BGHZ 115, 141
Das neue Wasserrecht für die betriebliche Praxis
WEKA-Verlag

 

 




Überschwemmungshäufigkeit und Bemessungsregen

Überschwemmungshäufigkeit ist relevanter als Häufigkeit des Bemessungsregen

  • „Der BGH ist dem entgegengetreten. Der Schutz der Anlieger sei so nicht gewährleistet. Es sei nicht zumutbar, im Extremfall einmal jährlich einer Überschwemmung ausgesetzt zu werden. Dies entspreche nicht den anerkannten Regeln der Abwasserwirtschaft und Abwassertechnik.
  • Der Berechnungsregen kann dann nicht alleiniger Maßstab für die Dimensionierung der Anlage sein, wenn konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen, daß eine auf den Berechnungsregen zugeschnittene Anlage außerstande ist, das anfallende Regenwasser nicht nur in seltenen Ausnahmefällen, sondern darüber hinaus auch bei häufigeren zu berücksichtigenden Anlässen zu bewältigen. Dies ist etwa dann der Fall, wenn es in dem betroffenen Straßenzug trotz einer Auslegung auf den Berechnungsregen immer wieder zu Überschwemmungen kommt. Es bedarf deshalb einer umfassenden Würdigung aller maßgeblichen abwasserwirtschaftlichen, -technischen und topographischen Gegebenheiten für die Bemessung der gemeindlichen Kanalisation.“

Quelle:
Dr. Paul-Martin Schulz;
NJW 1990, 1167,
Das neue Wasserrecht für die betriebliche Praxis
WEKA-Verlag

 

 




Überflutungen von Grundstücken

Einige meiner kurz gehaltenen Meinungen…

(…die zu ändern, zu präzisieren oder zu ergänzen ich bei hinreichender Begründung durchaus bereit bin.)

  • Entscheidend zur Bewertung ist der Weg und die Herkunft des Wassers.
  • Der folgende Beitrag betrifft nicht Überflutungen, die durch Hochwasser verursacht werden.

1. Kellerüberflutungen durch Grund- und/oder Schichtenwasser

In der Regel ist der Grundstückseigentümer für Schutz bzw. Vorsorge und Folgen verantwortlich.

  • Hausabdichtung
  • Drainage, siehe folgende Abbildung

Kriterien für die Anordnung einer Drainage – Kriterien für die Anordnung einer Drainage – Quelle: Gebäude- und Grundstücksentwässerung, Kommentar zur DIN 1986 und DIN EN 1610, Beuth Verlag 2. Auflage 1998, S. 24

2. Kellerüberflutungen aus Entwässerungseinrichtungen

  • Verhinderung durch Rückstausicherungen.
  • Rückstausicherungen gibt es für Abwasser und für Niederschlagswasser.
  • Rückstausicherungen für Niederschlagswasser dürfen nicht für Abwasser eingesetzt werden.
  • Rückstausicherungen müssen nachweisbar gewartet werden.
  • Verantwortlich ist der Grundstückseigentümer.

3. Überflutungen über Kellerfenster oder Türen – Wasser von eigenen Grundstück

  • Wasser kommt aus Entwässerungseinrichtungen auf dem betroffenen Grundstück, dann mangelhafter Rückstauschutz und verantwortlich ist der Grundstückseigentümer.
  • Wasser stammt vom Niederschlag, der auf die Grundstücksfläche fällt, dann ist der Grundstückseigentümer für die Folgen verantwortlich, denn er hat seine Geländeoberfläche erfahrungsgemäß so zu gestalten, dass von dieser abfließendes Wasser schadlos um das Haus herum fließen kann. Die nachstehende Abbildung veranschaulicht ein Beispiel.
  • Eine Ausnahme: Der Planer einer inneren Erschließung eines Wohngebietes könnte verantwortlich sein, wenn keine Flutwege innerhalb des Wohngebietes vorgesehen wurden. (Bei dem Begriff einer Flutung muss man sich nicht eine gigantische Flutwelle vorstellen. Ein kleines Rinnsal mit z. B. 2 Litern Wasser je Sekunde kann – wenn es in einen Keller gelangt – diesen auch mit 14.000 Litern Wasser folgenreich fluten.)

Notwendige Geländegestaltung; Quelle: Federal Housing Administration: Land Planning. Bulletin Nr. 3. Abschnitt Block and Lot Grading, Washington D.C. (1954/8) aus: ATV-Handbuch, Planung der Kanalisation, Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage 1994

 

4. Überflutungen des Grundstückes und/oder des Gebäudes – Wasser kommt überwiegend von fremden Grundstücken

  • In der Regel ist die Partei verantwortlich, von der das Wasser kommt. (Ausnahmen, ggf. Konsultation: Fachanwalt für Verwaltungsrecht)
  • Mitunter hat aber der Oberlieger oder einzelne Bürger keine Möglichkeit sich vor Überflutungen zu schützen, wenn dies eine gemeinschaftliche Lösung erfordert. Der notwendige Bau z. B. eines Flutgrabens quer durch eine Siedlung übersteigt die Möglichkeiten der betroffenen Bürger. Dann ist m. E. der Niederschlagswasserbeseitigungspflichtige verantwortlich.
  • Flutwege ausweisen, Bürger von der besonderen Gefahr informieren, Flutrinne errichten und betreiben.
  • Die Notwendigkeit für das Ausweisen und den Ausbau von Flutwegen ist spätestens dann gegeben, wenn es in der Vergangenheit zu Überflutungen kam.
  • Die Konzeption von Flutwegen gehört seit wenigstens 80 Jahren zu den Grundlagen einer guten wasserwirtschaftlichen Ausbildung. Siehe Geißler: Erst entwässern, dann besiedeln!

Gepflegter historischer Flutgraben von Schackstedt (Sachsen-Anhalt) , Leistung ca. 18.000 m³/h

Siehe auch:

Genauere Bewertungen von Überflutungen bedürfen einer Einzelfalluntersuchung.

Ursachen stellt der Gerichtsgutachter fest und über die Schuldfrage entscheiden die Gerichte, also:

  1. Klären der technischen Ursachen: Gutachter
  2. erste Bewertung der Schuld: Fachanwälte für Verwaltungsrecht
  3. Entscheidung über Schuld: Richter

Uwe Halbach
ö.b.u.v. Sachverständiger für Abwasserbeseitigung der IHK Chemnitz

Siehe auch:

Rückstau

Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)

 




Künftige Bemessung von Kanalisationen

„Die derzeit prognostizierten Veränderungen der Niederschlagscharakteristik und demographische Entwicklungen werden einen signifikanten Einfluss auf stadthydrologische Planungen haben. Der Einfluss hängt dabei maßgeblich von den betrachteten Zielgrößen (Einleitungsabfluss, überstaute Schächte etc.), der aktuellen hydraulischen Auslastung des Netzes und der Topographie ab.

Das Festhalten an starren Bemessungs- und Auslegungsgrößen wird daher weder unter ökonomischen noch ökologischen Aspekten zielführend sein. Nach Einschätzung der Autoren werden vielmehr folgende Aufgaben in den Mittelpunkt rücken:

  • Zur Berücksichtigung der Auswirkungen von Klima- und demographischen Änderungen sind Belastungsszenarien mit einer entsprechenden Bandbreite zu entwickeln und der Planung zugrunde zu legen.
  • Untersuchungen zur Auswirkung der Klimaänderungen sollten niemals pauschal und isoliert, sondern nur im Rahmen von Sensitivitäts- und Risikoanalysen erfolgen.
  • Parallel dazu müssen gleichzeitig die vorhandenen Unsicherheiten der übrigen Eingangsparameter/Grundlagendaten stärker als bisher berücksichtigt werden.
  • Belastbare Aussagen zu Niederschlags- und Fremdwasserabflüssen im Rahmen von Planungen sind nur mit geeigneten Niederschlag-Abfluss-Modellen möglich, die für den aktuellen Zustand mit Messdaten kalibriert wurden. Teilweise sind dazu auch die bisherigen Modelle zu modifizieren, um realistischere Ergebnisse zu erhalten.
  • Insbesondere im Rahmen der Überflutungsvorsorge scheinen flexible und interdisziplinäre Planungskonzepte sinnvoll, die bei gestiegenen Anforderungen in Form von Stufenprogrammen umgesetzt werden können.
  • Die messtechnische Überwachung des tatsächlichen Betriebsverhaltens der Kanalisation wird an Bedeutung gewinnen. Damit verknüpft ist auch eine projektbegleitende Erfolgskontrolle zur Bewertung durchgeführter Maßnahmen.“

Quelle:

Klaus Hans Pecher und Holger Hoppe
Künftige Bemessung von Kanalisationen
Korrespondenz Abwasser – Abfall
2011 (58) Nr. 2, S.  121-127

Siehe auch:

  • Rückstau




Kein Verbot des Mischwassersystems!

„Mit Wirkung zum 01.03.2010 ist das neue Wasserhaushaltsgesetz des Bundes in Kraft getreten.

Gleichzeitig hat der Freistaat Bayern das neue Bayerische Wassergesetz angepasst und ebenfalls zum 1. März in Kraft treten lassen.

In verschiedenen Veröffentlichungen wird bereits das Ende der Mischentwässerung als Konsequenz aus dem neuen Gesetz (§ 55 Abs. 2 WHG) herausgelesen, was bei einer Vielzahl von Netzbetreibern „panikartige“ Reaktionen hervorgerufen hat.

Mehrere Nachfragen in unserem Büro, ob nunmehr tatsächlich das in den letzten 60 Jahren errichtete Mischsystem komplett außer Betrieb genommen werden muss, zeigen, wie brisant dieses Thema ist.

Denn ein Umbau, sofern technisch überhaupt realisierbar, würde unüberschaubare Investitionsaufwendungen nach sich ziehen.

Bei genauer Durchsicht des Gesetzes, wird jedoch unter dem einschlägigen Paragraphen ausgeführt, dass das Niederschlagswasser ortsnah versickert, verrieselt oder direkt über eine Kanalisation ohne Vermischung mit Schmutzwasser in ein Gewässer eingeleitet werden soll.

Es liegt also eine Soll-Vorschrift und keine Muss-Vorschrift vor.

Es ist daher unzulässig, von einem rechtskräftigen Ende des Prinzips der Mischkanalisation oder gar von einem Vermischungsverbot zu reden. Wer in dieser Form mit dem neuen Gesetz umgeht, hat dieses entweder nicht genau gelesen oder verfolgt irgendwelche unlauteren Geschäftsinteressen.

Unabhängig davon geht die zukünftige Entwicklung gerade bei Neuerschließungen in die Richtung einer dezentralen Regenwasserbewirtschaftung.

Eine Vielzahl von Projekten konnte in dieser Form in der Vergangenheit erfolgreich realisiert werden.

Bei bestehenden Mischsystemen wird wo möglich eine Flächenabkopplung angestrebt, um so neue Netzreserven für Extremereignisse (Stichwort Klimafaktor) zu erhalten.

Diesen Möglichkeiten und Erkenntnissen trägt natürlich das neue Gesetz Rechnung.

Dies darf aber nicht mit einem Verbot einer Mischentwässerung gleichgesetzt werden.“

Quelle:

INGENIEURBÜRO HOSSFELD & FISCHER

BERATENDE INGENIEURE
Bauherreninfo Nr. 37 vom 6.3.2010

Internet: www.HundF.de





Einführung in die Siedlungsentwässerung

Inhaltsverzeichnis

  • Schmutzwasserherkunft und -mengen
  • Häusliches Schmutzwasser
  • Gewerbliches und industrielles Schmutzwasser
  • Auswahl des Entwässerungssystems
  • Anwendung des Mischsystems
  • Anwendung des Trennsystems
  • Modifizierte Systeme
  • Ableitung des Abwassers
  • Freispiegelentwässerung
  • Sonderentwässerung
  • Druckentwässerung
  • Vakuumentwässerung
  • Auswahl der Sonderentwässerung
  • Sonderbauwerke
  • Regenüberlaufbecken
  • Regenrückhaltebecken
  • Regenwasserableitung und -mengenermittlung
  • Fremdwasser

Schmutzwasserherkunft und -mengen

Bei der Abwasserbeseitigung ist aus Sicht der Behandlung das Abwasser prinzipiell in drei Gruppen zu unterteilen. Diese sind:

  1. Schmutzwasser aus häuslichen und industriell-gewerblichen Quellen
  2. Regenwasser (einschließlich Schmelzwasser)
  3. Fremdwasser (Drainage- und Sickerwasser, Brunnenüberläufe, Bäche…)

Dabei ist im allgemeinen nur das Schmutzwasser behandlungswürdig. Regenwasser (mit Ausnahme von stark verschmutzten Einzelflächen) und Fremdwasser sollte dagegen weitestgehend direkt und auf kürzestem Wege in einen Vorfluter abgeleitet werden.

Häusliches Schmutzwasser

Zum häuslichen Schmutzwasser sind alle Wässer zu rechnen, die durch häuslichen Gebrauch verunreinigt werden. Dabei ist es unerheblich, ob diese Wässer aus einer öffentlichen (TW-Leitung) oder privaten (Brunnen) Trinkwasserversorgung oder einer Brauchwasseranlage (Brunnen, Vorfluter, Regenwasserspeicher) entnommen wurden. Im Einzelnen sind dies:

  1. Waschwasser
  2. Badewasser
  3. Spülwasser
  4. Wasser aus der Raumreinigung
  5. fäkalhaltiges Wasser

Für die Mengenermittlung können nur im Idealfall die verkauften Trinkwassermengen zugrunde gelegt werden.
Bei Erweiterung der Einzugsgebiete bzw. der verstärkten Nutzung von privaten Trink- und Brauchwasserquellen kann in den seltensten Fällen auf Messergebnisse zurückgegriffen werden. Oft können hier allein Schätzungen einen brauchbaren Bemessungswert ergeben.

Als erster Anhaltspunkt wären Literaturwerte und Angaben der Abwassertechnischen Vereinigung (ATV-A 118) heranzuziehen. Der hier angegebene tägliche Schmutzwasseranfall liegt in folgender Größenordnung:

Tabelle 1: Schmutzwassermengen nach ATV-A 118

Die hier angegebenen Schmutzwassermengen können allerdings nur zur Dimensionierung der Kanäle herangezogen werden, da diese für eine lange Betriebszeit (mindestens 50 Jahre) zu bemessen sind und deshalb entsprechende Reserven ausweisen müssen.

Für die Bemessung von Kläranlagen und Sonderbauwerken ist die in Tabelle 1 angegebene Wassermenge jedoch wesentlich zu hoch, da beispielsweise der mittlere Trinkwasserverbrauch bundesweit etwa bei 110 l/E*d (oft noch niedriger) liegt.

Gewerbliches und industrielles Schmutzwasser

Das gewerbliche bzw. industrielle Schmutzwasser setzt sich hauptsächlich aus folgenden Komponenten zusammen:

  1. Produktionswasser (technologisch bedingt)
  2. Reinigungswasser
  3. Kühlwasser (im allgemeinen nicht in die Kanalisation einzuleiten)
  4. Sanitärabwasser

Dabei sind jedoch nicht nur Betriebe zu berücksichtigen, sondern auch weitere gewerbliche Bereiche, wie Hotels und Gaststätten, Krankenhäuser und Sanatorien, Schulen, Campingplätze…

Abwassermengen aus gewerblichen und industriellen Bereichen sind durch Befragung und Erhebung und u. U. über eine Abwassermengenmessung zu ermitteln. Unter keinen Umständen dürfen hier Eigenversorgungen aus betrieblichen Wasserversorgungsanlagen vergessen werden.

Für geplante Industrie- und Gewerbegebiete, bei denen der tatsächliche Besatz noch unklar ist, können folgende Empfehlungen der ATV-A 118 [12] herangezogen werden:

  • Betriebe mit geringem Wasserverbrauch 0,5 l/s*ha
  • Betriebe mit mittlerem Wasserverbrauch 1,0 l/s*ha
  • Betriebe mit hohem Wasserverbrauch 1,5 l/s*ha

Auch hier sollte unbedingt zwischen hydraulischer Bemessung der Sammler (Angaben nach A 118 brauchbar) einerseits und Auslegung der Sonderbauwerke und der Kläranlage (Angaben nach A 118 meist deutlich zu hoch) andererseits unterschieden werden.

Auswahl des Entwässerungssystems

Prinzipiell kann zwischen drei Varianten der Entwässerung entschieden werden:

  • Mischsystem
  • Trennsystem
  • modifizierte Systeme

Bei der Planung einer Ortskonzeption sind diese Varianten zu betrachten und im Rahmen eines Variantenvergleiches zumindest Misch- und Trennsystem hinsichtlich ihrer Folgekosten bei Abwasserableitung und -behandlung gegenüberzustellen.

Bild 1: Entwässerungssysteme

Prinzipiell sollte sich die Auswahl des Entwässerungssystems an dem vorhandenen Netz orientieren. Bei Neuerschließung eines Einzugsgebietes oder bei der Umgestaltung bebauter Bereiche können folgende Ausführungen eine Entscheidungshilfe sein.

Anwendung des Mischsystems

Bei einem klassischen Mischsystem werden alle Abwässer (Schmutz- und Regenwasser) gemeinsam in einem Sammler abgeleitet und an geeigneter Stelle mittels Regenüberlaufbauwerk entlastet. Dadurch wird bei Trockenwetter der gesamte Trockenwetterabfluss der Kläranlage zugeführt. Bei Regenwetter wird der erste stark verschmutzte Spülstoß vom Beginn eines Regenereignisses sowie ein Teil des Regenwetterabflusses (mindestens die doppelte Schmutzwassermenge und das Fremdwasser) auf der Kläranlage behandelt. Der Hauptteil des (weniger belasteten) Niederschlages wird dagegen direkt an den Vorfluter abgeschlagen.

Der Aufbau eines Mischsystems ist dann von Vorteil, wenn in unmittelbarer Nähe kein geeigneter Vorfluter für eine direkte Ableitung des Regenwassers auf kurzem Weg zur Verfügung steht, d. h. ohnehin ein aufwendiges Netz für die Regenentwässerung erforderlich wäre.

Damit entsteht nur der Aufwand für ein Kanalsystem anstelle von zwei parallelen Kanalsystemen.

Vor allem in Städten mit älterer Bausubstanz ist weiterhin zu beachten, dass der Aufwand zur Trennung von Schmutz- und Regenwasser oftmals sehr hoch ausfällt:

  • Es besteht die Gefahr von Fehlanschlüssen in dicht bebauten Gebieten bei einer Umgestaltung vom Misch- zum Trennsystem.
  • Die meist mehrstöckigen Wohnhäuser werden oft im Mischsystem entwässert (sanitäre, nicht fäkalische Abwässer werden in die Regenfallrohre eingeleitet, Hofentwässerungen sind in die Hausanschlussleitung eingebunden, welche zu weiteren – hinter der Straßenfront liegenden – Gebäuden führen).
  • Eine Trennentwässerung kann hier oft nur aufgebaut werden, wenn vor dem Anschluss der Häuser innerhalb aller Gebäude eine komplette – und somit kostenintensive – Neuinstallation erfolgt ist.
  • Die erforderliche Umstellung in den Häusern parallel mit der Kanalisationsverlegung in der Straße führt oft zu großen technischen und organisatorischen Problemen.

Ein weiteres Argument für die Errichtung eines Mischsystems ist oftmals die relativ starke Verschmutzung der zu entwässernden Flächen bei dichter Bebauung und hoch belasteten Verkehrsflächen.

Der Vorteil des Mischwasserkanals liegt insbesondere in den meist praktisch geringeren Unterhaltskosten, da die Regenereignisse eine Spülwirkung haben.

Als Nachteile des Mischsystems stellen sich vor allem die kostenintensiven Regenüberlaufbauwerke und die relativ hohen Schmutzfrachten dar, die bei den Entlastungsereignissen dem Vorfluter zugeführt werden.

Außerdem können Fremdwässer nicht eingeleitet werden bzw. müssen sie mit hohen technischen und finanziellen Aufwand eliminiert werden, da Fremdwässer zu erheblichen Betriebsproblemen der Abwasserentsorgung (Transport zur Kläranlage, zwangsläufige „Mitbehandlung“, erhöhte Abwasserabgabe…) führen können.

Nachteilig ist weiterhin, dass erheblich höhere Wassermengen durch Regenereignisse zur Kläranlage gelangen, weil besonders bei lang anhaltenden Niederschlägen geringer Intensität keine oder nur geringe Entlastungen durch die Überlaufbauwerke erfolgen (Transport- und Behandlungskosten).

Anwendung des Trennsystems

Ein Trennsystem zeichnet sich durch die Verlegung zweier paralleler Sammler aus. Im Schmutzwassersammler werden alle Schmutzwässer gefasst. Der Regenwassersammler dient dagegen der Ableitung des Regen- und Schmelzwassers sowie des Fremdwassers.

Die Vor- und Nachteile des Trennsystems ergeben sich natürlich aus dem Umkehrschluss zu den genannten Vor- und Nachteilen des Mischsystems.

Ein Trennsystem empfiehlt sich genau dann, wenn am Standort eine Regenwasserableitung in Vorfluter/Gräben o. ä. auf kurzem Wege möglich ist und somit keine aufwendige Regenentwässerung erforderlich wird.

Die günstigste Entwässerungsvariante besteht natürlich in den Fällen, in denen generell nur ein Schmutzwassernetz erforderlich ist, d.h. auf die kostenintensive Regenwasserfassung (fast) völlig verzichtet werden kann (Entwässerung im ländlich strukturierten Bereich).

Wird die Variante der reinen Schmutzentwässerung angestrebt, sollte aber das Gespräch mit dem Betreiber vor Ort sowie mit den jeweiligen Anwohnern gesucht werden, um kritische Bereiche der natürlichen Regenwasserableitung (Einstau bei Niederschlägen, Pfützenbildung, verstärkte Eisbildung auf den Straßen im Winterhalbjahr…) zu selektieren.

In allen übrigen Fällen sollte aber das Regenwasser wie bisher

  • durch Versickerung,
  • durch Ableitung an der Oberfläche in das Gelände/Gräben,
  • in unmittelbar am Grundstück befindliche Wasserläufe/Gräben

abgeleitet werden.

Inwieweit für das Schmutzwassernetz letztendlich eine traditionelle Freispiegelentwässerung oder aber ein Sonderentwässerungsverfahren (Druckentwässerung; Vakuumentwässerung) zum Einsatz kommt, ist jeweils anhand der Verhältnisse (Kosten, Topographie; Anschlussdichte, Wasserschutzgebiete…) vor Ort zu entscheiden.

Modifizierte Systeme

Modifizierte Systeme stellen eine Mischform beider Systeme dar.

Sie basieren auf der Reduzierung bzw. vollständigen Vermeidung der abzuleitenden Regenwassermengen durch kurze (möglichst auch oberflächliche) Ableitung zum Vorfluter bzw. Versickerung auf den Grundstücken.

Nur das anfallende Schmutzwasser und das Regenwasser von stark verschmutzten Einzelflächen (Bundesstraßen, bestimmte Gewerbeflächen…) kommt zur Ableitung und Behandlung.

Es ist bei jeder Planung einer Ortsentwässerung in jedem Fall darauf zu achten, dass die entsprechenden Variantenvergleiche hinsichtlich der Entwässerungssysteme durchgeführt werden, da das Kanalnetz den dominierenden Kostenfaktor bei der Abwasserbeseitigung darstellt.

Ableitung des Abwassers

Freispiegelentwässerung

Die klassische Möglichkeit, Abwasser vom Entstehungs- bzw. Anfallort zur Behandlung oder Einleitung zu transportieren, ist die Freispiegelentwässerung. Hierbei wird unter Ausnutzung der Erdbeschleunigung das Wasser entsprechend der natürlichen Entwässerungsrichtung abgeleitet.

Sonderentwässerung

Der Einsatz von Sonderentwässerungsverfahren erfolgt zum einem aufgrund topographischer Bedingungen, die eine reine Freispiegelentwässerung nicht möglich bzw. nicht sinnvoll erscheinen lassen, und zum anderen bei der Entwässerung relativ dünn besiedelter Gebiete, da sich dort aufgrund der geringen Einwohnerdichte sehr hohe spezifische Kanallängen pro Einwohner ergeben. Mit einer Sonderentwässerung lassen sich dann im Vergleich zum Freispiegelkanal vergleichsweise geringe Kosten pro Meter Sammler erzielen.

Eine pauschale Angabe zum Grenzbereich zwischen Anwendung der Freispiegelentwässerung und einer Sonderentwässerung (wie Druckentwässerung) – z. B. in Abhängigkeit der durchschnittlichen Sammlerlänge pro Einwohner – ist nicht möglich, da aufgrund verschiedener Besiedlungsstrukturen völlig unterschiedliche Ergebnisse erzielt werden können. Entscheidend ist hierbei u.a. die Anzahl der erforderlichen Hausanschlüsse. Es ist also in jedem Fall eine Einzelprüfung erforderlich, ob im konkreten Anwendungsfall eine traditionelle Freispiegelentwässerung oder eine Sonderentwässerung zum Einsatz kommen sollte.

Prinzipiell kann jedoch davon ausgegangen werden, dass es sinnvoll ist, ab einer Größenordnung von ca. 6 m Kanal/E zu prüfen, inwieweit eine Sonderentwässerung Kostenvorteile erbringt; als pauschale Grenzgröße ist dieser Wert jedoch nicht geeignet.

Druckentwässerung

Bei Anwendung von Druckentwässerung zur Schmutzwassersammlung in Orten/Ortsteilen werden im Normalfall Druckleitungen (überwiegend PE) im Dimensionsbereich DN 50 bis DN 110 eingesetzt.

Unterhalb DN 80 erfolgt grundsätzlich bei einer Förderung von Rohabwasser der Einsatz von Schneidradpumpen.

Als Hauspumpstationen kommen üblicherweise Fertigteil-Kompaktpumpstationen zum Einsatz.

Bei den meisten Fabrikaten handelt es sich hierbei um Fertigteilschächte aus PE oder Beton, ausgerüstet mit einer Tauchpumpe geringer Fördermenge/Förderhöhe (ca. 5 l/s auf 15 m), wobei die meisten Hersteller aufgrund des geringen Durchgangs dieser Aggregate Schneidradpumpen zum Einsatz bringen.

Nachteile der Druckentwässerung:

  • gegenüber der Freispiegelentwässerung erhöhter Wartungsaufwand für die Pumpwerke (bei größeren Netzen ab ca. 400 DM/a*PW)
  • kürzere Abschreibungszeiträume für die Ausrüstungsanteile
  • Verweildauer bei längeren Strecken (Ablagerungen, Anfaulen des Abwassers – ggf. Anordnung einer Druckluftspülstation)
  • Einsatz von Fremdenergie

Nicht korrekt ist jedoch das allgemeine Vorurteil hinsichtlich der Energiekosten, da z.B. bei einem durchschnittlichen Hauspumpwerk eines Einfamilienhauses lediglich Energiekosten in der Größenordnung von ca. 10 – 20 DM/a anfallen.

Vakuumentwässerung

Die Kosten für das Leitungsnetz gestalten sich analog zur Druckentwässerung.

Ein Vorteil der Vakuumentwässerung besteht darin, daß aufgrund des Unterdruckes kein Abwasser in das Grundwasser sickern kann (Wasserschutzgebiete!).

Im Havariefall (Undichtheit) ist allerdings die Abwasserableitung nahezu unterbunden, andererseits ist die Leckagesuche relativ leicht durchzuführen.

Die Hausanschlussstationen sind im Falle der Vakuumentwässerung deutlich kostengünstiger als bei der Druckentwässerung, allerdings fallen die relativ aufwendigen Vakuumstationen bei Kostenvergleichen stark ins Gewicht.

Im Ergebnis ist eine Vakuumentwässerung nur bei einer relativ großen Anzahl derart anzuschließender Grundstücke wirtschaftlicher als eine analog verlegte Druckentwässerung.

Auswahl der Sonderentwässerung

Nachfolgendes Diagramm zeigt diesen Sachverhalt nur an Hand der primär anfallenden Investitionskosten (nur Investitionskosten für Pumpstationen bzw. Vakuumstationen u. Hausanschlussstationen, die Sammlernetze sind in etwa kostenäquivalent):

Diagramm 1: Kostenvergleich Druckentwässerung/Vakuumentwässerung

Die Wirtschaftlichkeit des jeweiligen Entwässerungssystems im direkten Vergleich ist also stark von der Anzahl der zugehörigen Stationen abhängig.

Das Diagramm bietet die Möglichkeit abzuwägen, inwieweit z.B. der Einsatz einer speziellen Sonderentwässerung wirtschaftlich ist.

Insbesondere im Grenzbereich ist jedoch ein Betriebskostenvergleich erforderlich. Die größten Differenzen bei den Betriebskosten im Vergleich der Systeme sind im Bereich der Wartungskosten zu erwarten.

Zu beachten ist allerdings, daß die Einsatzmöglichkeit der Vakuumentwässerung stark von der Topographie des Einzugsgebietes abhängt, da diesem Entwässerungssystem mit 3 bis 4 m geodätischer Höhendifferenz mit durchschnittlichem Aufwand eine Grenze gesetzt ist.

Sonderbauwerke

Zu den Sonderbauwerken werden folgende Anlagen der Kanalisation gezählt:

  • Regenbecken (Regenüberlaufbecken, Regenklärbecken, Regenrückhaltebecken)
  • Regenüberläufe
  • Pumpwerke
  • Ein- und Auslaufbauwerke

Regenüberlaufbecken

Eine der Hauptaufgaben der Ortsentwässerung ist die schadlose Ableitung der anfallenden Regenwassermengen.

Da während eines Regenereignisses die zur Ableitung kommende Abwassermenge um ein Vielfaches – gegenüber dem Trockenwetterabfluss – erhöht wird, ist durch geeignete Maßnahmen der Abfluss zur Kläranlage zu begrenzen. Dies geschieht im allgemeinen durch den Einsatz von Regenbecken.

Ziel ist es, dass anfallende unverschmutzte bzw. nur gering belastete Regenwasser dem Vorfluter zuzuführen.

Im Mischsystem werden deshalb Regenüberlaufbecken vorgesehen, die nur den Trockenwetterabfluss und einen Teil des Regenwetterabflusses der Kläranlage zuführen (vergl. Abschnitt 2.1).

Regenrückhaltebecken

Bei Trennsystemen wird zur hydraulischen Entlastung auf Regenrückhaltebecken zurückgegriffen, welche den gesamten Regenwasseranfall zwischenspeichern und dann gedrosselt an den Vorfluter bzw. den folgenden Kanalabschnitt abgeben. Solche Rückhaltebecken sollten in Mischsystemen nur in Ausnahmefällen angewendet werden, da in diesem Fall kein Abwurf in den Vorfluter erfolgt, und deshalb ein Hauptteil des gespeicherten Regenwassers zur Kläranlage abgeleitet wird und dort hohe Betriebskosten verursacht.

Regenklärbecken

Der Einsatz von Regenklärbecken wird immer dann erforderlich, wenn das abgeleitete Regenwasser nicht den Anforderungen zum Einleiten in den Vorfluter entspricht. Dies trifft oft nur bei sehr kleinen oder sensiblen Vorflutern, bei Schutzgebieten bzw. bei stark verschmutzten Einzelflächen zu. Keinesfalls ist davon auszugehen, daß Regenwasser aus normaler Wohnbebauung (im Trennsystem abgeleitet) behandlungswürdig ist.

Regenwasserableitung und -mengenermittlung

Zur Dimensionierung von Regen- und Mischwassersammlern ist immer die abzuführende Regenwassermenge bestimmend.

Folgende grundlegende Ausgangswerte sind für die Bemessung der Freispiegelsammler entscheidend:

Berechnungsregen

Basis sollten langjährige Niederschlagsmessungen unter Anwendung statistischer Methoden für ein bestimmtes Gebiet sein (z. B. Meteorologisches Gutachten vom Deutschen Wetterdienst).

Regenhäufigkeit

Die Regenhäufigkeit dient der rechnerischen Ermittlung des Regenabflusses und ist deshalb von besonderer Bedeutung. Sie drückt das Sicherheitsbedürfnis der Kommune für ein bestimmtes Gebiet gegen Überflutung im Starkregenfall aus und schlägt sich in der statistischen Sicherheit nieder.

Grundlage der Festlegung ist das ATV-Regelwerk A 118 [12].

Regendauer

Die Regendauer wird maßgebend von der Neigung der Einzugsfläche sowie deren Befestigungsgrad (BFG) bestimmt. Auch hier gilt das Arbeitsblatt A 118 als Anhaltspunkt.

Fremdwasser

Zum Begriff „Fremdwasser“ werden alle die Wässer zusammengefasst, die nicht durch den häuslichen oder gewerblich-industriellen Gebrauch verunreinigt werden oder aus Niederschlagsereignissen hervorgehen.

Im einzelnen sind dies besonders Drainage- und Sickerwasser, Brunnenüberläufe, Bäche und in den Schmutzwassersammler eindringendes Regenwasser.

Fremdwassermengen sind am besten durch Messung in den Nachtstunden zu ermitteln. Liegen keine zuverlässigen Messungen vor, so kann u. a. wieder die ATV mit den Arbeitsblättern A 118 [12] und A 128 [16] herangezogen werden.

Für die Bemessung von Kanälen (A 118) werden oft in Ermangelung genauer Messungen folgende Ansätze gemacht:

  • Misch- und Regenwasserkanäle: Qf24 = 25 % – 40 % Qs24
  • Schmutzwasserkanäle: Qf24 = 100 % Qs24

Bei Sonderbauwerken (Regenüberlaufbauwerke A 128) weichen diese Mengen deutlich von der A 118 ab. Es gelten im allgemeinen folgende Ansätze, bezogen auf die undurchlässige Fläche des Einzugsgebietes:

  • neue Kanäle Qf24 = 0,05 l/s*ha
  • normale Kanäle Qf24 = 0,10 l/s*ha
  • alte Kanäle Qf24 = 0,15 l/s*ha

Diese allgemeinen Ansätze können jedoch nur als Orientierung dienen und sind auf die besonderen Bedingungen des Einzugsgebietes (z. B. Grundwasserstand, Zustand der Kanäle…) abzustimmen.

Werdau, im Juni 2003

Dr. -Ing. Jens Friedemann
Institut für Wasserwirtschaft Halbach

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