Rückstau, Einstau, Überstau, Überflutung

Überflutung – Bewertung einer Schadensursache

Bewertung einer Schadensursache als Rückstau, Einstau, Überstau und/oder Überflutung

Uwe Halbach
ö.b.u.v. Sachverständiger für Abwasserbeseitigung

(Beitrag vom Februar 2010, mehrmals ergänzt)

Bei der Bewertung der Schadensursache durch Wasser aus Kanalisationen ist nach [2], [3] und [5] zu differenzieren zwischen:

  • Einstau – Wasserstand zwischen Rohrscheitel und GOK (hinreichend präzise: Schachtdeckelunterkante wird nass). Der Energiespiegel im Abwasserkanal steigt über den Rohrscheitel = Rückstau, d. h. das Abwasser bleibt im Kanalsystem
  • Überstau – Wasserstand auf bzw. über GOK. Insoweit als Bezugsebene für den Überstau die GOK gewählt wurde – siehe auch empfohlene Überstauhäufigkeiten Tabelle 3 [2] – entspricht ein Überstau einem Wasseraustritt aus der Kanalisation (hinreichend präzise: Kanaldeckeloberkante wird nass) „Überstau bezeichnet einen Zustand, bei dem der Wasserstand die Geländeoberkante erreicht und das Wasser aus dem Kanalnetz auszutreten beginnt bzw. zufließendes Wasser nicht vom Kanalnetz aufgenommen werden kann.“ [5]
  • Überflutung – Auftretende Schäden bzw. Funktionsstörungen durch Überstau. Energielinie bis über Gelände, Abwasseraustritt aus dem Kanal. Abwasser fließt auf Überschwemmungswegen ab, d. h. das Abwasser fließt z. T. oder vollständig aus dem Kanalsystem heraus. (Kanaldeckeloberkante wird nass und durch den Wasseraustritt können Schäden entstehen) „Als Überflutung wird in Deutschland ein Zustand angesehen, bei dem ein Wasserstand auf der Oberfläche auftritt, der einen Schadensfall nach sich ziehen kann.“ [5]  (Kommentar: Die Kombination mit der Möglichkeit eines Schadens überzeugt nicht. Massives Austreten von Wasser z. B. aus einem Schachtdeckel ist hydraulisch gesehen eine Überflutung, die nicht regelgerecht und nach der DIN  752-2 zu  begrenzen ist. Oberflächenüberflutung nach DIN 752-1: „Zustand, bei dem Schmutzwasser und/oder Regenwasser aus einem Entwässerungssystem entweichen oder nicht in dieses eintreten können und entweder auf der Oberfläche verbleiben oder von der Oberfläche her in Gebäude eindringen (siehe auch „Überflutung“)“ und Überflutung nach DIN 752-1: “ Zustand, bei dem Schmutzwasser und/oder Regenwasser aus einem Entwässerungssystem entweichen oder nicht in dieses eintreten können oder in Gebäude eindringen.“ )

(GOK = Geländeoberkante)

Meine Ergänzungen:

1. Rückstau = Wasserspiegel im Kanal wird angehoben, berührt aber noch nicht den Rohrscheitel. Berührt er den Rohrscheitel, dann wird der Rückstau aus hydraulischer Sicht zum Einstau. Nach allgemeinem Verständnis bleibt es ein Rückstau.

2. Hinsichtlich Überflutung bei der Siedlungsentwässerung in Kombination mit der Möglichkeit von Schäden durch Wasserabfluss außerhalb von Kanalisationen:

  • Überflutung durch oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser innerhalb der Siedlung
    • oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser gelangt gar nicht erst in Kanalisationen, weil diese
      • überlastet oder
      • nicht leistungsfähig genug sind oder
      • nicht vorhanden sind
  • oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser von außen liegenden Gebieten (z. B. Wiesen, Feldern, Wald) verursacht Schaden
    • durch seinen oberflächlichen Ablauf
    • durch sein nicht berücksichtigtes Eindringen in Kanalisationen (Folge: Überlastung der Kanalisationen)

Ggf. Planungsmangel: Abflüsse in Gräben oder kaum sichtbar ausgeprägten Tälern, die sich nur bei Starkregen mit Wasser füllen, werden unterschätzt oder gar nicht berücksichtigt. Das betrifft auch das Füllen von Mulden in Siedlungen bei Extrem- oder Starkregen.

Die Ableitung oberflächlich ablaufenden Niederschlagswassers von außen liegenden Gebieten in Kanalisationen ist ein Ausnahmefall, der besonderer Vorkehrungen bedarf.

In der Regel sollte die Abflussspitze von oberflächlich ablaufenden Niederschlagswassers von außen liegenden Gebieten durch Seen und/oder Regenrückhaltebecken vergleichmäßigt werden und der Abfluss dann gedrosselt unmittelbar in die Vorfluter möglichst in Gräben abgeleitet werden.

Hinweise zur Wertung von Rückstau

Im Fall eines Gutachtens für die Stadt Bornheim waren Überflutungen bzw. Kanalüberschwemmungen infolge Überstau relevant. Bei der Erstellung der Generalentwässerung wurde erkannt, dass ein Gebiet überflutungsgefährdet ist.

Es gelang zwar mit Erfolg die hydraulische Leistung der betreffenden Kanalabschnitte im Zuge der folgenden Kanalbaumaßnahmen deutlich zu vergrößern. Ein über die Spende des angesetzten Bemessungsregens hinausgehendes Ereignis führt aber trotzdem zwangsläufig zu einer Überflutung dieses Gebietes.

Nach dem technischen Regelwerk A 118 „Hydraulische Bemessung und Nachweis von Entwässerungssystemen“ [2] gilt:

Ist eine Überflutung angrenzender Grundstücke aufgrund der topographischen und sonstigen örtlichen Gegebenheiten zu befürchten, sind geeignete (konstruktive) Maßnahmen am Straßenverlauf umzusetzen oder die Ableitung des überschüssigen (Ab-)Wassers in ungefährdete Flächen zu prüfen.

Bei dem Schutz vor Überflutungen ist das Geländeprofil zu berücksichtigen:

Geländeneigung eines Baugrundstückes nach Gassener, E. und Heckenbücker, B. (Quelle: [4, S. 331])

Überflutung

Höhenlage eines Hauses und Oberflächengestaltung der Umgebung mit Rücksicht auf die Ableitung der Niederschläge [4

Geländeregulierung zum Schutz der Bebauung gegen Überflutung nach [5]

Überflutung

Geländeregulierung zur Sicherung der Bebauung durch Überflutungsgefahr [5

Weitere Hinweise unter [4,  Kapitel 10].

Private Gebäudesicherung gegen Schäden durch oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser durch den Grundstücks- bzw. Gebäudeeigentümer

Fallbeispiel 1 aus Bad Elster:

Flutweg

Flutweg für oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser – MediClin – Gebäude in Bad Elster (Der Hang links gehört zum Brunnenberg)

Fallbeispiel 2 aus Marienbad

(Nachtrag am 02.01.2016)

Flutweg

Oberer Flutweg für oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser – Gebäude der Univerzita Karlova V Praze in Marienbad

Flutweg

Unterer Flutweg für oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser als zusätzliche Sicherung der Lichtschächte – Gebäude der Univerzita Karlova V Praze in Marienbad

Flutweg

Mündung des oberen in den unteren Flutweg für oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser und weiterer Verlauf bergabwärts – Gebäude der Univerzita Karlova V Praze in Marienbad

Fallbeispiel 3 aus Brumby:

Flutweg

Wohl von der Kommune angelegter Flutweg in Brumby: Sachsen – Anhalt

Die Gebäudesicherung gegen Schäden durch oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser kann gegliedert werden in private Sicherungen durch den Gebäude- bzw. Grundstückseigentümer und in jene öffebtlichen Sicherungen für die die Kommune zuständig sein dürfte.

Meist wird ein Niederschlagswasserbeseitigungskonzept notwendig werden, denn der beste private Flutweg ist nutzlos, wenn das Wasser nicht ohne Schäden bis in das nächste Fließ- oder Standgewässer abgeleitet werden kann.

Es hat den Anschein, dass das Anlegen eines Flutweges eher die Antwort auf einen bereits eingetretenen Schaden ist, als Konsequenz einer  rechtzeitigen Nutzung wasserwirtschaftlichen Sachverstandes. Den Ingenieuren muss zu Gute gehalten werden, dass ihre Ratschläge, wenn deren Umsetzung Geld kostet, in den Kommunen wenig auf Gegenliebe stoßen. Andererseits ist eine gewisse Grundskepsis in den Kommunen gegenüber „Beraterratschlägen“ auch zu verstehen.

Ziel und Sinn von Überflutungsnachweisen:

„Im Rahmen des Überflutungsnachweises werden die Auswirkungen der aus dem Kanalnetz ausgetretenen Wassermengen durch lokale Maßnahmen, wie z. B. Erhöhung von Bordsteinkanten, Schaffung oberirdischer Überflutungswege, etc. auf ein Mindestmaß reduziert.“ [5]

Bzw. meine Auswertung, Ergänzung und Meinung:

Auf der Grundlage eines Überflutungsnachweises können und müssen (DIN EN 752-2) die Auswirkungen der aus dem Kanalnetz ausgetretenen Wassermengen durch lokale Maßnahmen, wie z. B.

  • Erhöhung von Bordsteinkanten,
  • Schaffung oberirdischer Überflutungswege,
  • etc.

auf ein Mindestmaß reduziert werden.

Eigentümer gefährdeter Grundstücke sind nachweislich über die mögliche Gefahr einer Überflutung zu informieren.

Siehe auch:

Literatur

[1] Abwassertechnische Vereinigung e. V.
Richtlinien für die hydraulische Berechnung von Schmutz-, Regen- und Mischwasserkanälen
1984, 5. Auflage (unveränderter Text von 1977), ATV-A 118

[2] Abwassertechnische Vereinigung e. V.
Hydraulische Bemessung und Nachweis von Entwässerungssystemen
1999, ATV-A 118

[3] ATV-Handbuch
Bau und Betrieb der Kanalisation
Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage 1995

[4] ATV-Handbuch
Planung der Kanalisation
Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage 1994

[5] Federal Housing Administration: Land Planning.
Bulletin Nr. 3. Abschnitt Block and Lot Grading,
Washington D.C. (1954/8)
aus [4]

[6] Überstau und Überflutung
Arbeitsbericht der ATV-Arbeitsgruppe 1.2.6
KA Abwasser Heft 9 (1995) S. 1597-1598

***

Ergänzt am 09.12.2011




Überflutung

Überflutung – Ermittlung der Ursachen und Lösungswege

Die Ursachen einer Überflutung können vielfältig sein:

  • Starke Niederschläge?
  • Abflüsse, theoretische und tatsächliche!
  • Ungünstige Geländegestaltungen?
  • Waren Rückstausicherungen erforderlich?
  • Zu geringe Kanaldimensionierung?
  • Tatsächliche Leistung der Kanalisation?
  • Überflutung durch Kanalisationen?
  • Wege des Wassers?
  • Flutwege gepflegt und vorhanden?
  • Waren Flutwege erforderlich?
  • Flutung durch
    • Grundwasser?
    • bei Starkregen oberflächlich ablaufendes Wasser?
    • durch Gewässer?

Wer die Ursachen erforschte, der kennt auch Lösungen!

Unsere nachvollziehbaren und gut begründeten Gutachten zur Überflutung wurden schon in vielen Rechtsprechungen berücksichtigt.

Ein Beispiel unserer Mitwirkung: Urteil zur Überflutung eines Grundstückes

Siehe auch den Beitrag zur Bewertung einer Schadensursache als Rückstau, Einstau, Überstau und/oder Überflutung.

Weitere Informationen: Überflutung, Rückstau

Hatten Sie eine Überflutung? Dann denken Sie an die sofortige Beweissicherung bei Schäden infolge von Unwetter, Überflutung oder Rückstau!

Überflutung – Die Göltzsch tritt über ihre Ufer:

Überflutung Göltzsch 01 Juni 2013 _Nr05

Unscheinbar, aber das ist ein wichtiger Flutweg:

Fllutweg

Flutgraben Schackstedt – weiterer Verlauf

Siehe auch:

Rückstau

Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)

 




Bodenabtrag von Intensivflächen bei Starkregen

„Wenn die Landwirtschaft sprichwörtlich den Bach runtergeht“

  • „Gerade aus Maisfeldern in Talauen und an erosionsgefährdeten Hängen fließt das Wasser besonders schnell ab. Dabei wird in erheblichem Umfang Oberboden ausgeschwemmt.“
  • „Laut Erosionsatlas beträgt der Bodenabtrag auf Intensivflächen bis zu 15 Tonnen pro Hektar und Jahr –bei einzelnen Starkregenereignissen sind Abträge von mehr als 100 Tonnen nachgewiesen.

Quelle: Wenn die Landwirtschaft sprichwörtlich den Bach runtergeht

Das sind einige der nicht reparablen Schäden der „erneuerbaren“ Energiepolitik.

2015_07_Starkregen_Schneidenbach_UH

Die Göltzsch an einem Julitag 2015 nach einem Starkregen.

 

16_2013_06_01

Die Göltzsch vor dem Zusammenfluss mit der Weißen Elster in Greiz am 16. Juli 2013 nach einem Starkregen.

Übrigens:

Energien waren noch nie und werden auch künftig nicht erneuerbar sein!

Anderenfalls gäbe es Perpetuum mobile.

Erstaunlich, dass die aktuelle Energiepolitik pseudowissenschaftlich Begriffe nutzen muss,  um sich selbst zu bestätigen.

In Sachsen zumindest werden andere physikalische Grundlagen über Energien z. B. in Sachsen schon in Klasse 7 vermittelt (siehe Lehrplan.)

Ich habe mir 1965 den Abschluss der polytechnischen Oberschule in Halle an der Saale erarbeitet. Hätte damals Jemand von der Erneuerbarkeit einer Energieform gefaselt, man hätte ihn für doof erklärt.

Die Zeiten und ihre Werte ändern sich.

Nach ständiger Wiederholung des MantrasEnergie ist erneuerbar!“ durch Unwissende geschehen täglich Wunder.

Irgendwann gibt es einen Anstieg der Energielinie und dann fließt auch das Wasser plötzlich bergauf. In der Vorstellung zumindest.

 

Lehrplan Physik Klasse 7. u.a. Energie, Energieformen, Energieumwandlung, Energieerhaltung Leistung und Wirkungsgrad

Lehrplan Physik Klasse 7. u. a. Energie, Energieformen, Energieumwandlung, Energieerhaltung, Leistung und Wirkungsgrad

 

Quelle: Serlo

Siehe z. B. auch: Potentielle und kinetische Energie in der Rohrhydraulik




Abwässer und verschmutzte Niederschlagswässer aus der industriellen Tierproduktion

Der folgende Beitrag zur Behandlung von Abwässern und verschmutzten Niederschlagswässern aus der industriellen Tierproduktion richtet sich an Landwirte. Zunächst ein kleiner Einblick in unsere umfangreichen und langjährigen Erfahrungen bei der Behandlung derartiger Abwässer.

(Kalkulationen zur wasserwirtschaftlichen Bewertung von Rindergülle sind am Ende des Beitrages zu finden.)

Zur Aufgabe:

Es geht um Niederschlagswässer, die bei der Ableitung von Flächen der industriellen Tierproduktion verschmutzt werden.

Standard ist inzwischen, dass Betriebe der industriellen Tierproduktion wenigstens zwei Kanalsysteme besitzen: Eines für Niederschlagswasser, das von unverschmutzten Dachflächen abgeleitet wird und eines für die Ableitung jenes Wassers, das auf verschmutzte Hof- und Straßenflächen fällt.

Zudem kann es noch Kanalfragmente für Silage und Melkhausabwässer geben.

Auch die beste Trennung der Niederschlagswässer, die auf das Gelände einer Milchviehanlage oder andere Tierproduktionsanlagen fallen, verhindert kaum ihre Verschmutzung durch folgendes ernstes Beispiel – hier jedoch solitär und aus den Schweizer Bergen:

Schweizer Kuhfladen - Original

Schweizer Kuhfladen im Angebot: Original, nachwachsend, nachhaltig, erneuerbar, energetisch, ganz sanft und garantiert 100 % Bio! Auch mit Echtheitszertifikat!

Ein starker Regen spült solche Stoffwechselendprodukte schnell in die Gewässer und dies besonders schnell, wenn die Grundlage keine Wiese, sondern z. B. eine Asphaltdecke ist. Ein Problem, wenn es viele Kühe und viele Haufen gibt.

Ebenso verschmutzen Futterresten, Stroh oder Abwässer aus Futtersilos das Niederschlagswasser. Solange die Sonne scheint und es nicht regnet, ist alles gut. Den Regenfall aber veranschaulicht folgende Dia-Show:

Da die Gewässerinspektion im Regenfall gewöhnlich unterbleibt, fällt es nicht weiter auf, wenn das abgeleitete Niederschlagswasser bei Regen etwas anders aussieht als Trinkwasser.

Überflutung Göltzsch 01 Juni 2013 _Nr02

Diese braune Farbe in diesem Gewässer kommt nicht aus Betrieben der industriellen Tierproduktion, sondern überwiegend von den Feldern der industriellen Pflanzenproduktion!

Abwasserpilze

Eine Konsequenz ungenügender Niederschlagswasserbehandlung kann ein Abwasserpilz im Gewässer sein.

Eine unstrittige Gewässerveränderung liegt dann vor, wenn man den Pilz ohne Mikroskop erkennen kann. Es handelt sich um eine unerwünschte Gewässerzustandsverbesserung für jene Tiere, die sich von derartigen Pilzen ernähren.

Abwasserpilz 5

Abwasserpilz, zu beobachten bei Sauerstoffmangel im Gewässer – heute ganz selten und in Deutschland vom Aussterben bedroht.

Ein Abwasserpilzchen muss keine Gewässerkatastrophe sein. Es kann beobachtet werden, wie nach einer gewissen Fließzeit manches Gewässer die Gewässergüteklasse 1 völlig ohne Aufregung und allein durch Nichtstun wiedererlangt. Das wundersame Geheimnis liegt in dem Naturgesetz mit dem Namen „Selbstreinigung“.

Reinigung landwirtschaftlicher Niederschlagswässer und -abwässer

Lösungen zur Reinigung der Abwässer und verschmutzten Niederschlagswässer aus der industriellen Tierproduktion sind vielfältig und es wäre wohl langweilig auf alle einzugehen.

Die Situation der Betriebswasserwirtschaft der industriellen Tierproduktion erfordert rationelle und kostengünstige Verfahren der Abwasserbehandlung.

Vorteilhaft sind jene, die vom Landwirt teilweise oder vollständig selber gebaut werden können. Mitunter tun es einfache Lösungen, denn ein Landwirt will und muss in erster Linie Tiere produzieren und keine Abwässer behandeln.

Eine Lösungsvariante der Behandlung verschmutzter Niederschlagswässer aus der industriellen Tierproduktion bestünde als erste Stufe aus zwei anaeroben Vorbecken, die wechselseitig betrieben werden. Z. B.:

  1. Becken 1 solange betreiben bis der Schlamm im Ablauf zu finden ist.
  2. Dann Becken 1 abstellen und Becken 2 in Betrieb nehmen.
  3. Wasser vom Becken 1 absaugen und in Becken 1 einleiten.
  4. Becken 1 trocknet z. B. 1 Jahr.
  5. Becken 1 mit Fahrlader beräumen.
  6. Wenn Becken 2 voll ist, Becken 2 abstellen und Becken 1 wieder in Betrieb nehmen.

Optional: Schlamm aus den Becken mit Güllefass entfernen.

Diese Lösung war in der kommunalen Abwasserreinigung früher Stand der Technik für kleine Anlagen und ist vereinzelt auch heute noch anzutreffen.

Weiteres dazu unter Anaerobe Vorbecken für Abwasserteiche.

Und für die nächsten Behandlungsschritte haben wir einfache Lösungen und wenn es sein muss, können wir aber auch auf hochtechnische Alternativen (z. B. Intensivbiologie) zurückgreifen.

Unsere diesbezüglichen Leistungen wären, je nach Situation und Bedarf:

  • Grundlagenermittlungen
    • Analysenplan
    • Ermittlung der Abwassermenge
    • Ermittlung der Frachten, vorzugsweise Nährstoffe CSB, BSB5
  • Erarbeitung von Varianten
    • Kostenkalkulationen
    • Nutzensanalysen und -bewertungen
  • verfahrenstechnische Berechnungen
  • Versuchskonzeptionen und -durchführung für den Risikoabbau
  • Aufgabenstellungen für Lieferung und/oder Planung
  • Projektsteuerung
  • Planungs- und Baukontrolle
  • Einfahrbetrieb
  • Gutachten

Einfahrbetrieb & Sauerstoffeintrag - Kläranlage iner MVA

Intensivbelüftung im Belebungsbecken der  Kläranlage einer MVA (Einfahrbetrieb)

Bezüglich der Leistungen „Versuchskonzeptionen und -durchführung für den Risikoabbau“ ist es wichtig zu wissen, dass die Reinigung landwirtschaftlicher Niederschlagswässer und -abwässer ziemlich unberechenbar sein kann.

Wer sicher gehen will, muss großzügig planen und bauen, oder er muss mit dem Bau und Betrieb einer großtechnischen Versuchsanlage (vielleicht 25 % der späteren Größe) Volumen und Leistungsvermögen der Endlösung begründen.

Rufen Sie uns an (+49 3761 5266) oder senden Sie eine E-Mail und Sie erhalten Referenzen.

Nun zum Abschluss noch ein kleiner Ausflug in die Güllenormative der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften:

Die Güllenormative der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften – mein Part war damals das Fachgebiet der Geflügelgülle – erlaubt Gülle mit der Fracht zu vergleichen, die häusliches Abwasser verursachen kann.

Gewählt wird als Beispiel 1 m³ Rindergülle. Hier nun einige Angaben über Rindergülle aus der Güllenormative:

  • 1 kg TM der Gülle verursacht 0,15 kg BSB5.
  • Der mittlere Gülle-TS beträgt ca. 6 % = 60 kg TM/m³ (Spannweite 4…10 %).
  • Also verursacht ein Kubikmeter 6 %-iger Gülle einen BSB5 in Höhe von 9 kg.
  • Der CSV übrigens, ist 7,33 mal größer als der BSB5.

Rechnen wir mit einem „Dorf-BSB5“ von 54 g BSB5/Ed, dann entspricht 1 m³ feinster Rindergülle – nach o. g. Prämissen – der täglichen Fracht des Abwassers eines Dorfes mit 167 Einwohnern (167 ≈  9/0,054) und wenn es mit 10 % dicke kommt, dann von 278 Einwohnern.

Ein weiteres Beispiel:

In einer Rindermastanlage (16.156 Plätze, männlich) fallen bei einer täglichen Lebendmassezunahme von 800-1000 g  nach Seite 12 der Normative für Gülleanfall täglich 390 m³ Gülle mit 7,4 % TS an. (Berücksichtigt wurde hier die gesonderte Ableitung des Reinigungswassers aus der Futterküche.)

Die Nährstoffe in der Gülle betragen für die Gesamtanlage (Aufzucht, Vormast und Mast) nach Seite 38 der Normative für Gülleanfall  630 t N/a und 140 t P/a. (Dabei wurden beim Stickstoff 10 % Verlust durch Stall, Aufbereitung und Lagerung berücksichtigt.)

390 m³ Gülle/d sind 131.400 m³ Gülle im Jahr. Daraus folgt bei 630 t N/a und 140 t P/a  eine Konzentration von 4,79 kg N/m³ Gülle und bzw. von 1,07 kg P/m³ Gülle.

In einem unscheinbaren „Güllefass“, gewählt wird ein Annaburger HTS 22.27, Baujahr 2010, mit 18.000 l Fassungsvolumen befindet sich dann eine Fracht von 86,2 kg N und 19,2 kg P.

(Bei kleineren Güllefässern wären die Frachten proportional herunter zu rechnen. Für z. B. 10 m³ Gülle gilt der Faktor 0,56.)

Nach der DWA A 131 verursacht ein Einwohner täglich eine Fracht von 10 g N und 2 g P.

Also:

Allein durch ein einziges Güllefass wird das betreffende Feld mit einer Fracht versehen, die der Abwasserfracht gemessen am Stickstoff, einer Kleinstadt von 8.622 Einwohner und gemessen am Phosphor von 9.600 Einwohner entspricht.

Und das alles muss fleißig aufs Feld aufgebracht werden. Es gibt keine Alternative.

Für erhebliche Abweichungen bei den Relationen der Güllefracht zwischen 1979 und 2016 erkenne ich keine Gründe.

Die Biogasanlagen reduzieren zwar den BSB5 und den nichtssagenden CSB. Die Nährstoffe bleiben in ihrer Fracht unverändert.

Wie man erkennt, ist bei der Gülle der CSB und BSB5 zweitrangig!

Aber das spielt kaum eine Rolle.

Peinlich wird es, wenn Kommunen die Versickerung biologisch gereinigten Abwassers in trockenfallenden oder nicht trockenfallende Gräben oder Vorfluter verboten wird.

Sachlich ist so etwas vielleicht in Trinkwasserschutzgebieten zu begründen, aber kaum einer von industrieller Landwirtschaft geprägten Gegend wie obiges Beispiel beweist.

Sicher ist die Güllenormative von 1979 nicht ohne Abstriche auf die modernen heutigen Tierproduktionsanlagen zu übertragen. Aber an der Tierphysiologie eines Rindes hat sich seit 1979 kaum etwas geändert. Die Kühe sehen immer noch gleich aus und verursachen Mist oder Gülle. Vielleicht nehmen sie heute schneller zu. Damit hätten sie aber auch eine größere Stoffwechselintensität. Das zu bewerten ist nicht mein Fachgebiet.

Für erhebliche Abweichungen bei den Relationen und Bewertungen der Güllefracht zwischen 1979 und 2016 erkenne ich keine Gründe.

Und schließlich:

Nach Reichholf, J. H. (Der Tanz um das goldene Kalb, Der Ökokolonialismus Europas, Verlag Klaus Wagenbach Berlin, 1. Auflage 2006) werden 2/3, also 133 Millionen Kubikmeter Gülle importiert, wobei es auf die eine oder andere Million wohl nicht ankommt. Hier eine seiner Feststellungen:

Die landwirtschaftliche Viehhaltung erzeugt wenigstens dreimal soviel Abwasser wie alle 82 Millionen Menschen in Deutschland.

Die Hauptquelle der Überdüngung ist also nicht die Getreideproduktion mit Einsatz von Mineraldünger, sondern die Abwasserproduktion der Tierhaltung.

Weitere Überlegungen unter: Nitrat und Phosphor im Gewässer.

Güllenormative

Normative für Gülleanfall und Trockensubstanzgehalt von Gülle sowie Richtwerte für Menge und Konzentration ausgewählter Gülleinhaltsstoffe in Anlagen der Rinder-, Schweine- und Legehennenhaltung Landwirtschaftsausstellung der DDR – Markkleeberg 1979

Autoren der Güllenormative:

Institut für Düngungsforschung Leipzig-Potsdam der AdL, Bereich Potsdam
Prof. Dr. sc. Heinrich Koriath; Dr. sc Klaus Ebert; Dr. sc. Günter Rinno; Chem. Ing. Eberhard Thalmann
unter Mitarbeit von
Forschungszentrum für Tierproduktion Dummerstorf-Rostock der AdL, Bereich Technologie der Schweineproduktion
Dr. sc. Werner Franz; Dr. Dieter Jaenisch
Bereich Tierernährung
Prof. Dr. sc. Fritz Weißbach; Dr. Horst Jung; Dr. Werner Jentsch
Institut für Rinderproduktion Iden-Rohrback der AdL, Dr. Hermann Вalzer; Dipl. Landw. Eckhard Kaiser
Institut für Geflügelwirtschaft Merbitz Dr. Helmut Trapp; Ing. Uwe Halbach
Institut für Pflanzenernährung Jena der AdL, Bereich Agrochemische Untersuchungen
Dr. Bodo Witter
VEВ Landtechnische Industrieanlagen Nauen, Betriebsteil Ferdinandshof
Dipl.- Landwirt Wolfgang Bruhn

Wer sich aber für die Schweinemast interessiert:

Kostenloses E-Book zum Thema Schweinemast & Schweinefütterung mit umfassenden Informationen

(Eine Verlinkung für www.agrarnetz.com)




Starkregen überstieg den üblichen Bemessungsregen

38,1 mm Niederschlag in Schneidenbach (Vogtland) am 22.07.2015 bis 21:00 Uhr

2015_07_Starkregen_Schneidenbach_UH

Sehr viel CSB in der Göltzsch bei Schneidenbach, abends am 22.07.2015 nach einem Starkregen

Bewertung der Regenspende

In 15 Minuten fielen 21,4 mm Niederschlag. Auf einen Hektar fielen demnach 214.000 l Wasser. Das entspricht einer Regenspende von ca. 238 l/sha.

Der Bemessungsregen (KOSTRA) für dieses Gebiet beträgt bei einer einjährigen Wiederkehr und einer Regendauer von 15 Minuten 123 l/sha.

Die Überschreitung des Bemessungsregens betrug 115 l/sha bzw. 94 %.

Mit einem solchen 15 Minutenregen (Regenspende von 238 l/sha) ist im langjährigen Mittel aller 6 Jahre zu rechnen.

Die Gewässer werden häufig nur bei schönem Wetter bewertet.

So kann der Eindruck entstehen, wenn es darum geht , den Abtrieb jedes Milligrämmchens abfiltrierbaren Feststoffes oder des fiktiven Bedarfes von chemischen Sauerstoff aus Kläranlagen in die Gewässer zu verhindern. (Fiktiv deshalb, weil ein Gewässer oder ein Wasser unmöglich einen Bedarf an chemischen Sauerstoff hat oder haben kann, wenn er nach der DIN 38409, Teil 41, H 41-1 im Labor bestimmt wird. Es wäre sehr hilfreich und ein Quantensprung im Wasserrecht, wenn der CSB-Begriff wieder einen sachlichen Inhalt bekäme. )

Die Natur verunreinigt sich aber oft in erheblicher Weise selbst und verschmutzt sich – wie das Foto anschaulich beweisen mag – in einem solchen Maße mit CSB, dass in analoger Weise Geschäftsführer, Bürgermeister oder einfache Bürger als Betreiber von Kläranlagen in arge Erklärungsnot vor dem Staatsanwalt kommen würden, sähe der Ablauf ihrer Kläranlagen so natürlich aus, wie z. B. die Göltzsch nach einem Starkregen am 22.07.2015 oder wie der Ablauf eines Karpfenteiches bei seiner „Ernte“.

Die Überlegung soll darüber zum Nachdenken anregen, ob denn nicht nur beim Gewässer- und beim Naturschutz viele Vorstellungen und Regelungen auf Fiktionen und Doktrinen beruhen, so dass denen allesamt meist zwei Dinge fehlen dürften:

  • die Logik beim „Öko“
  • und die Wissenschaftlichkeit.

Die Wasserrechtler unterscheiden zudem feinsinnig zwischen erlaubter und unerlaubter Gewässerverschmutzung.

Liegt gar ein „Tatbestand der Diskriminierung“ vor, wenn und weil gleiche Sachverhalte, z. B.

  • Nährstoffeintrag durch die industrielle Landwirtschaft in die Gewässer,
  • Einleitung von Abwasser in einen Straßengraben oder in einen trockenfallenden Graben,
    • anaerob teilgereinigt nach DIN 4261-1 oder
    • aerob biologisch gereinigt

völlig unterschiedlich

  • strafrechtlich,
  • wasserrechtlich und
  • abwasserabgabenrechtlich

bewertet werden?

Könnte es sein, dass durch derartige gesetzliche Dogmen der Gesellschaft erhebliche Schäden entstehen, weil die wasserwirtschaftliche Effizienz der betreffenden Investitionen vom Gesetzgeber selbst verhindert wird?

Begünstigen manche gesetzlich definierten Schadstoffe, z. B.

die tatsächlich keine sind oder die nur unter ganz bestimmten Bedingungen zu unerwünschten Entwicklungen führen, Verstöße gegen das Sparsamkeits- und das Effizienzprinzip?




Rückstau

Konzept – Interview MDR Thüringen am 10.7.2014

Rückstausicherungen sind keine Erfindung von heute! Siehe z.B.: Gürschner, u.a. ,Der städtische Tiefbau III., Stadtentwässerung, Verlag B.G. Teubner, Leipzig Berlin und Leipzig 1921

Rückstausicherungen liefern z. B.:

Auch Abwasserhebeanlagen können für die Rückstausicherung genutzt werden.

Achtung!

Bei der Auswahl der Rückstausicherung ist die Abwasserart zu beachten. So dürfen z. B. Rückstausicherungen, die für Regenwasser gedacht sind, nicht für fäkalienhaltiges Abwasser eingesetzt werden!

Siehe z. B.: „6. Fachtechnische Ursache eines ausgewählten Rückstauschadens in Thüringen“ in Beweissicherung bei Schäden infolge von Unwetter, Überflutung oder Rückstau.

Ggf. Hersteller oder Installationsbetrieb konsultieren!

Mit Rückstau ist immer zu rechnen!

  • Reparaturen
  • Kanalhavarien
  • Starkregen

Rückstauschäden, dann wahrscheinlich

  • wenn Abwasser oder Regenwasser aus Entwässerungseinrichtungen des Gebäudes, meist im Keller austritt
  • wobei diese unter der Schachtdeckelhöhe in der jeweiligen Straße liegen

Rückstau, Überstau und Überflutung

  • Rückstau: Wasserspiegel im Kanal verläuft horizontal und kann aus den Straßenschächten austreten.
  • Überstau: Wasser tritt aus den Straßenschächten aus und fließt ggf. ohne Schaden zu verursachen im Straßenschnittgerinne ab.
  • Überflutung = Überstau + Schäden

Woher kommt das Wasser?

  • Von der Straße?
  • Kellerüberflutung durch hohen Grundwasserstand?
  • Aus Hausinstallationseinrichtung im Keller?
  • Vom Gelände (Wald, Acker, Maisfeld)?
  • Gibt es mehre Wasserwege?

Welchen Weg nimmt das Wasser?

  • Aus dem Schachtdeckel in das Kellerfenster?
  • Vom Straßenschnittgerinne in die Tiefgarage?

Vorbeugend

  • Häuser sind so zu schützen, dass oberflächlich ablaufendes Wasser, um die Häuser herumgeführt wird.
  • Flutwege sind anzulegen und überflutungsgefährdete Häuser sind auszuweisen und die ggf. betroffenen Grundstücksbesitzer sind zu informieren.
  • Von einer Überflutung spricht man, wenn durch Rückstau oder oberflächlich ablaufendes Wasser Schäden verursacht werden.
  • Örtliche Auskünfte geben die Abwasserzweckverbände oder Installationsbetriebe.

Rückstauschutz

  • Siehe Entwässerungssatzung der jeweiligen Kommune oder des jeweiligen Abwasserzweckverbandes.
  • Über technische Lösungen berät der Installationsbetrieb.
  • Rückstausicherungen müssen nachweispflichtig gewartet werden, sonst erlischt Versicherungsschutz.
  • Voraussetzung für die Planung des Rückstauschutzes ist, dass der Grundstücksbesitzer seine Grundstücksentwässerungsanlagen kennt und dokumentiert hat.

Im Schadenfalle – Beweissicherung

  • Videos – Fotos
  • Zeitpunkt – Zeugen benennen
  • Woher kam das Wasser?
  • Welchen Weg nahm das Wasser?

Siehe auch:  Überflutung, Rückstau

Gebäudesicherung gegen oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser

Flutweg für oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser – MediClin – Gebäude in Bad Elster (Der Hang links gehört zum Brunnenberg)

Siehe auch:

  • Rückstau

    Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)

 

 




Urteil zur Überflutung eines Grundstückes

Wertung von häufigen Überschwemmungen eines Grundstückes durch oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser
Urteil des Oberlandesgerichts Dresden

Abbildung 1: Straßenablauf durch Abschwemmung verstopft

 

Aktenzeichen: 1 U 1156/11
Landgericht Dresden 5 0 2917/09
Verkündet am: 31.07.2013
1. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Dresden durch
Vorsitzenden Richter am Oberlandesgericht Riechert,
Richterin am Oberlandesgericht Tews und
Richter am Oberlandesgericht Lau

 

 

 

 

 

 

Ausgewählte Zitate aus dem Urteil die Abwasserbeseitigung betreffend:

  • Hieraus folgt auch die drittschützende Amtspflicht, den Kläger im Rahmen des ihr Zumutbaren vor einer Überschwemmung seines Grundstücks durch aus dem öffentlichen Straßenraum abfließendes Niederschlagswasser zu schützen.
  • In den Schutzbereich der Amtshaftung fallen vielmehr auch solche Schäden, die darauf beruhen, dass das Regenwasser infolge unzureichender Kapazität oder Aufnahmefähigkeit der Kanalisation erst gar nicht in die Rohrleitung gelangt, sondern ungefasst auf die anliegenden Grundstücke dringt.
  • Bei der Ermittlung der erforderlichen Leitungseigenschaften ist grundsätzlich von der Gesamtmenge des abzuführenden Wassers auszugehen.
  • Bei der Bemessung des Leitungsquerschnitts ist nicht erforderlich, dass dieser so groß gewählt wird, dass selbst die bei einem katastrophenartigen Unwetter, wie es erfahrungsgemäß nur in sehr großen Zeitabständen vorkommt (sogenanntes „Jahrhundertereignis“), anfallenden Wassermassen aufgenommen und geordnet abgeführt werden können. Wirtschaftliche Gründe zwingen jede Gemeinde dazu, das Fassungsvermögen einer Regenwasserkanalisation nicht so groß zu bemessen, dass es auch für ganz selten auftretende, außergewöhnlich heftige Regenfälle ausreicht. Daher ist eine Dimensionierung im Hinblick auch auf katastrophenartige Unwetter, wie sie erfahrungsgemäß nur in sehr großen Zeitabständen vorkommen, nicht erforderlich
  • Eine klare Festlegung dazu, wann, d.h. bei welcher statistischen Häufigkeit von einem katastrophenartigen Unwetter gesprochen werden kann, ist in der höchstrichterlichen Rechtsprechung bislang leider nicht getroffen worden. Jedenfalls unzureichend ist aber eine Auslegung der Leitungsanlage anhand eines Berechnungsregens von nur einem Jahr, weil dies im Extremfall darauf hinauslaufen würde, dass die Anlieger es hinnehmen müssten, einmal jährlich einer Überschwemmung ausgesetzt zu werden.  Spiegelbildlich hierzu muss eine Abwasseranlage aber auch nicht so ausgestaltet sein, dass sie nur einem Jahrhundertereignis nicht standhalten kann.
  • Maßgeblich ist letztlich immer eine umfassende Würdigung der Gesamtumstände.
  • Ein Rückgriff auf allgemeine Regeln, etwa im Hinblick auf einen bestimmten „Berechnungsregen“ oder eine bestimmte „Ein- oder Überstauhäufigkeit“ (Wasseranstieg bis zur Geländeoberkante) verbietet sich jedenfalls dann, wenn im konkreten Fall bestimmte Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass ein darauf zugeschnittenes Ableitungssystem außerstande ist, das anfallende Wasser nicht nur in seltenen Ausnahmefällen, sondern darüber hinaus auch bei häufigeren, auch im Rahmen einer generalisierenden Betrachtungsweise zu berücksichtigenden Anlässen zu bewältigen. Dies kann etwa der Fall sein, wenn sich zeigt, dass es in dem betroffenen Straßenzug trotz einer Auslegung der Kanalisation auf den Berechnungsregen immer wieder zu Überschwemmungen kommt. Es bedarf demnach einer umfassenden Würdigung aller maßgeblichen abwasserwirtschaftlichen, -technischen und topographischen Gegebenheiten.
  • Diese Grundsätze sind grundsätzlich auch auf sog. „Altanlagen“ wie die hier gegenständliche anzuwenden, die die Gemeinde — z.B. von einer Rechtsvorgängerin — übernommen hat. Insoweit ist lediglich der Kostenaufwand für die Modernisierung der Altanlage an die aktuellen tatsächlichen Gegebenheiten in der Gesamtabwägung stärker zu pointieren.
  • Für den Anlieger ist es letztlich unbeachtlich, ob sein Grundstück von aus der Kanalisation austretendem Wasser oder solchem, welches mangels Aufnahmefähigkeit gar nicht erst in die Kanalisation gelangt, überflutet wird. Eine Abwasseranlage, welche so ausgelegt ist, dass in regelmäßigen Abständen ein Einstau auftritt, welcher die Aufnahme von (dann unkontrolliert abfließendem) Oberflächenwasser verhindert, dürfte nicht den abwassertechnischen Regeln entsprechen.

Es sind auch die örtlichen Gegebenheiten, insbesondere das Höhenniveau des Gebiets, die Wasserführung, die möglichen Fließwege des Abwassers bei Austritt aus den Einläufen, aber auch die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß eines zu befürchtenden Schadens im Verhältnis zur Durchführbarkeit und Wirtschaftlichkeit von Abwehrmaßnahmen zu berücksichtigen.

Die juristische Begründung und der Gesamtzusammenhang ist dem Urteil 2013_Urteil_OLG_DD_Überflutung Gutachter Halbach zu entnehmen.

Abbildung 2: Veralteter Seitenablauf mit ungenügender Leistungsfähigkeit

Bezüglich der Abwasserbeseitigung lag die Ursache der Überflutung in einer veralteten und nicht hinreichend leistungsfähigen Straßenentwässerung, insbesondere in  mangelhaften und zahlreich veralteten Straßenabläufen mit wenig leistungsfähigem Seiteneinlauf (Abbildung 2).

Nicht nur leistungsfähige Straßenabläufes sind wichtig. Neben der regelmäßigen Reinigung (Abbildung 1) ist auch dafür zu sorgen, dass das Wasser in diese gelangen kann und nicht etwa vorbeifließt oder über diese hinweg schießt. (Literaturhinweis: Kurzbericht „Abflusswege auf Straßen – Feldversuch zur Ermittlung des Schluckvermögens von Straßeneinläufen“ vom 14.12.2011 des Institutes für Grundbau, Abfall- und Wasserwesen (IGAW) Fachbereich D, Abteilung Bauingenieurwesen, Bergische Universität Wuppertal von Univ.-Prof. Dr.-Ing. Andreas Schlenkhoff und Dr.-Ing. Mario Oertel).

Die negative Wirkung des Hinwegschießens versucht man mitunter durch ein Absenken des Straßenschnittgerinnes, vielleicht auch in Kombination mit einem Gegengefälle nach dem Seitenablauf etwas zu mildern. In Abbildung 3 ist diese Lösung veranschaulicht. Man erkennt, dass es dem von links zum Straßeneinlauf fließenden Wasser in Schnittgerinnen schwer gemacht wird, über den Einlaufbereich hinaus zu schießen. In der Folge kommt es zu einem Aufstau bzw. einem Anheben des Wasserspiegels – also zu einer Vergrößerung des Wasserdruckes auf die freien Querschnitte – und damit zu einer Vergrößerung der hydraulischen Leistung.

Abbildung 3: Ausbildung des Rinnengefälles an den Straßenabläufen (nach Hahn und Langbein) Geissler, W. Kanalisation und Abwasserreinigung, Berlin – Verlag von Julius Springer, 1933

 

 

 

 

 

 

Hinsichtlich des Satzes im Urteil des OLG

Jedenfalls unzureichend ist aber eine Auslegung der Leitungsanlage anhand eines Berechnungsregens von nur einem Jahr, weil dies im Extremfall darauf hinauslaufen würde, dass die Anlieger es hinnehmen müssten, einmal jährlich einer Überschwemmung ausgesetzt zu werden. „

wären ggf. die entsprechenden Hinweise der DIN EN 752 zu beachten.

Siehe auch:  Überflutung, Rückstau.

Nachtrag am 28.09.2015: Ungenügendes Quergefälle auf dem Fußweg verursachte Erosionen und Überflutungen

Siehe hierzu die folgenden Fotos:

IMG_0028

Abbildung 4: Erosionen auf dem Fußweg

 

IMG_0089

Abbildung 5: Erosionen auf dem Fußweg

 

IMG_0087

Abbildung 6: Erosionen auf dem Fußweg

Das Wasser schoss z. T. beidseitig auf den Fußwegen zum Tiefpunkt des Teileinzugsgebietes der Kanalisation, gelangte dabei nur teilweise in die Straßenabläufe, sammelte sich am Tiefpunkt und überflutete (mit Schadensfolge) häufig ein Grundstück.

Als Ursache wurde erkannt:

  • ungenügendes Quergefälle der Fußwege
  • mangelhafte Leistungsfähigkeit der Straßenabläufe, obwohl sie in der Anzahl ausreichend vorhanden waren
  • keine ausreichende Berücksichtigung des starken Straßenlängsgefälles
  • keine Anlegung von Flutwegen

Die Straßenabläufe stammen möglicherweise aus der Zeit vor 1945.

Heute werden derartige Seitenabläufe wegen der schlechten Leistungsfähigkeit kaum noch eingesetzt.

Siehe auch:

Rückstau

Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)




Unzureichende Bemessung

Mindestens fünfjähriger Berechnungsregen

  • „Der BGH führt zunächst aus, die Kanalisation sei unzureichend bemessen. Aufgrund seiner Rechtsprechung habe die Anlage nach den topographischen Gegebenheiten, vor allem der Hanglage des Geländes, der Bebauung sowie dem Ausmaß der dadurch bewirkten Bodenversiegelung, auf einen mindestens fünfjährigen Berechnungsregen ausgelegt werden müssen.
  • Denn der BGH habe bereits in einem Urteil aus dem Jahre 1983 die Auslegung einer Leitung nur auf einen einjährigen Berechnungsregen ohne Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse als unzureichend angesehen. Außerdem habe die Abwassertechnische Vereinigung im Arbeitsblatt A 118 vom Juli 1970 einen Sanierungsbedarf für diejenigen Abwasseranlagen vorgesehen, bei denen in allgemeinen Baugebieten ein Rückstau öfter als einmal in zwei Jahren auftrat.
  • Eine Haftung der Gemeinden für unzureichend bemessene Kanäle tritt nicht ein, wenn die Überschwemmungsschäden auch bei nach der Rechtsprechung des BGH ausreichender Auslegung eingetreten wären. Nach der Entscheidung des BGH haben die Gemeinden in diesen Fällen bei gerichtlichen Auseinandersetzungen den Beweis dafür zu erbringen. Dies war hier schwierig, da es sich um ein längeres Regenereignis handelte. Die Gemeinde konnte den Nachweis nicht erbringen, daß während der Zeit der größten Regenintensität auch das Fassungsvermögen einer auf einen fünfjährigen Berechnungsregen ausgelegten Anlage überschritten worden wäre.“

Quelle:
Dr. Paul-Martin Schulz;
BGH ZfW 1998, 496
Das neue Wasserrecht für die betriebliche Praxis
WEKA-Verlag

Siehe auch:

Rückstau

Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)

 

 




Berechnungsregen

Einjähriger Berechnungsregen nicht allein entscheidend

  • „Der BGH hat ausgeführt, eine Haftung der Gemeinde nach § 2 Abs. 1 Satz 1 HPflG besteht nur dann, wenn bereits in die Kanalisation eingeleitetes Abwasser von dort wieder austrete, etwa aus Gullys. Gelangt das Regenwasser bei Hochwasser erst nicht in die Kanalisation, sondern fließt ungefaßt in Keller, greift diese Haftung nicht ein. Denn in diesem Fall geht der Schaden nicht von der Rohrleitungsanlage aus. Außerdem kann der Ersatzberechtigte nicht besser gestellt werden, so als ob keine Leitung vorhanden ist.
  • Unter Bezugnahme auf seine frühere Rechtsprechung hat der BGH betont, daß nicht schematisch auf den einjährigen Berechnungsregen abgestellt werden kann. Die Überstauungshäufigkeit (Wasserspiegelanstieg bis in Geländehöhe) ist als Maßstab für die Auslegung der Kanalisation geeigneter als die Regenhäufigkeit. Im übrigen ist für die Bemessung eine Würdigung der Gesamtumstände vorzunehmen.“

Quelle:
Dr. Paul-Martin Schulz;
BGHZ 115, 141
Das neue Wasserrecht für die betriebliche Praxis
WEKA-Verlag

 

 




Überflutungen von Grundstücken

Einige meiner kurz gehaltenen Meinungen…

(…die zu ändern, zu präzisieren oder zu ergänzen ich bei hinreichender Begründung durchaus bereit bin.)

  • Entscheidend zur Bewertung ist der Weg und die Herkunft des Wassers.
  • Der folgende Beitrag betrifft nicht Überflutungen, die durch Hochwasser verursacht werden.

1. Kellerüberflutungen durch Grund- und/oder Schichtenwasser

In der Regel ist der Grundstückseigentümer für Schutz bzw. Vorsorge und Folgen verantwortlich.

  • Hausabdichtung
  • Drainage, siehe folgende Abbildung

Kriterien für die Anordnung einer Drainage – Kriterien für die Anordnung einer Drainage – Quelle: Gebäude- und Grundstücksentwässerung, Kommentar zur DIN 1986 und DIN EN 1610, Beuth Verlag 2. Auflage 1998, S. 24

2. Kellerüberflutungen aus Entwässerungseinrichtungen

  • Verhinderung durch Rückstausicherungen.
  • Rückstausicherungen gibt es für Abwasser und für Niederschlagswasser.
  • Rückstausicherungen für Niederschlagswasser dürfen nicht für Abwasser eingesetzt werden.
  • Rückstausicherungen müssen nachweisbar gewartet werden.
  • Verantwortlich ist der Grundstückseigentümer.

3. Überflutungen über Kellerfenster oder Türen – Wasser von eigenen Grundstück

  • Wasser kommt aus Entwässerungseinrichtungen auf dem betroffenen Grundstück, dann mangelhafter Rückstauschutz und verantwortlich ist der Grundstückseigentümer.
  • Wasser stammt vom Niederschlag, der auf die Grundstücksfläche fällt, dann ist der Grundstückseigentümer für die Folgen verantwortlich, denn er hat seine Geländeoberfläche erfahrungsgemäß so zu gestalten, dass von dieser abfließendes Wasser schadlos um das Haus herum fließen kann. Die nachstehende Abbildung veranschaulicht ein Beispiel.
  • Eine Ausnahme: Der Planer einer inneren Erschließung eines Wohngebietes könnte verantwortlich sein, wenn keine Flutwege innerhalb des Wohngebietes vorgesehen wurden. (Bei dem Begriff einer Flutung muss man sich nicht eine gigantische Flutwelle vorstellen. Ein kleines Rinnsal mit z. B. 2 Litern Wasser je Sekunde kann – wenn es in einen Keller gelangt – diesen auch mit 14.000 Litern Wasser folgenreich fluten.)

Notwendige Geländegestaltung; Quelle: Federal Housing Administration: Land Planning. Bulletin Nr. 3. Abschnitt Block and Lot Grading, Washington D.C. (1954/8) aus: ATV-Handbuch, Planung der Kanalisation, Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage 1994

 

4. Überflutungen des Grundstückes und/oder des Gebäudes – Wasser kommt überwiegend von fremden Grundstücken

  • In der Regel ist die Partei verantwortlich, von der das Wasser kommt. (Ausnahmen, ggf. Konsultation: Fachanwalt für Verwaltungsrecht)
  • Mitunter hat aber der Oberlieger oder einzelne Bürger keine Möglichkeit sich vor Überflutungen zu schützen, wenn dies eine gemeinschaftliche Lösung erfordert. Der notwendige Bau z. B. eines Flutgrabens quer durch eine Siedlung übersteigt die Möglichkeiten der betroffenen Bürger. Dann ist m. E. der Niederschlagswasserbeseitigungspflichtige verantwortlich.
  • Flutwege ausweisen, Bürger von der besonderen Gefahr informieren, Flutrinne errichten und betreiben.
  • Die Notwendigkeit für das Ausweisen und den Ausbau von Flutwegen ist spätestens dann gegeben, wenn es in der Vergangenheit zu Überflutungen kam.
  • Die Konzeption von Flutwegen gehört seit wenigstens 80 Jahren zu den Grundlagen einer guten wasserwirtschaftlichen Ausbildung. Siehe Geißler: Erst entwässern, dann besiedeln!

Gepflegter historischer Flutgraben von Schackstedt (Sachsen-Anhalt) , Leistung ca. 18.000 m³/h

Siehe auch:

Genauere Bewertungen von Überflutungen bedürfen einer Einzelfalluntersuchung.

Ursachen stellt der Gerichtsgutachter fest und über die Schuldfrage entscheiden die Gerichte, also:

  1. Klären der technischen Ursachen: Gutachter
  2. erste Bewertung der Schuld: Fachanwälte für Verwaltungsrecht
  3. Entscheidung über Schuld: Richter

Uwe Halbach
ö.b.u.v. Sachverständiger für Abwasserbeseitigung der IHK Chemnitz

Siehe auch:

Rückstau

Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)

 




Relativierung der Genauigkeit einer Kanalnetzhydraulik

Die Genauigkeit ist aufwendig

Die hydraulischen Berechnungen vermitteln mitunter den Eindruck als könne man genau berechnen, welche Wasserstände zu einem bestimmten Regenereignis im Kanal oder in einem Straßengraben geherrscht haben.

Sicher nimmt die Genauigkeit und die Komplexität der rechnerbasierten, mathematischen, hydrodynamischen Verfahren immer mehr zu.

Die Daten aber, mit denen diese Programme oder auch relativ einfache hydrodynamische Formeln gespeist werden, beruhen zumeist noch auf Abwägungen und Schätzungen.

Die Genauigkeit hydrodynamischer Berechnungsergebnisse wird in hohem Maße beeinflusst durch

  • die Niederschlagscharakteristik,
  • die Fläche des Einzugsgebietes und
  • den gewählten Abflussbeiwert.

(Bei anspruchsvollen Modellen wird das Modell im Einzugsgebiet geeicht, d. h. es wird geprüft, ob konkrete Regen und konkrete Abflüsse mit den berechneten Abflüssen und angenommenen Regen übereinstimmen.)

1.  Bewertung des Niederschlages

Bei Niederschlag ist u. a. zu unterscheiden zwischen dem Niederschlag, der zum Schadenszeitpunkt genau auf die relevante Einzugsgebietsfläche fiel und zwischen jenem Niederschlag, der für die Dimensionierung der Niederschlagswasserableitung (Gräben, Kanäle, weitere Bauwerke) zu wählen war. Oft wird versucht zu prüfen, ob der tatsächlich gefallene Niederschlag größer als der Bemessungsniederschlag war, weil man glaubt, damit ein wichtiges Argument zu haben. Mit der DIN EN 752-2 sollte sich der Schwerpunkt der Argumentation verlagern.

Im ersten Fall werden häufig Gutachten des Deutschen Wetterdienstes bestellt, deren Ergebnisse aber eher in Ausnahmefällen zu 100 % den Tatsachen am Schadensort entsprechen, weil der Gutachter eben nicht am Schadenstag vor Ort war und den Regen in seiner Dauer und Intensität selber gemessen hat. Der Wert meteorologischer Gutachten liegt aber darin, dass Feststellungen von Meteorologen über das Wetter mit einer größeren Wahrscheinlichkeit wahr sind, als jene von Laien.

Derartige Gutachten übertragen also einen Niederschlag, der zumeist an einer anderen Stelle gemessen wurde, auf den Schadensort.

Wer Wetter beobachtet weiß, dass Regen (wie auch die Natur) nur bedingt berechenbar sind (ist) und es sein kann, dass in einem wenige Kilometer entfernten Nachbarort ein Wolkenbruch niedergeht, während beim Beobachter die Sonne scheint.

Die Genauigkeit einer Wetterretrospektive nimmt deshalb mit zunehmender Entfernung zwischen Messort und Schadensort ab.

Es handelt sich bei den auf den Schadensort bezogenen Tatsachenfeststellungen um induktive Konklusionen, die eben aus Gründen der Logik nie zu 100 % wahr sein können. Eine Bewertung z. B. dass die Regeneigenschaften sehr wahrscheinlich so wie beschrieben waren, bedeutet nicht, dass sie auch tatsächlich so gewesen sein müssen. Es kann also Fälle geben, in denen meteorologische Gutachten die Situation zum Schadenszeitpunkt und am Schadensort so abbilden, wie es tatsächlich war und es gibt Fälle, in denen es eben nicht so war.

Eine weitgehend genaue Bewertung eines Schadensereignisses ist daher im Ausnahmefall nur möglich, wenn der Gutachter am Schadenstag von Anfang an vor Ort war und die Regenganglinie an mehreren Stellen im Einzugsgebiet möglichst selbst gemessen hatte und wenn zugleich die Abflussmengen und deren Wasserstände in wichtigen Kanälen oder Gräben gemessen wurden. Die Unsicherheiten liegen dann nur noch bei Mess- und Interpretationsfehlern.

2. Fläche des Einzugsgebietes

Die Fläche des Einzugsgebietes geht als Faktor in die Abflussmenge ein und somit ist ihre tatsächliche Größenbestimmung entscheidend.

In der Regel wird das Einzugsgebiet über Wasserscheidenkonstruktionen in topographischen Karten bestimmt.

Genauer, aber auch aufwändiger ist die Beauftragung eines Vermessungsbüros zur Einmessung der Wasserscheiden vor Ort.

Überprüfen kann man die Ergebnisse, wenn man sich bei sehr starkem Regen in diesen stellt und selbst nachschaut, woher das Wasser kommt und wohin es fließt.

3. Abflussbeiwert des Einzugsgebietes

Der Abflussbeiwert ist der Quotient aus der Abflussspende und der Regenspende. Er liegt zwischen 0-1.

Ein Abflussbeiwert von 0,5 sagt beispielsweise aus, dass 50 % von dem Regen abfließen.

Die Größe des Abflussbeiwertes beeinflusst das Schätzergebnis des prozentualen Anteils der versiegelten Fläche im Einzugsgebiet und die durchschnittliche Neigung der Oberfläche des Einzugsgebietes.

Beides sind zumeist Schätzwerte, deren Genauigkeit den tatsächlichen Abfluss bestimmt.

Die Tabelle für den zu wählenden Abflussbeiwert beruht selbst auf Erfahrungswerten.

Auch die Kalkulation des Abflussbeiwertes eines Teileinzugsgebietes kann Ungenauigkeiten oder Fehler enthalten, die dazu führen, dass die tatsächlichen Verhältnisse nicht korrekt widergespiegelt werden.

4. Fazit

Kalkulationen hydrodynamischer Abflüsse und Niederschläge beruhen auf zahlreichen Schätzungen und Annahmen.

Hinsichtlich der Methode der Logik handelt es sich um eine Konklusion einer Induktion zu der ein Wahrheitswert gehört. Der Wahrheitswert wird zumeist nach Intuition oder Abwägung subjektiv gewählt und verbal beschrieben, wie z. B. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, sehr wahrscheinlich, weniger wahrscheinlich oder unwahrscheinlich.

Die Steigerung der Genauigkeit des Wahrheitswertes ist durch weiteren Aufwand bei der Tatsachenfeststellung (wenn rationell, Ersetzen von Annahmen durch Messungen) möglich und durch die Erhöhung der Anzahl der Beobachtungen. Das ist bei Schadensfällen aber zumeist nur eine theoretische Alternative.

Wie man sich denken kann, dürfte der Aufwand für die Feststellung des Wahrheitswertes einer Induktion einer Potenzfunktion ihres Wahrheitswertes folgen.

Oder mit anderen Worten:

  • Die Wahrheit hat ihren Preis.
  • Je genauer man sie wissen will, desto teurer wird es.
  • Manches ist nicht (oder nicht mehr) zu ermitteln.

Und häufig ist die Wahrheitsbewertung von  Relationen abhängig, die bekannt sein müssen,  wenn man es genau wissen will.

Zur Veranschaulichung das Kaffeesackbeispiel von Salmon: In einem Kaffeesack befinden sich genau 30 kg Kaffeebohnen  der Güteklasse III und 70 kg Bohnen der Güteklasse I.

In 70 % aller Probenahmen wird man eine Bohne der Güteklasse I ziehen.

Was aber, wenn das Verhältnis der Mischung nicht bekannt ist?

Dann wird es aufwendig.

***




Oberflächenabfluss von Außengebieten

Schätzung des Oberflächenabflusses von Außengebieten

Neben den Wassermengen, die bei Niederschlag auf die kanalisierten Flächen fallen, sind auch Zuflüsse von nicht kanalisierten Flächen zu berücksichtigen, die aber in Teileinzugsgebieten der Kanalisation liegen. Dabei handelt es sich um sog. Außengebiete deren Abflüsse

1. flächig und/oder

2. in zeitweise trockenfallenden mehr oder weniger sichtbaren Gräben und/oder

3. als Gewässer mit ständiger Wasserführung

direkt in die Kanalisation eingebunden sind oder über eine kanalisierte eingebundene Fläche indirekt in die Kanalisation gelangen.

Diese Zuflüsse sind natürlich zusätzlich bei der Kanaldimensionierung zu berücksichtigen, weil sie die Ergebnisse der Hydraulik einer Kanalisation erheblich beeinflussen können.

Bei den Abflüssen nach Pos. 2 und 3 handelt es sich in aller Regel um Gewässer II. Ordnung für die die jeweiligen Gemeinden zuständig sind.

Nach dem  DWA-Regelwerk A 118 “ Hydraulische Bemessung und Nachweis von Entwässerungssystemen“ vom Mai 2006 und auch schon seit der Fassung von 1999 gilt:

Das Zusammenwirken größerer unbebauter Außengebiete mit kanalisierten Einzugsgebieten bedarf wegen des unterschiedlichen Abflussverhaltens und unterschiedlicher maßgeblicher Regenereignisse generell einer gesonderten Betrachtung.

Diese Abflüsse sind meist nur aufwändig zu messen und sollten daher wenigstens geschätzt und abgewogen werden.

Allerdings gibt es für Schätzungen von Abflüssen aus kleineren Außengebieten nur wenig Anhaltspunkte.

Indizien für Abflüsse bilden Grabenerosionen und Kalkulationen des Abflusses nach Manning-Strickler.

Prinzipiell kann man davon ausgehen, dass Gräben durch Erosion maximaler Abflüsse zustande gekommen sind.

Frische Erosionsmarken weisen auf aktuelle Belastungen hin.

Vermessung als Grundlage für die Kalkulation des Oberflächenabflusses aus Außengebieten

Im Fall der Vermessung des Grabenprofiles und -gefälles (1 %) im Rahmen eines Gerichtsgutachtens entwässert der im Foto dargestellte Graben ein Einzugsgebiet von ca. 1,5 km² bzw. 150 ha.

Im Ergebnis der Kalkulation könnte ein Extremabfluss von ca. 3 m³/s irgendwann dieses Grabenprofil geschaffen haben, d. h. das Wasser erreicht im dargestellten Foto dann die Geländeoberkante.

Da es sich nun nicht um ein Mittelgebirge und nicht um Flachland handelt, wurde nach Abwägung eine Abflussspende von 10 l/sha angenommen.

Bekanntgeworden sind Größtabflüsse von bis zu 2-3 m³/s km² bzw. 20-30 l/s ha. Dabei gilt der kleinere Wert für Mittelgebirgsregen, der größere für Hochgebirgsregen. Im Flachland sind Größt-Regenabflüsse aus Außengebieten bis herunter zu 1-5 l/s ha zu erwarten. Grundsätzlich gilt: Die Abflußspende eines Regens sinkt mit der Größe des Einzugsgebietes, sie sinkt mit dem Bewuchs und der Bodendurchlässigkeit und Unebenheit, und sie steigt mit sinkender Temperatur und zunehmender Neigung der Geländeoberfläche im Einzugsgebiet. Die stärksten Abflüsse in unbebauten Gebieten ergeben sich, wenn Regen auf gefrorenen Boden fällt und, nahezu ohne zu versickern, oberirdisch abfließt [424]“  Aus dem ATV-Handbuch „Planung der Kanalisation“ , Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage 1994

Bach im weiteren Verlauf

Bei Berücksichtigung des spezifischen Größtabflusses von 10 l/sha wäre in diesem Beispiel kalkulatorisch mit einer Wassertiefe von 35 cm und 1,5 m³/s zu rechnen.

Bei erheblichen Fremdzuflüssen empfiehlt sich eine Abflussmessung in Verbindung mit einer Niederschlagsmessung über einen Zeitraum von wenigstens einem Jahr.

Interessant ist auch der Arbeitsbericht der DWA-Arbeitsgruppe ES- 2.6 „Abfluss- und Schmutzfrachtsimulation“ von 2008 „Abflüsse aus Außengebieten“ KA 2008 Nr.8. S. 850-859.

Hier wird u. a. eine Veröffentlichung von Forster/Keller/Rickenmann und Röthlisberger in der Schweizerischen Zeitschrift für das Forstwesen, „Hochwasser“ 1994 zitiert:

voralpines Einzugsgebiet < 1 km²:

  • 35% Waldanteil max. 70 l/s ha
  • 97% Waldanteil max. 30 l/s ha

Die Werte stammen aus einer Messreihe von 1902 bis 1993.

KLEIN, B.; Schumann A.H.; Pahlow, M. werten „Extreme Hochwasserereignisse an deutschen Talsperren“ (Hydrologie und Wasserbewirtschaftung, 50. Jg. H.4 2006, S. 162 – 168) für Einzugsgebiete eher oberhalb von 1 km² u. a. mit folgenden Ergebnissen aus:

  • Im untersuchten Wertebereiches ist es so, dass mit zunehmender Größe des Einzugsgebietes die Abflussspende Hq90% sinkt.
  • In dem Bereich ist die Funktion einer Gerade im doppelt logarithmischen Koordinatensystem, die aber nach WUNDT  bei < 1 km² abgemindert werden sollte.
  • Über die Größe der Abminderung gibt WUNDT keine Empfehlungen.

Wenn man annimmt,

  • dass in Einzugsgebieten < 1 km² wenigstens 13.000…14.000 l/skm² als 90 % Extrem abfließen können und
  • dass dieser Betrag – im Mittel 13.500 l/skm² im Bereich < 1 km² – konstant bleibt,

so folgt unter diesen Bedingungen als Anhaltspunkt ein Extremabfluss von 135 l/sha.

Bei der Bewertung der Abflüsse aus Außengebieten ist zu prüfen, ob Bemessungsregeln relevant sein könnten, die für Fließgewässer II. Ordnung gelten.

Oft werden derartige Abflüsse auch nach einem Niederschlags-Abflussmodell kalkuliert, wobei in der Regel ein HQ 100 bzw. ein Niederschlag anzusetzen ist, der aller hundert Jahren nur einmal zu erwarten ist.

Fließgewässer sind auch Gewässer, die nur zeitweise Wasser führen!




Überflutungsschäden durch mangelhafte Einlaufbauwerke

Schadloses Ableiten von Niederschlagswasser, das oberflächlich von zumeist unbefestigten Flächen abfließt und in Kanälen weitergeleitet wird

Inhalt

  1. Ungeeignete „Einlaufbauwerke“
  2. Ohne Kontrolle und Wartung sind auch die besten Konstruktionen wertlos
  3. In Dresden übliche Kontrolle und Wartung
  4. Einlaufbauwerk für extreme Anforderungen
  5. Variante eines Einlaufbauwerkes mit geradem Sandfang und naturnahem Ausbau
  6. Variante eines Einlaufbauwerkes mit rundem Sandfang und naturnahem Ausbau
  7. Im Harz realisierte Lösungen robuster Einlaufbauwerke nur mit Handrechen
  8. Vorteilhafte Neigung des Rechens eines Einlaufbauwerkes
  9. Funktionierendes Einlaufbauwerk unmittelbar nach einer Flutung
  10. Zusammenfassung
  11. Weitere Quellen

Oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser kann zunächst in Gräben gesammelt und dann in Kanälen abgeleitet werden.

Bei den Kanälen kann es sich um Mischwasserkanäle oder auch um reine Regenwasserkanäle handeln.

Je nach Regenintensität, Geländebeschaffenheit und Grabenpflege kann das in Gräben ablaufende Niederschlagswasser erhebliche Mengen an Schlamm, Sand, Geröll und Rechengut mit sich führen.

Gelangen derartige Stoffe in Kanalsysteme, sind Ablagerungen in den Kanalsystemen (Sand, Geröll) wahrscheinlich, die dann sekundär zu Verstopfungen führen können.

Die Verstopfung des Kanals kann neben erhöhten Betriebsaufwendungen bei der Kanalreinigung dazu führen, dass das Wasser im Kanal zurückstaut, sich dann oberflächlich seinen Überschwemmungsweg sucht und ggf. Schäden verursacht, sollte z. B. im Überflutungsweg ein Haus stehen.

Weiterhin können mitgerissene Äste, Zweige und sonstige Fremdkörper bereits den Schachteinlauf verstopfen, so dass das Wasser gar nicht erst in ausreichendem Maße in den Kanal gelangen kann.

Zwischen den Entwässerungsgräben, die zumeist nur zeitweise Wasser führen und dem anschließenden Kanal werden also sog. Einlaufbauwerke vorgeschaltet, deren Aufgabe es ist, Niederschlagswasser im Kanal schadlos abzuleiten.

Im Folgenden werden einige ausgewählte nicht bewährte und bewährte Bauweisen von Einlaufbauwerken vorgestellt und z. T. erörtert.

1. Ungeeignete „Einlaufbauwerke“

Ungeeignete „Einlaufbauwerke“ (Verbindungen zwischen Graben und Kanal) veranschaulichen die Fotos 1-3.

Foto 1: Die Erfahrung zeigt, dass derartige Einläufe zur Entwässerung von Gräben sehr schnell verstopfen.

Foto 2: Ungeeigneter Einlauf für oberflächlich ablaufendes Wasser über unbefestigtes Gelände.

Foto 3: Rechen eines Einlaufbauwerkes mit unnötiger Rückstauwirkung

Für alle diese 3 Beispiele gilt, dass der freie Querschnitt recht gering ist und dass schon eine z. B. geringe Laubmenge genügt,  um den Einlauf zu verstopfen.

Im Falle des Beispiels im Foto 3 engt zudem der Rechen im unbelegten Zustand den freien Querschnitt erheblich ein, so dass es schon aus diesem Grund zu einem Rückstau kommen dürfte.

Foto 4: Einsatz der Feuerwehr von Eppelborn bei der Reinigung eines unzweckmäßig konstruierten Einlaufbauwerkes.

Das Foto 4 zeigt eindrücklich, dass auch dieser Einlauf nicht sonderlich zweckmäßig konstruiert wurde und dass es notwendig war, diese Konstruktion sofort nach dem Regen freizulegen. (Das Foto 4 wurde übrigens von der Eppelborner Feuerwehr aufgenommen und mit freundlicher Genehmigung der Eppelborner Feuerwehr durch den Pressesprecher Herrn Frank Recktenwald am 06.02.2012 für diese Seite zugelassen.)

Je nach Art des unbefestigten Einzugsgebietes der Gräben sind neben der Handrechenanlage zusätzliche Sand- und ggf. auch Geröllfänge erforderlich.

2. Ohne Kontrolle und Wartung sind auch die besten Konstruktionen wertlos

Alle derartigen Anlagen – auch die besten unter ihnen – sind wirkungslos, wenn sie nicht einer regelmäßigen Kontrolle und Wartung unterliegen.

Über die Kontrolle und Wartung derartiger Anlagen sollte Buch geführt werden, damit im Überflutungsfall mit Folgeschäden der Regenwasserbeseitigungspflichtige jederzeit nachweisen kann, dass er seinen betrieblichen Pflichten mit der erforderlichen Sorgfalt nachgekommen ist.

Sicher sollten Anwohner einen verstopften Rechen reinigen dürfen, sofern sie seine Verstopfung bemerken und dieser auch gefahrlos zu reinigen ist.

Aber dazu  könnten Fachanwälte für Verwaltungsrecht andere Auffassungen erstreiten (oder müssen) bzw. den Beitrag kommentieren.

Während oder nach starken Regenfällen (je nach Intensität) ist eine sofortige Kontrolle bzw. eine ggf. sofortige Reinigung derartiger Anlagen notwendig, weil die Erfahrung zeigt, dass nach Benutzung eines Handrechens dieser meist auch mit Rechengut belegt ist.

Die Aufgabe der Reinigung besteht oft in der Beseitigung von Rechengut vom Rechen und ggf. in der Reinigung der Geröll- bzw. Sandfänge, wenn diese vorhanden sind.

Sofern es sich bei dem Einlaufbauwerk um eine Anlage der Straßenentwässerung handelt, dürfte (vorbehaltlich einer verwaltungsrechtlichen Würdigung und der Einzelfalluntersuchung) wohl gelten:

Die Reinigung von zur Straße gehörenden Regenwasserabläufen und Sinkkästen ist bundesrechtlich (§ 54 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, Abs. 2 WHG 2010) dem Regime der Abwasserbeseitigung zugewiesen, weil diese Einrichtungen dem Sammeln und Fortleiten des im Bereich der befestigten Straßenflächen anfallenden Niederschlagswassers dienen. Die Bestimmung der zur Erfüllung dieser Aufgabe verpflichteten juristischen Person des öffentlichen Rechts oder eines anderen Abwasserbeseitigungspflichtigen obliegt dem Landesrecht (§ 56 Satz 1 und 2 WHG 2010).“

Quelle: Beschluss  BVerwG 9 B 99.10, OVG 1 L 13/09 vom 21. Juli 2011

3. In Dresden übliche Kontrolle und Wartung

Nach einer Information des Abteilungsleiters Herrn Mebus im Straßen- u. Tiefbauamt Dresden gelten in Dresden folgende Regeln für die Reinigung und Inspektion von Einlaufbauwerken, für Kanäle und Schächte der Straßenentwässerung.

Straßengräben:

  • Das Mähen von Straßengräben beauftragt das STA Dresden 2-mal jährlich.

Für Einlaufbauwerke (Bauwerke mit Rechen zum Schutz der dann folgenden Verrohrung) gilt:

  • Einlaufbauwerke für eine Vorflut sind jährlich 2-mal zu reinigen bzw. zu inspizieren.
  • Zusätzlich erfolgt dies kurzfristig bei einer Unwetterwarnung und danach.

Kanäle und Schächte der Straßenentwässerung:

  • Kanäle der Straßenentwässerung und Schächte werden alle 5 Jahre inspiziert, was mit einer Reinigung verbunden ist.

4. Einlaufbauwerk für extreme Anforderungen

Ein Konstruktionsvorschlag für derartige Bauwerke – hier in der folgenden Abbildung wohl eher für den Einsatz im Gebirge vorgesehen – ist der Abbildung  1 zu entnehmen.

(In der neuen ATV-DVWK-A 157 von 2000 findet man nur noch schematische Darstellungen.)

Abbildung 1: Einlaufbauwerk mit Geröll- und Sandfang nach ATV-Regelwerk A 241 vom Juni 1978

5. Variante eines Einlaufbauwerkes mit geradem Sandfang und naturnahem Ausbau

Der Entwurf vom Juni 1996 zur ATV-A 241 enthält zwei interessante naturnahe Varianten. Siehe hierzu die Abbildungen 2 und 3.

Weitere  Schnitte zu allen hier dargestellten Formen von Einlaufbauwerken findet man u. a. auch in der in diesem Beitrag angegebenen Literatur.

Abbildung 2: Einlaufbauwerk in naturnahem Ausbau nach dem Entwurf der ATV-A 241 vom Juni 1996

 

Abbildung 3: Einlaufbauwerk in naturnahem Ausbau nach dem Entwurf der ATV-A 241 vom Juni 1996

6. Variante eines Einlaufbauwerkes mit rundem Sandfang und naturnahem Ausbau

Abbildung 4: Einlaufbauwerk in naturnahem Ausbau nach dem Entwurf der ATV-A 241 vom Juni 1996

Abbildung 5: Einlaufbauwerk in naturnahem Ausbau nach dem Entwurf der ATV-A 241 vom Juni 1996

7. Im Harz realisierte Lösungen robuster Einlaufbauwerke nur mit Handrechen

Foto 5: Einlaufbauwerk ohne Geröll und Sandfang in solider Qualität auf dem Brocken (Harz)

 

Foto 6: weiteres Einlaufbauwerk ohne Geröll und Sandfang in solider Qualität auf dem Brocken (Harz)

Im konkreten Fall der Fotos 5 und 6 war augenscheinlich kein Sand und Geröllfang notwendig.

Wie man erkennt, gibt es zur Konstruktion und Ausführung von Einlaufbauwerken recht fundierte Anforderungen und manche bewährte Lösung.

Anhand der Fotos 5 und 6 sind Prinzipien und Merkmale leistungsfähiger Einlaufbauwerke – in diesen Fällen ohne Sand- und Geröllfang – zu erkennen:

  1. Der Rechenfläche ist deutlich größer als der Rohrquerschnitt des abgehenden Kanals.
  2. Der Rechen befindet sich in einem gehörigen Abstand zum Kanaleinlauf und ist dem Kanal nicht unmittelbar vorgesetzt, wie z. B. fälschlich auf Foto 3 zu sehen. Bei dem Rechen nach auf Foto 3 wird außerdem der Einströmverlust hinter dem Rechen verschlechtert. Dies führt zu einem zusätzlichen Leistungsrückgang und einem sonst vermeidbaren zusätzlichen Aufstau. Zudem zählt der Rechen in Foto 3 auf Grund seines Stababstandes von << 4 cm  zu einem Feinrechen, der im Regenfall erfahrungsgemäß ständig gereinigt werden muss.
  3. Der freie Querschnitt eines Rechens muss deutlich größer sein als die Kanalquerschnittsfläche.
  4. Zwischen Rechen und Kanal befindet sich ein Betonschacht.
  5. Der Rechen selbst ist aus verzinktem Bandeisen gefertigt, dessen schmale Seite vom Wasser angeströmt wird.
  6. Das Wasser kann im Belegungsfall oder bei extremen Wasseranfall den Rechen wenigstens teilweise auch von oben fluten.
  7. Die Rechenneigung ist so gewählt, dass sie eine manuelle Reinigung erleichtert.
  8. Der Einlaufbereich ist befestigt. Hier gepflastert.

Zu der Bedeutung des freien Querschnittes noch einige Überlegungen:

Vergleiche dazu Abbildung 6. Die Notwendigkeit eines großzügig bemessenen freien Rechnerquerschnittes wird verständlich, wenn man sich den Prozess der Rechenbelegung bei einem Wasserstand von z. B. nur 10 cm im Graben vorstellt. Eine Handvoll  Laub genügt schon, um einen Rechen nach  Foto 3 im Einlaufbereich sofort zu belegen. Damit kommt es schon nach kurzer Niederschlagszeit zu einem Rückgang der Leistungsfähigkeit des Rechens um ca. 50 %!

Die Folge ist, dass der Rechen selbst zur Verstopfungsursache des Kanals wird, sollte er doch den Kanal vor innerlicher Verstopfung schützen.

Rechenbetreiber, die dies vermeiden wollen, müssen also für leistungsfähige wartungsarme Rechenanlagen in Einlaufbauwerke sorgen:

  • Rechenneigung: 1: 3  (siehe Punkt 8 )
  • Abstände der Flacheisen: 4…10 cm
    (je kleiner die Abstände, desto größer ist die Verstopfungsgefahr eines Handrechens
  • Rechen deutlich breiter als der Grabenquerschnitt (z. B. Abbildung 6)
  • freier Rechendurchgang deutlich breiter als die Querschnittsfläche des abgehenden Kanals –
    (z. B. Abbildung 4 und 5)

8. Vorteilhafte Neigung des Rechens

Handrechen waren früher in kleinen Kläranlagen häufig im Einsatz  (siehe Abbildung 6).

Hier hat sich ein Rechengefälle von 1 : 3 bewährt. Das hat den Vorteil einer größeren wirksamen Rechenoberfläche und einer leichteren Bedienbarkeit.

Vergleicht man die Rechenneigungen, so fällt auf, dass die Neigungen der Rechen nach dem Regelwerk und nach Foto 5 und 6 deutlich steiler und deshalb möglicherweise nachteiliger als die flacheren in der Abwasserbehandlung bewährten Handrechenneigungen sind.

Eine Rechenneigung von 1 : 3 erscheint vorteilhafter, als jene im Regelwerk dargestellte deutlich steilere Neigung!

Ich würde – wenn im Einzelfall möglich abweichend vom Regelwerk  – eine Rechenneigung von 1 : 3 wählen, da die geringe Neigung von 1 : 3 die genannten Vorteile verspricht.

Je flacher die Rechenneigung, desto länger könnte es wohl dauern, bis der Rechen mit Rechengut belegt ist und wieder gereinigt werden muss. D. h. ein flacher Handrechen – und wenn möglich zudem deutlich breiterer Rechen – bleibt länger betriebsbereit.

Da die Reinigung der Rechen jedes mal eine Aktion ist, d. h. der für die Reinigung des Rechens zuständige Mitarbeiter des Entwässerungsbetriebes oder der Kommune steht ja nicht ständig neben dem Rechen, bringt eine flachere und breitere Dimensionierung der Rechenfläche langfristig sicher manche zusätzlichen Vorteile.

Abbildung 6: Rechen für Handbedienung nach Gruhler, J.F. (Abwasserbehandlung, 2. Lehrbrief Berlin 1975, S. 64)

Randolf nennt eine Rechenneigung von 20…25° gegen die Horizontale (Randolf, Kanalisation und Abwasserbehandlung, VEB Verlag für Bauwesen Berlin, 1974,  S. 173).

1 : 3 sind 18°, 1 : 2,7 sind ca. 20° und 1 : 2,1 sind ca. 25°.

Wenn es möglich und notwendig ist, kann man den Rechen auch deutlich breiter als das Gerinne planen. Vergleiche Abbildung 6.

9. Funktionierendes Einlaufbauwerk unmittelbar nach einer Flutung

Foto 7: Überflutungen und kleine Erdrutsche in Ettenheim am 15. Juli 2009

Das Foto 7 veranschaulicht die Überflutung des Rechens im Belegungsfall oder bei extremen Wasseranfall wenigstens teilweise auch von oben.

Das der Rechen nun die Überflutung nicht verhindert, mag an anderen Ursachen liegen.

Auf jeden Fall hat der Rechen den Kanal vor Rechengut (u. a. PVC-Rohr) geschützt und zudem seine Leistungsfähigkeit und Funktion behalten.

(Bildquelle für Foto7:  Badische Zeitung; Artikel:  Überflutungen und kleine Erdrutsche in Ettenheim )

10. Zusammenfassung

  • Wird ein Graben an einen Kanal angeschlossen, so ist dazwischen in aller Regel ein Einlaufbauwerk erforderlich. Dann nämlich unbedingt, wenn die Gefahr besteht, dass bei Niederschlag bzw. Schneeschmelze Rechengut, Schlamm, Sand und/oder Geröll in den Kanal gespült werden könnte.
  • Auf die bewährten Konstruktionsvorschläge in Abbildung 1-4 bzw. in Foto 5 und 6 sollte in solchen Fällen zurückgegriffen werden.
  • Die Kontrolle und Reinigung der Einlaufbauwerke sollte schriftlich eindeutig nachgewiesen werden können. Die in Dresden übliche Verfahrensweise hat sich bewährt und kann empfohlen werden.

Die Bewertung des Einlaufbauwerkes ist weniger relevant, wenn der strittige Kanäle und Gräben als Gewässer II. Ordnung klassifiziert wird. Das ist deshalb nicht der Fall, weil dann der dem Graben folgende Kanal zumeist einen wesentlich größeren Durchmesser aufweisen würde (z. B. Abfluss nach HQ100) und weil er damit weniger verstopfungsanfällig wäre. Notwendig sind hier Einzelfalluntersuchungen.

 

Uwe Halbach
ö.b.u.v. Sachverständiger für Abwasserbeseitigung
Dipl-Ing. (FH) & Diplomvolkswirt

Siehe auch:

Rückstau

Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)




Erst entwässern, dann besiedeln!

Vorwort

Die technisch-wirtschaftliche Regel oder der Erfahrungssatz

Erst Optimierung des Entwässerungskonzeptes, dann Bebauungsplan!

findet sich in zahlreichen heutigen nicht immer beachteten Lehr- und Fachbüchern. Markant ist, dass diese eigentlich selbstverständliche Regel schon „uralt“ ist. Auch die „Regenwasserbewirtschaftung“ ist keine Erfindung aus unserer Zeit wie der folgende Literaturauszug beweist. Möglicherweise wird jenes, was den Lehrern an Hochschulen und Universitäten als selbstverständlich erscheint, nicht mehr gelehrt, auch weil es reizlos ist Selbstverständliches zu verbreiten und auf diese Weise wird das Selbstverständliche für die zweite Generation der dann diesbezüglich weniger Wissenden unverständlich. Und so wird das Rad in der Geschichte immer wieder neu erfunden.

Also, nun einige Erfahrungen aus der Zeit, als Ingenieurbau noch eine Kunst war. Ein Exzerpt des Fachbuches Kanalisation und Abwasserreinigung von W. Geißler (Handbibliothek für Bauingenieure, Berlin Julius Springer Verlag, 1933):

C. Beziehung zwischen Stadterweiterung und Entwässerung.

Bei der Aufstellung der Entwürfe für die Stadterweiterung muß von Anfang an auf die Bedürfnisse der Entwässerung Rücksicht genommen werden, wenn eine der Hauptaufgaben derselben, nämlich die Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege mit dem geringsten Aufwand an Mitteln zu erreichen, erfüllt werden soll.

Das ist nur möglich, wenn der Bearbeiter die Grundregeln der Entwässerungstechnik beherrscht. Andernfalls werden die Kosten der Entwässerungsanlage sich nicht unwesentlich erhöhen. Das gilt für die Stadterweiterungsgebiete der Großstädte ebenso wie für die Siedlungen bescheideneren Ausmaßes, die sich an den Umkreis der Bebauung anlagern.

Die Bearbeitung eines Entwurfes für die Stadterweiterung geht jetzt nach den allgemeinen Grundsätzen des Städtebaues in der Weise vor sich, daß zunächst ein sogenannter Flächenaufteilungsplan aufgestellt wird, der den Verlauf der Verkehrswege und die Art der Nutzung des Geländes im einzelnen bestimmt. In diesen Plänen werden nur die Hauptstraßenzüge eingetragen, sie stellen in gewissem Sinne das Gerippe der Stadterweiterung dar.
Der späteren Entwicklung bleibt es vorbehalten, die Aufteilung im einzelnen durch Bebauungspläne vorzunehmen. Durch den Flächenaufteilungsplan werden also die Hauptsammler in ihrer Führung in gewissem Sinne festgelegt.

Abb. 101. Tiefenlage der Straßenleitungen in bewegtem Gelände.

Deshalb sind die Straßenzüge, die dafür in Betracht kommen, so anzuordnen, daß der Grundsatz, die Wassermengen auf dem kürzesten Wege unter möglichst vollkommener Ausnutzung des verfügbaren Gefälles der Reinigungsanlage zuzuführen, gewahrt bleibt. Bei der Aufstellung des Bebauungsplanes in bewegtem Gelände muß besonders darauf geachtet werden, daß das Wasser nicht auf Umwegen dem Hauptsammlern zugeleitet wird und daß spitzwinkelige Einmündungen vermieden werden. An Tiefenlage der Leitungen kann in bewegtem Gelände gespart werden, wenn die Straßenzüge der tiefsten Einsenkungslinie folgen, so daß das zu bebauende Gelände von der Straße aus ansteigt. Aus dem Vergleich der verschiedenen Anordnung in  Abb. 101 geht ohne weiteres hervor, daß die Anordnung nach b) erheblich wirtschaftlicher ist. Verläuft eine Straße am Hang, so wird aus den gleichen Erwägungen heraus nur einseitig, nämlich an der ansteigenden Seite bebaut. Dadurch wird die Art der Geländeaufteilung im Bebauungsplan in Abhängigkeit von der Entwässerung bestimmt.

Abb. 102. Abhängigkeit des Stadterweiterungsgebietes von der Kanalisation.

 

Auf die Begrenzung eines aufzuschließenden Neubaugebietes hat die Rücksichtnahme auf die Entwässerungsmöglichkeit bestimmenden Einfluß.

Das kommt besonders in bewegtem Gelände zum Ausdruck.  Abb. 102 möge die Oberflächengestaltung eines Erweiterungsgebietes darstellen. Das Gelände fällt nach allen Seiten ziemlich gleichmäßig ab, nach Westen flacher, nach Osten etwas steiler.

Die Linienzüge HFG und JDC stellen Wasserscheiden dar. Das westlich davon gelegene Gebiet hat die natürliche Vorflut nach dem Hauptbach, während das östlich gelegene Gebiet nach dem Nebenbach entwässert. Durch die Verlängerung des Sammlers II können die Abwässer des östlichen Gebietes bis einer gewissen Höhenlage mit nach dem Hauptbach geführt werden.

Die Begrenzung des Gebietes ist durch den Linienzug GFEDC festgelegt. Wollte man 1 Gebiet östlich des Linienzuges in die Bebauung einbeziehen, so müßte der Sammler II, der jetzt in der Höhenlage + 98 NN ausmündet, tiefer gelegt werden. Das würde entweder eine Verschiebung der Hauptkläranlage nach Norden und eine Verlängerung der beiden Sammler zur Folge haben, wenn man nicht wirtschaftlichen Gründen vorzieht, bei K die gesamten Abwässer zu heben.

Die andere Möglichkeit besteht darin, bei k eine zweite Kläranlage zu bauen, oder mittels Pumpwerkes die Abwässer auf die Höhe des Sammlers II zu heben.
In allen Fällen bedeutet die Ausdehnung des Siedlungsgebietes nach Osten einen Mehraufwand an Bau- bzw. Betriebskosten, so daß das Erweiterungsgebiet mit Rücksicht auf die Entwässerung aus wirtschaftlichen Gründen nach dem genannten Linienzug begrenzt werden muß.
Ähnliche Gesichtspunkte gelten, wenn in einem im allgemeinen eben gelegenen Entwässerungsgebiet ein Teilgebiet unter der mittleren Ordinate liegt. Soll dieses dieses mit an die Entwässerung angeschlossen werden, so muß entweder der Hauptsammler tiefer gelegt oder das Gefälle verschlechtert werden. Unter Umständen ist durch diese Rücksichtnahme ein durchgehendes Gefälle zum Vorfluter nicht mehr möglich, so daß das Abwasser gehoben werden muß. Auch in diesem Fall ist es wirtschaftlich gerechtfertigt, dieses für die Entwässerung ungünstig gelegene Gebiet von der Bebauung auszuschließen.

Beim Trennverfahren ist die Verbundenheit zwischen Bebauungsplan und Entwässerung noch inniger als beim Mischverfahren.

Das trifft besonders dann zu, wenn das Regenwasser oberirdisch abgeleitet wird. Zu diesem Zwecke müssen vorhandene Bäche und offene Gräben erhalten bleiben, um als Hauptsammler für die Regenwässer benutzt werden zu können, vorhandene Mulden oder Senken müssen als Grünstreifen ausgewiesen werden, damit sie zu dem gleichen Zweck nutzbar gemacht werden können, und die Straßen sind nach Richtung und Gefälle so anzulegen, daß das oberirdisch abfließende Wasser Vorflut nach den natürlichen Rezipienten hat.

Es ist ohne weiteres ersichtlich, daß auf diese Weise die ganze Aufteilung des Geländes durch die Entwässerung bestimmt wird.

Aus dem Beispiel (Abb. 103), das in dem Städtebauseminar der Technischen Hochschule Dresden bearbeitet ist, sind diese Zusammenhänge ohne weiteres ersichtlich. In den beiden Talmulden verlaufen neben den Straßen die offenen Regenwasserrinnen. Sie sind mit ganz flachen Böschungen ausgebildet, so daß sie als Teil des Grünstreifens wirken. Die Straßenwässer verlaufen bis auf eine Länge von 400 bis 500 m oberirdisch, danach werden sie in unterirdischen Leitungen weitergeführt, die in die offenen Gerinne einmünden.

Abb. 103. Bebauungsplan in Abhängigkeit von der Ableitung der Regenwässer.

Ist in einem ebenen Gelände eine natürliche Vorflut nicht ohne weiteres gegeben, so daß das Abwasser gehoben werden muß, so können durch die Anwendung des Trennverfahrens in Verbindung mit Zierteichen und Wasserbecken große Ersparnisse an den laufenden Kosten gemacht werden. Wenn das Regenwasser vorübergehend aufgespeichert wird, können kleinere Pumpeinheiten eingebaut und das Heben des Regenwassers auf eine größere Zeit verteilt werden. Diese Anlagen geben verständlicherweise dem ganzen Gebiet einen bestimmten Charakter und beweisen den innigen Zusammenhang zwischen Kanalisation und Bebauungsplan.“

***

Anstelle eines Nachwortes:

Das Selbstverständliche ist selbstverständlich nur einem verständigen Selbst verständlich.

© Manfred Hinrich, (*1926), Dr. phil., deutscher Philosoph, Lehrer, Journalist, Kinderliederautor, Aphoristiker und Schriftsteller

 

 




Ausweisen von Überflutungswegen

Gerichtsgutachterliche Argumentation in einem thüringischen Rechtsstreit:

Situation:

  • Es gab eine Überflutung eines Grundstückes durch oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser.
  • Für die schadlose Ableitung oberflächlich ablaufenden Wassers sind keine leistungsfähigen Straßeneinläufe vorhanden.
  • Es fehlt eine geordnete Ableitung oberflächlich ablaufenden Niederschlagswassers.
  • Das System ist also schon augenscheinlich und ohne Berechnungen anstellen zu müssen an mehreren Stellen mit hoher Wahrscheinlichkeit mangelhaft.
  • Es gibt keine Planungen zur schadlosen Ableitung oberflächlichen Wassers.

Selbst in dem Szenario:

  • Vorlage prüffähiger Planungen,
  • die Prüfung ergibt Mängelfreiheit,
  • die Planung wurde korrekt umgesetzt,

wäre eine Überflutung nicht auszuschließen.

Es wäre also weiter zu prüfen:

  • Wurden Überflutungswege für den Fall einer Überlastung oder Störung der Niederschlagswasserbeseitigungsanlagen ausgewiesen?
  • Wurden die betreffenden Grundstückseigentümer darüber nachweislich informiert, dass sich ihr Grundstück oder ihr Gebäude in einem Überflutungsweg oder in einem Überflutungsgebiet befindet?

Diese weiteren Prüfanforderungen folgen m. E. aus dem induktiven Analogieschluss bei der Handhabung mit der Veröffentlichung der Rückstauebene. Hier geht es darum, dass sich der Grundstückseigentümer vor Rückstau schützen muss, mit dem er auch bei hinreichend dimensionierter Kanalisation und bei ungünstiger Lage seines Grundstückes immer rechnen muss. Es sei daran erinnert, dass allein bei einem regulären Kanalbetrieb (Kanalreinigung, Kanalsanierung) ein Rückstau Ergebnis einer betrieblichen Maßnahme sein kann. Damit der gefährdete Grundstückseigentümer sich selber qualifiziert gegen Rückstau schützen kann, ist er also über die latente Gefahr zu informieren.

Bürger wären bzw. sind demnach über Überflutungswege zu informieren, die sich bei Überlastungen oder Störungen der Regenwasserableitung ergeben, seien diese Anlagen nun

  • oberirdisch und/oder unterirdisch,
  • vorhanden oder nicht vorhanden.

Zur weiteren Begründung:

Schon 1995 war im ATV-Handbuch, Bau und Betrieb der Kanalisation, Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage nachzulesen:

„Hatte man früher solche Fälle als solche “höherer Gewalt” gesehen, so ist diese Sicht jetzt aus der neuen Haftpflicht – zum Schutze des Bürgers – differenziert zu sehen, je nach der Häufigkeit solcher Vorkommnisse. Damit muß sich der planende Ingenieur – was bisher weitgehend nicht üblich war – auch mit der Frage der “Überschwemmungswege” zukünftig befassen.“

(Weitere Ausführungen im o. g. Handbuch.)

Diese Überlegungen sind in grundsätzlicher Weise auch in der DIN EN 752 zu finden.

Der Argumentation im ATV-Handbuch folgt offenbar auch die ATV-DVWK-Arbeitsgruppe ES-2.1 Berechnungsverfahren:

Zur Bewertung der davon ausgehenden Überflutungsgefährdung wird die mögliche Ausbreitung des Überstauvolumens sowie der resultierende Wasserstand an diesen Netzelementen auf der Basis einer örtlichen Überprüfung abgeschätzt. Dabei kann es im Einzelfall erforderlich sein, die Örtlichkeit detailliert höhenmäßig zu erfassen (Höhe der Bordsteine, seitliche Begrenzungen, etc.) und mögliche Überflutungswege zu identifizieren (abgesenkte Bordsteine, Zufahrten bzw. Zuwege, Kellereingänge etc.). Ergeben sich aus dieser Abschätzung signifikante Wasserspiegellagen über Gelände, ist ggf. die Kanalnetzberechnung mit einer angepassten Netzkonfiguration zur Berücksichtigung dieser erhöhten Wasserspiegellagen erneut durchzuführen.“

 

Quelle:

Bewertung der hydraulischen Leistungsfähigkeit bestehender Entwässerungssysteme
Arbeitsbericht der ATV-DVWK-Arbeitsgruppe ES-2.1 Berechnungsverfahren
KA Abwasser – Abfall 2004 (51) Heft 1, S. 69 – 75

Zusammenfassung und Bewertung zum 29.09.2011:

Die ordnungsgemäße Planung der schadlosen Regenwasserableitung ist zwar eine notwendige, aber nicht allein hinreichende Anforderung.

Notwendig ist außerdem in erfahrungsgemäß überflutungskritischen Regionen die Ausweisung von Überflutungswegen bzw. -gebieten und die Information der ggf. betroffenen Grundstückseigentümer über die latetente Gefahr in üblicher Weise.

Diese Auffassung ist meine – auf den o. g. Argumenten beruhende – Meinung, mit der ich in einem umfänglichen Privatgutachten 2009 schon einmal argumentierte und die in einem thüringischen Gerichtsverfahren 2011 vorgetragen wurde.

Ob ein Gericht den Argumenten folgt, bleibt abzuwarten.

Uwe Halbach
ö.b.u.v. Sachverständiger für Abwasserbeseitigung
der IHK Chemnitz

Siehe auch:

  • Rückstau

    Ausgewählte Referenzen über Gutachten der Bewertung von Überflutungsschäden (Gutachten von U. Halbach, z.T. auch interdisziplinäre Zuarbeit und Mitwirkung)




Überschwemmungsweg – Haftung

Literaturrecherche

Quelle

ATV-Handbuch
Planung der Kanalisation
Ernst & Sohn Verlag, 4. Auflage 1994

Kapitel  2.9.1.2.3 von Herrn Dr.- Ing. Siegfried H. Pfeiff
Seniorsachverständiger

„Hatte man früher solche Fälle als solche „höherer Gewalt“ gesehen, so ist diese Sicht jetzt aus der neuen Haftpflicht – zum Schutze des Bürgers – differenziert zu sehen, je nach der Häufigkeit solcher Vorkommnisse. Damit muß sich der planende Ingenieur – was bisher weitgehend nicht üblich war – auch mit der Frage der „Überschwemmungswege“ zukünftig befassen.

Im Normalfall erfolgt der Abfluß – bei extremen Abflüssen aus Niederschlag – aus den Straßeneinläufen ausströmend statt zulaufend, dem natürlichen Geländegefälle folgend über die Straßenfahrbahn, zwischen den Randsteinen. Diese zusätzliche, erhebliche Abflußkapazität (neben dem Kanalsystem) ist jedoch eingeschränkt, wenn niedrige Randsteinhöhen zu tiefer liegenden Garagen oder Parkplätzen -evtl. auch aus Einläufen dort (!) – aus diesem „Straßenabfluß“ seitlich zu Überschwemmungswegen über die Grundstücke führen, eventuell Schäden verursachend.

Auch Kanaldeckel-Aushebungen kommen vor. Bei Deckeln „mit Lüftung“ ist die Wahrscheinlichkeit des Vorkommens geringer (Entlastung durch Luftaustritt).

Ebenso können diese „Überschwemmungswege“ an Straßenkreuzungen, Tiefpunkten, aber auch Unterführungen zu seeartigen größeren Stauen führen, woraus sich auf dem weiteren Überschwemmungsweg Schäden ergeben können. Hier kann, wenn dies mit – nach Beurteilung des Gerichts – unzumutbarer Häufigkeit vorkommt, die Gemeinde haftpflichtig sein. Ähnlich wohl auch, wenn Schäden daraus (z.B. gekippte Zäune/Mauern, überschwemmte Keller) „vorhersehbar“ waren.

Es wird daher nötig sein, solche Fälle vorher als „Überschwemmungswege“ zu erkennen und durch geeignete Maßnahmen für eine schadlose Ableitung zu sorgen, Risiken dabei zu mindern.

Siehe auch:




Künftige Bemessung von Kanalisationen

„Die derzeit prognostizierten Veränderungen der Niederschlagscharakteristik und demographische Entwicklungen werden einen signifikanten Einfluss auf stadthydrologische Planungen haben. Der Einfluss hängt dabei maßgeblich von den betrachteten Zielgrößen (Einleitungsabfluss, überstaute Schächte etc.), der aktuellen hydraulischen Auslastung des Netzes und der Topographie ab.

Das Festhalten an starren Bemessungs- und Auslegungsgrößen wird daher weder unter ökonomischen noch ökologischen Aspekten zielführend sein. Nach Einschätzung der Autoren werden vielmehr folgende Aufgaben in den Mittelpunkt rücken:

  • Zur Berücksichtigung der Auswirkungen von Klima- und demographischen Änderungen sind Belastungsszenarien mit einer entsprechenden Bandbreite zu entwickeln und der Planung zugrunde zu legen.
  • Untersuchungen zur Auswirkung der Klimaänderungen sollten niemals pauschal und isoliert, sondern nur im Rahmen von Sensitivitäts- und Risikoanalysen erfolgen.
  • Parallel dazu müssen gleichzeitig die vorhandenen Unsicherheiten der übrigen Eingangsparameter/Grundlagendaten stärker als bisher berücksichtigt werden.
  • Belastbare Aussagen zu Niederschlags- und Fremdwasserabflüssen im Rahmen von Planungen sind nur mit geeigneten Niederschlag-Abfluss-Modellen möglich, die für den aktuellen Zustand mit Messdaten kalibriert wurden. Teilweise sind dazu auch die bisherigen Modelle zu modifizieren, um realistischere Ergebnisse zu erhalten.
  • Insbesondere im Rahmen der Überflutungsvorsorge scheinen flexible und interdisziplinäre Planungskonzepte sinnvoll, die bei gestiegenen Anforderungen in Form von Stufenprogrammen umgesetzt werden können.
  • Die messtechnische Überwachung des tatsächlichen Betriebsverhaltens der Kanalisation wird an Bedeutung gewinnen. Damit verknüpft ist auch eine projektbegleitende Erfolgskontrolle zur Bewertung durchgeführter Maßnahmen.“

Quelle:

Klaus Hans Pecher und Holger Hoppe
Künftige Bemessung von Kanalisationen
Korrespondenz Abwasser – Abfall
2011 (58) Nr. 2, S.  121-127

Siehe auch:

  • Rückstau




Kommunale Risiken der Abwasserentsorgung im ländlichen Raum

Manuskript für die Fachzeitschrift „Wasser-Abwasser-Praxis“ (erschienen im Oktober 1997)

Kommunale Risiken der Abwasserentsorgung im ländlichen Raum

Dipl.-Ing. (FH); Dipl. Ök. Uwe Halbach, Institut für Wasserwirtschaft Halbach – Werdau (Sachsen)

Download des Beitrages mit Diagrammen und Tabellen

Inhalt:

  • Abwasserableitung
  • Abwasserzweckverband – ein Risikofaktor?
  • Beratung und Planung
  • Das Risiko an sich
  • Ein Abwasserteich oder 250 Hauskläranlagen?
  • Fördermittelproblematik
  • Geringe Besiedlungsdichte
  • Minimierung der Nachteile
  • Preiswerte Lösungen im ländlichen Raum
  • Privatisierung mit Tücken
  • Regenwasserableitung
  • Riskante Kostenvergleiche
  • Riskante Refinanzierung
  • unbelüfteter Abwasserteich
  • Literatur

Zusammenfassung

Risikominimierung bedeutet, die ländliche Abwasserentsorgung als komplexen, dynamischen aber auch riskanten Refinanzierungsprozess zu verstehen. Dieser mehrjährige Prozess ist von inneren und äußeren Faktoren in unterschiedlichem Maße beeinflussbar. Der Refinanzierungsumfang wird in der Regel auch von Dritten beeinflusst und ist technisch oder „wirtschaftlich“ nicht immer nachzuvollziehen oder gar vernünftig. Unbedingt zu beachten ist, dass erst dann kostenerhebliche Entscheidungen gefällt werden dürfen, wenn nicht nur die ungünstigen Ereignisse hinreichend bekannt sind, sondern wenn den unerwünschten Konsequenzen entsprechend begegnet werden kann.

Auf Grund der geringen Siedlungsdichte wirken sich unzweckmäßige Entscheidungen viel gravierender aus als in der Stadt. Reine abwassertechnische Probleme sind im ländlichen Raum eher sekundär.

Bei der Suche nach Lösungen für die Abwasserentsorgung im ländlichen Raum kann auf einen beachtenswerten Literaturfundus zurückgegriffen werden. Am technischen Know-how liegt es in der Regel nicht, wenn die ländliche Abwasserentsorgung gegenüber der städtischen viel häufiger in die Schlagzeilen gerät, z.B.: „Niedersachsen – Landvolk geplündert“ [FOCUS 38/1993] oder „Dorfchefs ziehen die Notbremse: Sieben wollen raus aus dem Verband“ [Volksstimme Sachsen-Anhalt, 15.08.1995] oder „Wasserverband von allen Seiten unter Beschuss – Von kommunaler Solidarität ist im AZV Lugau-Glauchau nichts mehr zu spüren“ [Freie Presse Sachsen, 08.07.1997]….

Auffallend ist, dass überwiegend der ländliche Bereich betroffen ist und hier besonders Siedlungen, die ihre Kanalisation sowie die Kläranlage neu und komplex errichteten. Dabei drängt sich die Frage auf, warum es uns bei einem derartig hohen Stand der Abwassertechnik und sonstigen Potentialen nicht gelingt, die Abwasserentsorgung eines „simplen Dorfes“ in den Griff zu bekommen? Im Laufe des Artikels wird analysiert, dass die Ursachen weniger im technischen Bereich liegen, sondern in riskanten oder gar falschen Investitions-Refinanzierungskonzepten und eben solchen Investitionsentscheidungen zu suchen sind. Ein weiterer Grund wird wohl auch darin bestehen, dass Bestrebungen zur Umsatzsteigerung der Umweltindustrie und -dienstleistung mehr Kondition beweisen, als Bemühungen der Kommunen zur Konzentration des Aufwandes auf das unbedingt Notwendige. Dieser Beitrag will sich aber mehr den unmittelbar beeinflussbaren Aspekten zuwenden, ausgewählte Risikofaktoren analysieren und Wege zu deren Minimierung aufzeigen. Dabei wird dargelegt, dass der ländliche Raum durchaus noch beträchtliche Potentiale für die Gestaltung einer günstigen Lösung erschließen kann.

Das Problem – von Ausnahmen abgesehen – besteht darin, dass die Refinanzierung der Investitionen sich viel umfangreicher und komplizierter herausstellte, als gemeinhin angenommen wurde, wobei man auf mögliche unerwünschte Ereignisse in keiner Weise vorbereitet war oder deren Eintreten ins Kalkül zog. Das gilt grundsätzlich für kommunale oder verbindliche Investitionen und in gleichem Maße für die Vergabe von Dienstleistungen oder die Verursachung von Betriebskosten. Der Unterschied zwischen großen Entsorgungsstrukturen zum ländlichen Raum besteht einzig und allein darin, dass eine ungeschickte Investition hier eher auffällt und ans Tageslicht gelangt, als beispielsweise in einer größeren Stadt, in der eine Fehlinvestition von z. B. 10 Mio. DM nur eine Gebührenerhöhung im Pfennigbereich nach sich ziehen wird. Tatsache ist, dass die Städter in der Summe gesehen viel mehr an unnötigen Kosten für die Abwasserentsorgung bezahlen als der ländliche Raum. Das vermeintlich bessere Management in einem großen Verband erscheint eher als Zweckbehauptung und Ausnahme, wenn die Kosteneffizienz einmal genau unter die Lupe genommen wird.

Das Risiko an sich

Wie ist nun das Investitionsrisiko zu fassen? Einmal kann sich das Risiko darin zeigen, dass der Gebrauchswert nur teilweise oder gar nicht gewährleistet wird. Zweitens können bei gegebenem Gebrauchswert die geplanten Kosten überschritten werden. Drittens können die geplanten Refinanzierungsmöglichkeiten nicht in vollem Umfang eintreten. Und viertens sind Kombinationen und gegenseitige Beeinflussungen aus den 3 genannten Fällen vorstellbar und zu beobachten.

Die Kommune gibt also einmalig Geld aus, verursacht laufende Kosten und hofft, diese Aufwendungen über den Bürger refinanzieren zu können. Vergleiche zum Roulettspiel sind nicht ganz abwegig. Der eigentliche Akt ist ein Investitionsprozess, wobei es hinsichtlich der Auswirkungen und des Risikos fast unbedeutend ist, ob eine Kommune eine Straße ausbaut, eine Brücke oder einen Kanal errichtet. In dem Moment, in dem sie investiert, läuft sie Gefahr, dass Refinanzierungsschwierigkeiten auftreten können oder andere Risiken (falsche Grundlagen, technische Mängel, ungenügende Auslastung…) Gestalt annehmen. Ein Wesensmerkmal jeder Investition besteht in dem selten beachteten Grundrisiko. Denn – gäbe es Investitionen mit Null-Risiko, könnte jeder Millionär werden.

Das Risiko hat eine bemerkenswerte Eigenschaft. Die Einzelrisiken von Ereignissen multiplizieren sich zum Gesamtrisiko, man spricht deshalb auch von Risikofaktoren. Das ist sicher ein Grund, warum eine Refinanzierung so selten planmäßig und komplikationslos verläuft. Im Zusammenhang damit mag stehen, dass Investitionsentscheidungen menschliche Entscheidungen sind. Und menschliche Entscheidungen sind nicht immer berechenbar. Es ist also ratsam für die Kommunen, auch der Untersuchung des Risikos künftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist unbequem und aufwendig, aber notwendig, wenn das Risiko eines Millionenverlustes minimiert werden kann. Für den kommunalen Auftraggeber – insbesondere im ländlichen Raum – ist nicht die planerische vorgerechnete Wirtschaftlichkeitsuntersuchung wichtig. Wichtig ist zu allererst – wenn man die Erfahrungen an der Abwasserentsorgung gescheiterter Verbände und Kommunen analysiert -, dass die kommunalen Entscheidungsträger rechtzeitig wissen, was passiert, wenn durchaus mögliche, aber unerwünschte Ereignisse Realität werden. Die Risiken lassen sich u.a. durch Risikoanalysen mit Fallunterscheidungen graphischer, nicht monetärer Bewertungsverfahren veranschaulichen und ggf. auch kalkulieren. Im folgenden werden ausgewählte Risikofaktoren erörtert.

Geringe Besiedlungsdichte

Hier sind 2 Aspekte besonders bedeutungsvoll. Erstens steigen spezifischen Abwasserkosten progressiv mit der Reduzierung der Siedlungsdichte. Eine Abwassergebühr, gerechnet ohne Fördermittel und Beiträge zwischen 17 und 23 DM/m³ ist bei einer Siedlungsgröße von 1000 Einwohnern daher ganz seriös und durchaus reell.

Eine erste Abschätzung der Kosten, die zu refinanzieren sind, ist mit der Tabelle möglich. Zum Verständnis: Eine Gemeinde soll über 1000 Einwohner verfügen. Recht preiswert geplant ist eine Schmutzwasserkanalisation (Trennsystem) mit einem Abwasserteich für insgesamt 6 Mio. DM. Die Abwasserkosten, gerechnet ohne Förderung und Beiträge werden nach Diagramm [4] in einer Höhe von 12 DM/m³ abgelesen. Kleinere Siedlungen können aber schnell 20 … 30 DM/m³ Abwasserkosten (nicht Gebühren!) verursachen, wenn auch noch die Betriebskosten berücksichtigt werden, ohne dass die Planung unseriös sein muss.

Zweitens wirken sich unzweckmäßige und uneffiziente Investitions- und natürlich auch Betriebskostenentscheidungen viel gravierender aus als in der Stadt. Damit sind ländliche Gemeinden gezwungen, ihre Abwasserentsorgung ganz besonders preiswert zu gestalten.

Ein weiterer risikoverschärfender Aspekt bei der kommunalen Abwasserinvestition im ländlichen Bereich besteht darin, dass aufgrund der komplizierten Refinanzierungsmodalitäten (gemäß Kommunalabgabengesetz) ein schrittweiser Ausbau der Abwasserinfrastruktur hier oft nicht möglich ist, weil bei einem schrittweisen Ausbau meist zunächst verhältnismäßig viele nicht nutzbare Investitionen entstehen. Die bereits nutzbaren Investitionen können daher nur von einem Bruchteil der Bürger refinanziert werden, die auch einen Vorteil davon haben. Aus diesen Gründen müssen ländliche Gemeinden im Sparen und Rechnen besonders gut sein und sind gezwungen, ihre Abwasserentsorgungslösungen in einem Zuge zu realisieren, um schnell einen hohen Anschlussgrad zu gewährleisten. Dabei darf aber der Gebrauchswert nicht leiden, denn der Ärger über die schlechte Qualität hält länger als die Freude über den niedrigen Preis.

Neben der Analyse und Beachtung der Risikofaktoren gibt es einen weiteren Weg, das Risiko zu minimieren; indem der Refinanzierungsbedarf und damit ein möglicherweise eintretender Verlust reduziert wird. Zu beachten ist weiterhin, dass bei extremer Sparsamkeit das Risiko steigt, alles zu verlieren, wenn das gewünschte Werk die Gebrauchswerteigenschaften nicht erzielt.

Riskante Refinanzierung

Eine weitere, aber mittelbare Ursache gescheiterter kommunaler Abwasserentsorgung ist die Anwendung des Solidarprinzips bei der Gebührenkalkulation. Nach diesem Refinanzierungsmodus gibt es im Abwasserzweckverband nur eine einheitliche Abwassergebühr. Das Spezifische im Verband ist aber, dass die Aufwendungen für die Abwasserentsorgung der einzelnen Gemeinden um den Faktor 10 unterschiedlich sein können. Der Vorteil für den ländlichen Bereich liegt dann darin, dass z.B. von 20 DM/m³ Abwasserkosten die Städter 15 DM/m³ im ländlichen Bereich mit bezahlen. Der Nachteil besteht darin, dass der Städter irgendwann damit nicht mehr einverstanden ist, wenn er ohne den ländlichen Bereich deutlich niedrigere Abwasserkosten hätte. Da der Gebührenbogen inzwischen auch von anderen Ver- und Entsorgungsträgern immer mehr überspannt wird, ist der Städter zunehmend nicht mehr damit einverstanden, die hohen Abwasserkosten im ländlichen Raum mit zutragen. Man erkennt es daran, dass sich in steigendem Maße die Städte aus den Solidarverbänden verabschieden. Festzustellen ist, dass eine Solidargebühr dann ein geringes Refinanzierungsrisiko beinhaltet, wenn die Mehrzahlungen durch die Städter sich im Rahmen halten. Zum Scheitern verurteilt ist meist ein Verband, der ausschließlich aus ländlichen Gemeinden besteht, es sei denn, man drückt ihm so viele Fördermittel auf die Augen, dass alle Entscheidungsträger für genügend lange Zeit blind sind.

Ein rein ländlicher Verband kann seine hohen spezifischen Kosten nicht auf Städter abwälzen, denn 20 arme Gemeinden machen noch lange keinen reichen Verband. Für einen rein ländlichen Verband besteht – genau wie für eine einzelne ländliche Gemeinde – immer die Schwierigkeit, dass sofort refinanzierungsfähige (nutzungsfähige) Investitionsabschnitte geschaffen werden müssen. Stellen wir uns ein Beispiel vor: Ein ländlicher Abwasserzweckverband mit 20 Gemeinden benötigt Ortsnetze und Kläranlagen.

Fall 1: Man baut eine zentrale Kläranlage: Bis alle Ortskanäle, Verbindungssammler gewährleisten, dass alles Abwasser des Verbandes an der zentralen Kläranlage ankommt, dürften 20 Jahre vergehen. In den ersten 3 Jahren hat man vielleicht schon 15 Millionen investiert.

Wer soll diese Summe nun refinanzieren? Natürlich die Bürger des Verbandes, die den Vorteil des Anschlusses an die Abwasserentsorgung schon genießen! Oder in Form einer Mitfinanzierung über Umlagen der Gemeinden, die erst im 19. Jahr ihre Abwässer zur zentralen Kläranlage leiten können? Man erkennt die Unzweckmäßigkeit dieses Konzeptes. Es wird aus Refinanzierungsgründen scheitern.

Fall 2: Jede Gemeinde erhält eine eigene Ortskläranlage. Diese Konzept hat den Vorteil, dass im Fall eines Verbandskollapses vollendete nutzungsfähige refinanzierbare Investitionen wenigstens in einigen Gemeinde bestehen.

Das große Refinanzierungsrisiko beim Solidarprinzip besteht darin, wenn sich alle Beteiligten tatsächlich solidarisch und „sozialistisch“ verhalten. Jeder denkt dann: Meine Kosten werden die anderen schon mit tragen. Der erforderliche persönliche Einsatz und die Verantwortlichkeit zur Kostenreduktion und -beeinflussung ist in einem großen Solidarverband deshalb deutlich geringer und weniger erfolgreich als in einer kleinen Gemeinde.

Auf das Risiko und die Problematik der Refinanzierung haben u.a. folgende Aspekte Einfluss:

  • Bereits vorhandene und geplante Verschuldung der Bürger
  • Alter von bestehenden Anlagen (Restbuchwerte)
  • Erforderlicher neuer Investitionsbedarf
  • Ansteigen der Betriebskosten infolge der Investitionen
  • Bereitschaft der Bürger für das Finanzieren weiterer Kostenbelastungen
  • Wahrscheinlichkeit des planmäßigen Fördermittelflusses
  • Finanzkraft des Gewerbes
  • Belegung der Gewerbegebiete
  • Koordinierung der Investitionen im Kanalbau und zur Abwasserbehandlung

Grundsätzlich geht es darum, die Abwasserentsorgung nicht als technisches Problem zu verstehen – denn es gibt im ländlichen Raum keine nennenswerten technischen Unklarheiten, sondern die Abwasserentsorgung ist als komplexe Investition zu begreifen, die mit den zulässigen Mitteln des jeweiligen Kommunalabgabengesetzes sicher und dynamisch über viele Jahre refinanziert werden muss.

Eigentlich bedarf es keiner besonderen Erwähnung darauf hinzuweisen, dass Investitions- und Betriebskostenentscheidungen erst dann zu fällen sind, wenn der Refinanzierungsplan für die nächsten 10 Jahre klar ist!

Ungünstige Erfahrungen mit der Solidargebühr haben eine Reihe Verbände mit großem Investitionsbedarf machen müssen, weil es nicht gelingen kann, alle Investitionsvorstellungen der Verbandsmitglieder gleichzeitig zu befriedigen. Damit ist Streit praktisch vorprogrammiert.

In den neuen Bundesländern war das überwiegende Solidarprinzip ein wesentlicher Faktor für viele unbedachte Entscheidungen mit weitreichenden finanziellen Konsequenzen.

Er war eben der bequemste Anfang, denn eine Stufengebühr verlangsamt den Investitionsprozess schon dahingehend, dass beispielsweise bei Wirtschaftlichkeitsdiskussionen im Rahmen der ländlichen Abwasserentsorgung immer wieder das Argument zu hören ist: „Wenn wir unsere Abwasserentsorgung selbst bezahlen sollen, dann können wir es auch sein lassen!“ Heute wünscht man sich, jemand hätte den Mut vor jedem Investvorhaben gefunden, die tatsächlichen vom Land verursachten Kosten – bis hin zur Gebührenwirksamkeit – durchzurechnen und dem Bürger mitzuteilen. Insofern ist gerade im Vorfeld – also in der Vorbereitungsphase einer Investition – eine Kalkulation nach dem Stufenprinzip dem Kostenverständnis der Entscheidungsträger eher dienlich, als das bequeme – die Kostenursachen verschleiernde – Solidarprinzip. Werden alle Investitionen derart vorbereitet, dann gibt es auch bei der späteren richtigen Gebührenkalkulation nach dem Solidarprinzip kein böses Erwachen. Es gilt nun zu entscheiden, ob das Investvorhaben mit der ermittelten „fiktiven Gebührenbelastung“ als Stufengebühr tatsächlich realisiert werden kann. Welche Fördermittel müssten fließen, wie hoch wären die Beitragssätze, welche Auswirkungen hätte das alles auf die Entwicklung der Solidargebühr im Verbandsgebiet und vor allem ist die zusätzliche vom Städter nicht verursachte Kostenbelastung diesem noch zuzumuten? Sind politische Spannungen innerhalb das Verbandes wahrscheinlich, die zu einem Umdenken der städtischen Abgeordneten und zur Besinnung auf die eigene Wählerschaft führen könnten?

Fördermittelproblematik

Mit Fördermitteln wird dem Verband nicht immer geholfen. Sie können auch schaden, wenn sie als „Rauschmittel“ wirken und das klare Denken beeinträchtigen. Mit ihnen ist die Effektivität oder Zweckmäßigkeit einer Zweckverbandes oder Zweckmäßigkeit einer abwassertechnischen Lösung manipulierbar geworden. Gäbe es keine Fördermittel, wären die Zweckmäßigkeit und Effektivität kommunaler Entscheidungen schneller zu ermitteln. Jeder wäre automatisch gezwungen, nur so große Brötchen zu backen, die er tatsächlich bezahlen und verzehren kann. Damit reduziert sich das Investitionsrisiko von selbst um ein Vielfaches. Fördermittel verleiten zu riskanten übereilten Entscheidungen, wobei oft übersehen wird, dass trotz Förderung die Kosten nach der Investition meist deutlich höher sind als vorher. In den letzten beiden Jahren hat sich der positive Trend der fördermittelbereitstellenden Behörden deutlich verstärkt, dieser Tendenz über entsprechende Regulative entgegenzuwirken (Kostenkataloge, neue Förderrichtlinien, Kontrollmechanismen).

Privatisierung mit Tücken

Die Privatisierung der Abwasserbehandlung ist grundsätzlich eine interessante Sache. Sie kommt interessanterweise besonders dann ins Gespräch, wenn durch Investitionen Tatsachen geschaffen wurden, die nun vom Haushalt nicht mehr finanzierbar scheinen oder wenn noch wenig verschuldete Gemeinden Angst vor den künftigen Investitionen haben und glauben, durch Privatisierung das Problem lösen zu können. Und der Staat glaubt, durch Privatisierung den Haushalt entlasten zu können. Das ist prinzipiell auch zu erwarten. Jedoch ist das Risiko, dass der Bürger letzten Endes langfristig dennoch mehr Kosten zu tragen hat, kaum kalkulierbar. Eigentlich wird nur das Problem und die Verantwortlichkeit transferiert. Dabei steigt allgemein die Gefahr mit der Komplexität und Unübersichtlichkeit der geplanten Privatisierungsaufgaben. Komplexe Privatisierungen im ländlichen Raum sind wenig lukrativ für den künftigen Betreiber. Deshalb wird auch hier versucht, möglichst viele Gebührenpflichtige zu konzentrieren. Für Entscheidungen darüber gilt sinngemäß die Risikoanalyse in diesem Beitrag. Wenn die unerwünschten – aber möglichen -Nachteile der Privatisierung ins Kalkül gezogen werden und man immer noch der Auffassung ist, den richtigen Weg zu gehen, sollte man privatisieren. Der Autor neigt aber eher zu einer partiellen Privatisierung, bei der eine Monopolisierung und zu große Abhängigkeit vermieden wird. Gebühren- und beitragserhebliche Kostenentscheidungen sollten von der Kommune steuer- und beeinflussbar bleiben, wenn eine Kostensenkung insgesamt für Staat und Bürger gewährleistet werden soll. Schließlich haben fast alle Kommunen und Verbände noch erhebliche Effektivitätsreserven bei der Organisation ihrer Aufgaben und bei der Konzentration auf das Wesentliche, die es erst einmal zu erschließen gilt, bevor man sich vom Regen in die Traufe stellt.

Abwasserzweckverband ein Risikofaktor?

Es mag in Erstaunen versetzen, aber der Abwasserzweckverband ist noch viel zu oft ein Risikofaktor für eine unsichere Kostenentwicklung. Hinsichtlich der Mechanismen, ähnelt er manchmal mehr einem sozialistischen Kombinat als einem marktwirtschaftlichen Unternehmen. Man beobachtet oft eine demokratische kollektive Entscheidungsweise, gepaart mit einer unscharfen, wenig ausgeprägten scheinbaren Verantwortlichkeit der Entscheidungsträger. Der Trend zur Solidargebühr verwischt die Kostenverantwortlichkeit und -transparenz. Und eine meist umfangreiche Förderung trägt mitunter dazu bei, die Zweckmäßigkeit auszuhebeln und politisch zu manipulieren. Bekannt ist, dass ein Abwasserzweckverband nicht wirtschaftlich sein kann, muss und darf. Er muss nur kostendeckend arbeiten und sollte zweckmäßig sein. Insofern ist es ein Glücksfall oder besser der Verdienst einiger Enthusiasten im Verband und den Behörden, wenn die Bürger nur zweckmäßige Kosten tragen und nicht noch unnötige Aufwendungen refinanzieren müssen. In den neuen Bundesländern sind die betreffenden Ministerien gerade dabei, über Kostenplausibilitätsprüfungen viele Verbände abzuchecken.

Manche riskante Kommunalentscheidungen werden aber auch durch die behördliche Prüfungsgepflogenheit geradezu gefördert. Wieso? Ein häufiges Argument bei der Abwasserentsorgung gescheiterter Kommunalvertreter ist, dass die Investition schließlich umweltbehördlich geprüft wurde. Insofern glaubt der betroffene Abwasserzweckverband oder die Kommune, sich zurücklehnen zu dürfen. Schließlich habe doch die Behörde die Fehler auch nicht gefunden. Die Prüfung eines Investitionskonzeptes auf Mängelfreiheit und Risikominimierung ist jedoch so umfangreich, so komplex und so interdisziplinär, dass eine einzige Behörde fachlich und zeitlich oft überfordert scheint. Hier besteht eher Handlungsbedarf für den Verband oder die Kommune sich ein Gutachterteam zu suchen. Insgesamt stellt sich die Frage, ob es politisch und behördlich zweckmäßig ist, allzu intensiv die Kommunen und Verbände zu kontrollieren und manchmal auch zu gängeln. Hin und wieder besteht der Trend zur Heilung der Verbände „von oben“, indem schnell neue Verbandsstrukturen geschaffen werden. Der Nachteil: In dem Maße, in dem die Behörden oder Regierungspräsidien als „Gottheit“ die Verbandswelt neu erschaffen, tragen sie später wieder Verantwortung, Mitschuld oder sogar Hauptschuld, wenn das Vorhaben schief geht. Muss es nicht auf diese Weise wieder schief gehen? Der Autor ist der Ansicht, dass keine Behörde der Welt in der Lage ist, das Risiko der kommunalen Abwasserentsorgung hinreichend zu minimieren, denn dazu ist die Aufgabe viel zu unübersichtlich. Es ist wie zu Hause: Eine Mutter, die täglich das Kinderzimmer aufräumt, wird ihre Kinder nicht zur Ordnung erziehen können. Es kommt also für die Gemeinden darauf an, nicht nur die angenehmen Seiten der kommunalen Selbstverwaltung zu genießen, sondern notfalls auch das bittere Ende durchzustehen und nicht, wenn riskante Entscheidungen schief gegangen sind, dem Ministerium, einer Behörde oder noch anderen die Schuld zu geben.

In den neuen Bundesländern sind insbesondere Angst vor nicht mehr beeinflussbaren Kostenentwicklungen die Ursache des Austrittsbegehren vieler Gemeinden aus Zweckverbänden, da anscheinend nur sehr wenige den vermeintlichen Anforderungen einer zweckmäßigen Abwasserentsorgung tatsächlich gerecht werden. Tatsache ist, gerade die Abwasserzweckverbände vermochten es nicht, in den kritischen Situationen Sanierungsfälle zu vermeiden. Allein die Mitgliedschaft im Abwasserzweckverband ist noch keine Lösung – es sei denn, sein Management und seine Philosophie überzeugen! In den meisten Fällen fließt das Abwasser – zumindest in den ländlichen Gemeinden – von allein in den Abwasserteich, in dem mit Hilfe von Sonnenenergie das Abwasser (ohne ständige Anwesenheit des Klärwärters und einer Behörde) hinreichend und sehr zuverlässig gereinigt wird.

Wenn „das Kind aber in den Brunnen gefallen ist“ und der Verband ihn als Sanierungsfall wieder verlässt, dann scheitern Berater, Gutachter und Behörden häufig an der Aufgabe der Schadensbegrenzung, weil die risikominimierte Abwasserentsorgung eine interdisziplinäre – abwassertechnische und kommunalwirtschaftliche – Optimierungsaufgabe ist und nur im Team konstruktiv gelöst werden kann.

Ist eine Kommune oder ein Verband bereits ein Sanierungsfall, dann wird zu beobachten sein, dass sie aus 2 Gründen nicht in der Lage ist, sich selbst zu sanieren. Erstens ist man rein menschlich selten zur Fehlerkorrektur bereit, weil dies ja ein Eingestehen der Fehler – mit allen bekannten Konsequenzen – voraussetzt. Zweitens fehlt das erforderliche Geld, um sich selbst aus dem Schlammassel zu ziehen.

Beratung und Planung

Einerseits gibt es Planer, die mit viel Akribie, Sachkunde und Kostenbewusstsein ihre Kanalplanungen so gestalten, als wollten sie in dem Ort wohnen, für den sie gerade einen Kanal planen. Wenigstens genauso häufig sind aber auch einfältige Planungen zu beobachten. Dem Bürgermeister wird dabei eine Variante nach dem Prinzip „Friss oder Stirb“ vorgelegt. Bei der Begutachtung und Ortsbegehung fällt dann meist auf, dass es für den ländlichen Raum und diesen konkreten Fall geeignetere Lösungen gibt, die außerdem deutlich weniger kosten. Ein Planer, der ein wertvolles Werk abgeben will, wird seinem Bauherrn zunächst mehrere Varianten vorlegen, Risiken, Vor- und Nachteile aufzeigen sowie ggf. die Gebührensensibilität und Gebührenprognosen der einzelnen Varianten ermitteln lassen (erforderliche zusätzliche Leistungen für eine risikominimierte Investitionsentscheidung).

Bei einer einfältigen (1 Variante) Abwasserzielplanung, die in einem Zuge ohne Zwischenberichte und Zwischenverteidigung vor Bauherrn und Behörde bereits als Entwurfsplanung abgegeben wird, fällt es schwer, an ein seriöses Vorgehen zu glauben. Bei solcher Vorgehensweise ist dem Planer nicht ungerechtfertigt vorhaltbar, er habe die aufwendigste Variante aufgezeigt, weil er damit auch das größte Honorar erhält. Eigentlich kein Thema, denn gute Planungsbüros verhalten sich automatisch nicht Bauherrenschädlich.

Andererseits sind dem Autor manche Fälle bekannt, in denen kommunale Entscheidungsträger und Behörden aus politischen Gründen guten planerischen Empfehlungen nicht folgten und unnötig aufwendigere Lösungen realisierten.

Eine wesentliche Aufgabe des Planers sollte es sein, das Planungsrisiko zu minimieren, u.a. durch:

  • Untersuchungen kostenerheblicher Varianten
  • Untersuchung der Varianten nach gleichen Anforderungen
  • Ermöglichung eines fairen Entscheidungsprozesses
  • hinreichender Umfang der Planungsvorbereitung
  • ggf. Vorschlagen von Maßnahmen zur Grundlagenabsicherung (Gutachten über Abwasserlast- und mengenprognosen – ein bedeutender Schwerpunkt!)
  • Aufzeigen unerwünschter Szenarien
  • Delegieren von speziellen Aufgaben an Sachverständige, sofern selbst entsprechende Kenntnisse fehlen.

Viele beachtenswerte Hinweise zur Risikominimierung durch Beschränkung auf das Wesentliche sind in der einschlägigen Fachliteratur finden. (Siehe hier insbesondere das ATV-Merkblatt M 200 [13].)

Riskante Kostenvergleiche

Eine meist umweltbehördlich geforderte planerische Aufgabe ist die Durchführung von Kostenvergleichsrechnungen. Das Risiko wird größer, wenn sich nur auf diese Ergebnisse verlassen wird.

Aussagen von Kostenvergleichsrechnungen zum Nachweis von Kostenvorteilen sind für die Praxis viel zu theoretisch, um als kommunale oder behördliche Entscheidungsbasis zu dienen. Den Bürgermeister interessiert kaum, wie sich der Kostenbarwert von Variante A oder B entwickelt. Er will ziemlich konkret wissen, welche Kosten mittelfristig (Gebühren und Beiträge) auf die Bürger zu kommen. Eine Kostenvergleichsrechnung sichert die Kommune auch nicht dagegen ab, dass die in der Kostenvergleichsrechnung ermittelte optimale Variante tatsächlich refinanziert werden kann, ohne dass als Nebenprodukt die Absetzung des Bürgermeisters oder Geschäftsführers auf der Tagesordnung steht. Grundsätzlich wäre zu prüfen, ob Kostenvergleichsrechnungen überhaupt konkrete Antworten geben können. Der Autor ist der Auffassung, dass Kostenvergleichsrechnungen – z.B. zur Ermittlung der Vorteilhaftigkeit einer zentralen oder dezentralen Abwasserentsorgungslösung – nicht aussagefähig sind, weil beide Varianten über einen unterschiedlichen Nutzen und unterschiedliche Finanzierungsrisiken verfügen (vergleiche hierzu [3, Seite 11]). Es kommt also darauf an, vor dem entscheidenden Schritt einer Bestellung – sei es eine laufende Dienstleistung oder eine einmalige Investition – das Gesamtrisiko hinreichend genau zu kennen.

Preiswerte Lösungen im ländlichen Raum

Der Aufwand der Abwasserentsorgung im ländlichen Raum ist von unterschiedlichen Situationen und Bedingungen mehr oder weniger abhängig:

1. Siedlungsdichte
2. Vorhandensein eines Kanalnetzes (weil damit der Investaufwand deutlich geringer ausfällt)
3. vorhandenen Hauskläranlagen
4. Versickerungsflächen
5. Leitungsfähigkeit der Fluss- oder Bachläufe
6. Verschärfung von Überwachungswerten (z. B. für den Trinkwasser- oder Seenschutz)

Abwasserableitung

Die Realisierung des Mischsystems im ländlichen Raum, sofern es nicht historisch gewachsen ist, wird sehr teuer.
Die günstigste Entwässerungslösung im ländlichen Raum besteht in der geschickten Ausnutzung der Topographie, der vorhandenen Vorfluter und der Prüfung mehrere technischer Entwässerungslösungen. Das Diagramm erlaubt einen Überblick der Wirtschaftlichkeitsgrenze der Druck- und der Vakuumentwässerung. Die ausschließliche Nutzung nur eines Entwässerungssystems, z.B. der Druck oder der Vakuumentwässerung ist meist weniger wirtschaftlich. Ein paar Meter Freispiegelkanal sind oft möglich, um den technischen Aufwand etwas zu begrenzen. Interessant sind also Lösungen, die je nach den Örtlichkeiten das geeignete Verfahren vielfältig berücksichtigen.

Regenwasserableitung

Der recht häufige „Kanalmercedes“ im ländlichen Raum ist ein Kanalnetz für Regen- oder Mischwasser parallel neben dem Dorfbach, wobei dann in der 2000 Einwohner zählenden Siedlung z.B. 4 Regenüberlaufbecken geplant werden können. Es lohnt nicht, darüber zu schreiben.

Da die Schmutzwasserableitung im ländlichen Raum auch ohne kräftige Fördermittelunterstützung kaum zu bezahlen ist, sollte die Sammlung und Ableitung von Regenwasser nur punktiert auf die Ausnahmen beschränkt bleiben, in denen erhebliche Schäden bei Regenereignissen zu erwarten sind. Das ist eine „uralte“ Erkenntnis.

Für den Planer empfiehlt sich die Örtlichkeiten genau zu studieren und die Anwohner zu befragen, welchen Weg das Regenwasser meistens nimmt. Oft haben unsere Väter auch schon gute Lösungen realisiert, die es verdienen, repariert bzw. erneuert und weiter genutzt zu werden.

Übrigens – man kann Regenwasser auch oberirdisch ableiten.

Der unbelüftete Abwasserteich

Wenn es darum geht ein bezahlbares Behandlungsverfahren auszuwählen, dass außerdem niedrigsten Betriebskosten aufweist und in seiner Pufferwirkung alle anderen Verfahren übertrifft, dann gibt es nur eine befriedigende Lösung – das älteste Abwasserbehandlungsverfahren – den unbelüfteten Abwasserteich. In der DDR wurden bedeutende Forschungskapazitäten in die Teichforschung gesteckt und so ist die TGL [12-14] eine immer noch interessante Hilfe für die Planung derartiger Anlagen. Auf diese speziellen Forschungsergebnisse wurde auch SCHÜRIG [15] aufmerksam, als er in der Zeitschrift Wasser und Boden bereits im Jahr 1972 über langjährige Erfahrungen mit unbelüfteten Teichen im norddeutschen Raum berichtet. Er schrieb: „Teiche einfachster Form ,möglichst in Erdbauweise sind nicht nur kostensparend in der Anlage, sondern darüber hinaus geeignet, alle in Betrieb und Wartung nachteiligen Eigenschaften herkömmlicher Kläranlagen auszuschalten.“ Das ist auch heute noch richtig. „Im günstigsten Fall beschränken sich die Wartungsarbeiten auf ein jährlich einmaliges Mähen und eine gelegentliche Kontrolle der Ablaufsituation.“ [13]. Die Investitionskosten dafür können überschläglich nach [4] kalkuliert werden. Neubauten von Teichkläranlagen sind selten. Die Ursachen dafür liegen wohl überwiegend in der zu geringen Gewinnmasse, die sich Planern, Bau- oder Ausrüstungs- oder Betreiberunternehmen bieten.

Allerdings ist der Flächenbedarf für unbelüftete Abwasserteiche ist mit ca. 10..15 m²/E recht erheblich. Steht diese Fläche nicht zur Verfügung, dann wäre als nächste interessante Variante im ländlichen Raum die Eignung eines belüfteten Abwasserteiches ( ca. 2…3 m²/E) oder der Einsatz eines ebenso günstigen linienbelüfteten Simultanteiches mit beinahe ähnlichen Vorteilen prüfenswert. Grundsätzlich verhalten sich die Investitionskosten indirekt proportional zu dem Flächenbedarf von Anlagen.

Kleine technische Anlagen sollten einen besonders geringen Bedienungsaufwand haben. Dabei ist die Beachtung nachstehender Anforderungen wichtig:

  • niedrigster Kompliziertheitsgrad
  • geringster Zeitaufwand für die Bedienung und Überwachung
  • niedrige Ausbildungsanforderungen für die Bedienung
  • geringster Wartungsaufwand
  • Vermeidung des regelmäßigen Einsatzes von Spezialisten (z.B. für die Änderung des technologischen Regimes)

Ein Abwasserteich oder 250 Hauskläranlagen?

Grundsätzlich kann die Antwort nur im Ergebnis einer Einzelfallanalyse gegeben werden. In der Tabelle – gerechnet ohne Beitragsfinanzierung und Fördermittel – werden zumindest die monetären Konsequenzen skizziert, wobei diese Kalkulation – wie alle Abschätzungen – auf zahlreichen Annahmen beruht. Die Variante 1 beschreibt eine aufwendige aber doch recht verbreitete Mischwasser-Entwässerungslösung mit einer Kompaktkläranlage. Bei der Variante 2 wurde nur ein Schmutzwassersammler mit einer belüfteten Abwasserteichanlage recht preiswert konzipiert. Die Variante 3 schließlich sieht bei gleichen Netzkosten eine unbelüftete Teichanlage vor. Die folgenden Varianten 4 bis 6 berücksichtigen, dass jedes Grundstück eine neue (aber unterschiedlich aufwendige) Hauskläranlage nach DIN 4261 erhält.

Bei den aeroben biologischen Kläranlagen sind deutliche Betriebskostenunterschiede zu erkennen. Monetär am günstigsten für den Bürger ist die Variante 6 nach DIN 4261 Teil 1.

Aus der Kostengegenüberstellung ist abzulesen, dass sich bei einer Beschränkung auf das unbedingt Erforderliche im Kanalbau und bei der Errichtung einer belüfteten Teichanlage die Variante 2 monetär nur unerheblich von der Variante 5 unterscheidet, bei der jedes Haus eine in Anschaffung und Betrieb kostengünstige Kleinkläranlage nach DIN 4261 Teil 2 bekommt. Über die Vorteilhaftigkeit einer zentralen Abwasserbehandlung im ländlichen Raum für das Gewässer kann man je nach Situation unterschiedlicher Auffassung sein. Aber gesetzt den Fall, es wird die zentrale Lösung favorisiert, so ist der Kostenvergleich nach Tabelle 1 nur dann korrekt, wenn alle Annahmen tatsächlich wie gewünscht eintreffen. Das Risiko von Abwasserinvestitionen ist auf Grund der geringen Anzahl der Gebühren- und Beitragszahler und der spezifisch um ein Vielfaches spezifisch höheren Investkosten gegenüber einer zentralen Abwasserentsorgung um ein Vielfaches größer. Die Varianten 4 und 5 sind eindeutig die Lösungen mit dem geringsten Refinanzierungsrisiko. Dazu bedarf es keiner näheren Untersuchungen – der Beweis ist augenscheinlich. Die für den Bürger vorteilhafteste Lösung mit dem geringsten Risiko und den geringsten Kosten ist die in einigen Bundesländern zulässige Variante 6.

Die Minimierung der Nachteile

Nicht jeder, der eine Fehlentscheidung traf, tat dies zu seinem Eigennutz oder aus grober Fahrlässigkeit heraus. Oftmals war einfach das Bestreben da, etwas Positives für seine Gemeinde oder für sein Land zu unternehmen. Künftigen Investitionsentscheidern ist zu raten, noch vorsichtiger zu sein und sich viel mehr auf die unliebsamen Ereignisse einzustellen. „Man muss das Beste hoffen und mit dem Ungünstigsten rechen!“ (Chinesisches Sprichwort). Eine ländliche Gemeinde oder die Verbandsräte, die sich diese Weisheit zu eigen machen, kann nichts erschüttern und sie sind auf alles vorbereitet. Die Betrachtung in diesem Artikel hat wohl gezeigt, dass neben Fachwissen auch eine Portion Glück erforderlich ist, um seine Bürger zufriedenzustellen. Eine reibungslose Investition, über die sich wirklich alle freuen, gibt es nicht, denn es gilt, die Lösung mit den geringsten Übeln zu finden. Damit ist klar, dass jede Entscheidung auch Nachteile hat.

Werdau, den 20. August 1997

Literatur

[1]
N.N.
Lehr- und Handbuch der Abwassertechnik
Band I: Wassergütewirtschaftliche Grundlagen, Bemessung und Planung von Abwasserableitungen Wilhelm Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften Berlin, 3. überarbeitete Auflage, 1982

[2]
Imhoff, K.
Taschenbuch der Stadtentwässerung
27. Auflage, R. Oldenburg Verlag München – Wien 1990

[3]
Länderarbeitsgemeinschaft Wasser
Leitlinien zur Durchführung von Kostenvergleichsrechnungen
München 1990

[4]
Abwasserkosten 1996 für ostdeutsche Kommunen und Verbände
Herausgeber: Institut für Abwasserwirtschaft Halbach
Werdau 26.2.1996

[5]
TGL 7762
Kleinkläranlagen
Anwendung, Bemessung, Anlage und Betrieb
Juli 1979

[6]
TGL 28 722/01
Abwasserbehandlung
Natürlich belüftete Abwasserteichanlagen
Anwendung und Bemessung
April 1976

[7]
TGL 28 722/02
Abwasserbehandlung
Natürlich belüftete Abwasserteichanlagen
Bauliche Gestaltung
April 1976

[8]
Oxydationsteiche
Werkstandard 2.05.
VEB Projektierung Wasserwirtschaft
Oktober 1969

[9]
Schürig, G.
Abwasserteiche in ländlichen Gemeinden
Wasser und Boden
Heft 10/1972 S. 318-321

[10]
Halbach, U.
Nicht ausgelastete Kläranlage als Alibi für weitere Verschuldung?
WWT 1/1997, S. 5

[11]
Halbach, U.
Die „aufblasbare“ Kläranlage
Korrespondenz Abwasser 1997 (44) Nr. 5 S. 877-882

[12]
Abwasserteiche für kommunales Abwasser
Bericht der ATV-Arbeitsgruppe 2.6.3. „Abwasserteiche“
Korrespondenz Abwasser 8/79 S. 403-415

[13]
Grundsätze für die Abwasserentsorgung in ländlich strukturierten Gebieten
Merkblatt ATV – M 200
Mai 1995, ATV-Regelwerk

[14]
Hauskläranlagen ’95
Heft 24, Hannover 1995
Schriftenreihe der Kommunalen Umweltaktion U.A.N.

[15]
Abwassersammlung und -transport im ländlich strukturierten Gebiet der Eifel
Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
Oktober 1995




Ableitung oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser

Zur Beachtung!

Situation – Problem

Das Grundstück des Klägers wurde infolge eines Regenereignisses von oberflächlich ablaufenden Wasser durchflossen, so dass ein Schaden entstand.

Das oberflächlich ablaufende Wasser nahm seinen Lauf durch ein neues Wohngebiet und stammte im Wesentlichen von einem nahen Feld.

Ein weiterer Grundstückseigentümer (Beklagte) versuchte sich gegen diesen Wasserlauf durch eine niedrige Mauer an der Grundstücksgrenze gegen die Wassermassen zu schützen.

Gegen diese Mauer klagte nun die Klägerin, da sie befürchtet, das Wasser könne nun nicht schnell genug abfließen und würde im Falle eines weiteren Regenereignisses den Schaden auf ihrem Grundstück unnötig vergrößern.

Auftrag des Gerichtes

Es ist Beweis zu erheben, dass durch den von den Beklagten auf der gemeinsamen Grundstücksgrenze errichteten Mauersockel der Abfluss von Oberflächenwasser von dem Grundstück der Kläger behindert wird.

Grundsätzliche Hinweise über oberflächlich ablaufendes Niederschlagswasser

Grundsätzlich gilt im Bauwesen die Regel, dass sich in jedem Graben, sei er auch noch so unscheinbar, bei entsprechend starkem Regen Wasser sammelt und je nach Regenintensität auch abfließt.

Die Wasserführung und der Schaden, der möglicherweise angerichtet wird, ist abhängig von der Größe des jeweiligen Einzugsgebietes und der Differenz zwischen Niederschlag, Versickerung und Verdunstung (spielt in diesem Fall praktisch keine Rolle).

Wenn also mehr Regen fällt, als zur gleichen Zeit versickern kann, muss der Niederschlag oberirdisch abfließen.

Bei der Einschätzung der Bedeutung des oberirdischen Niederschlages kann man sich erheblich täuschen, da bereits geringe Abflusshöhen auf einer hinreichend großen Einzugsfläche punktuell enorme Wassermassen verursachen können.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung:

Können z. B. auf einer Fläche von einem Hektar 5 mm Niederschlag nicht versickern, so „stehen“ 50 m³ Regenwasser auf der Fläche. Gelangen diese 50 m³ infolge einer Flächenneigung z. B. in 20 Minuten „punktuell“ zum Abfluss, so fließt diesem Punkt ein Volumenstrom von 150 m³/h (ca. 42 l/s) zu.

Beträgt die Grundfläche des klägerischen Grundstücks beispielsweise 200 m² und das fremde Wasser (50 m³ in diesem Beispiel) würde nicht abfließen können, dann steht das Wasser 25 cm hoch auf dem Grundstück.

Nach den Regeln der Technik und der Erfahrung des Sachverständigen können Wasserströme, die oberirdisch in eine Bebauung hineindrängen, nicht punktuell von einem Einzelnen bewältigt werden, weil die technischen Methoden und Mittel eines einzelnen Grundstückeigentümers in aller Regel dessen Mittel und Möglichkeiten bei weitem überschreiten würden.

Er könnte bestenfalls das Problem nur „weiterreichen“ ohne es grundlegend zu lösen. Das Verfahren der Wahl sind deshalb grundsätzlich gemeinschaftliche Lösungen, die in erster Linie ursachenorientiert und keinesfalls wirkungsorientiert sein müssen.

Hierzu ein praktisches Beispiel

Die Stadt Sanderleben (Sachsen-Anhalt) befindet sich in einem Talkessel, der von Feldern umgeben ist.

Dort hat sich historisch ein System von Entwässerungsgräben zum Schutz der Stadt herausgebildet mit Entwässerungsrichtung zum Fluss „Wipper“. Dieses System wird von der Stadt gewartet und in Stand gehalten.

Untersuchungsergebnisse

Nach erstem Augenschein, Erfahrung des Sachverständigen und anknüpfend an die Klageschrift sieht er folgenden Sachverhalt als höchstwahrscheinlich an:

Durch das Wohngebiet der Parteien fließt schon immer ein „Bach“ mit beachtlicher Wasserführung. Das ist bedingt durch die natürliche Geländestruktur.

Dieser Bach kommt vom angrenzenden Feld und führt nach Angaben der Parteien durch das Grundstück einer am Prozess (noch) unbeteiligten Familie, von dieser auf das Grundstück der Kläger und schließlich auf das Grundstück der Beklagten.

Das besondere, des in der Natur keineswegs seltenen Phänomens, dem auch der Rechtsstreit zu Grunde liegt, besteht darin, dass der besagte Bach nur zeitweise Wasser führt und dass genau in dem Bachlauf unglücklicherweise und insbesondere ohne auf die Natur Rücksicht zu nehmen, ein Wohngebiet errichtet wurde.

Der Bach führt insbesondere bei extremen Regenereignissen Wasser, dann nämlich, wenn mehr Regen fällt, als während der Regendauer auf dem angrenzenden Feld versickern kann.

Dabei sind erfahrungsgemäß Bachbreiten von 2 m bei einer Tiefe von 30 cm und einer Fließgeschwindigkeit von 0,5 – 1 m/s durchaus vorstellbar.

Der „Feldbach“ verfügt noch über eine weitere Besonderheit:

Es besteht das Risiko, dass bei Extremregen nicht nur klares Regenwasser vom Hang in das Wohngebiet fließt, sondern dass sich kleine Schlammströme ausbilden können, die dann besonders schlammig sind, wenn die Bauern ihr Feld kürzlich pflügten.

Zu Schäden kommt es also sekundär dadurch, weil das Wohngebiet über keinerlei Schutz gegen diesen Wasserlauf verfügt.

In aller Regel schützt man Bebauungsgebiete bei derartigen Situationen durch ingenieurtechnisch durchdachte Grabensysteme, die das oberflächlich dem Bebauungsgebiet zufließende Niederschlagswasser rechtzeitig abfangen, umleiten oder schadenfrei durchleiten und einem geeigneten Vorfluter zuführen.

Verbunden werden derartige Maßnahmen ggf. auch mit Regenrückhaltebecken.

Ein derartiges System fehlt offensichtlich in dem Bebauungsgebiet.

Nach Erfahrung des Sachverständigen kann sich auch bei Extremregen in aller Regel auf 200 m² Rasenfläche nicht soviel Wasser sammeln, um auf dem eigenen Grundstück Schaden anzurichten.

Insofern ist auch davon auszugehen, dass grundstückseigenes Niederschlagswasser relativ problemlos auch vor dem Mauersockel der Beklagten abfließen kann.

Man hätte den natürlichen Wasserlauf mit zeitweiser Wasserführung z. B. vorzugsweise in Form eines flachen Grabens durch das Wohngebiet leiten müssen, um ihn z. B. an einen nahe gelegenen Bach anzuschließen.

Die Betroffenen versuchten nun mit mehr oder weniger erfolgreichen punktuellen Maßnahmen das Problem scheinbar in den Griff zu bekommen.

Scheinbar deshalb, weil es irgendwann einen Regen geben wird, für dessen oberirdischen Ablauf eine ingenieurtechnische Systemlösung geschaffen werden muss, anderenfalls ist grundsätzlich mit weiteren erheblichen Schäden zu rechnen.

Zusammenfassung

Es ist festzustellen, dass auf dem Grundstück der Klägerin 3 Arten von Oberflächenwasser anfallen:

  • Regenwasser von den Dachflächen (wird einer unterirdischen Versickerung zugeführt)
  • Regenwasser, das auf das Grundstück der Klägerin außer auf Dachflächen fällt. Aufgrund des erheblichen Anteils von Rasen, bezogen auf die Gesamtgrundstücksfläche, geht der Sachverständige nach seiner Erfahrung davon aus, dass das Regenwasser, das auf diese Fläche fällt, überwiegend versickert.
  • Wasser eines Baches mit zeitweiser Wasserführung

Hier ist nach Erfahrung des Sachverständigen festzustellen, dass nur das Wasser eines Baches mit zeitweiser Wasserführung durch den Mauersockel behindert wird.

Die Wassermengen nach Punkt 1 und 2 dürften auch bei Extremregen an dem Mauersockel vorbei rinnen, ohne Schaden zu verursachen.

Es handelt sich also nach „wasserwirtschaftlicher“ Logik nicht um das Oberflächenwasser des Klägers oder um Oberflächenwasser vom Grundstück des Klägers, sondern um Oberflächenwasser aus einem natürlichen Wasserlauf. Alle o. g. Feststellungen beruhen auf einer Besichtigung, auf Hinweisen der Parteien und auf Erfahrungen des Sachverständigen.

Insgesamt würde der Sachverständige den Wahrheitswert seiner Feststellungen als „recht wahrscheinlich“ bewerten. Für den Fall, dass ein höherer Wahrheitswert gewünscht wird, oder dass Zweifel am Gutachten bestehen oder nicht ausgeräumt werden konnten, wäre ein interdisziplinäres Gutachten mit Integration insbesondere folgenden Sachverstandes notwendig:

  • Vermessung (Aufnahme des Oberflächenprofils des Feldes und der betroffenen Grundstücke (erste Schätzung 5 T€ brutto)
  • Meteorologisches Gutachten über Extremregen und deren Prognose (erste Schätzung 1 T€ brutto)
  • Analyse des Oberflächenabflusses nach Menge und Verlauf (erste Schätzung 5 T€ brutto)



Hohe Schadstoffeinträge durch Regenwasser

Der nachfolgende Artikel wurde mit freundlicher Empfehlung vom EUWID Wasser und Abwasser bereitgestellt

Hohe Schadstoffeinträge durch Regenwasser

In Nordrhein-Westfalen stammen fast genau so viele Einträge an sauerstoffzehrenden Substanzen aus Regenwasser wie aus den Abläufen der Kläranlagen. Im Jahr 2000 betrug die aus Mischkanälen direkt in die Gewässer eingetragene Fracht in NRW rund 60.000 Tonnen. Mit dem geklärten Abwasser gelangten im gleichen Jahr 65.000 Tonnen sauerstoffzehrende Substanzen in die Gewässer, berichtete Viktor Mertsch vom Umweltministerium des Landes Ende März auf der Essener Tagung für Wasser- und Abfallwirtschaft.

Auch hinsichtlich der chemischen Gewässergüte spielen für Mertsch die Mischwassereinträge eine herausragende Rolle. Bereits 1996 habe die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) ermittelt, dass für Quecksilber die Mischwassereinleitungen den Hauptpfad darstellten. Auch Cadmium, Kupfer, Zink, Blei und Nickel gelangten heute vorwiegend aus unbehandelten Niederschlagseinleitungen in den Rhein, so Mertsch.

Aus diesen Gründet fordert Mertsch erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung der Mischwasserbehandlung. Als geeignete Behandlung schlägt er den Bau von Bodenfiltern, die Steuerung des Mischwasserabflusses vor, dezentrale Versickerungsmaßnahmen sowie die Umstellung auf dezentrale Trennsysteme vor.

Erschienen in der Zeitschrift EUWID – Wasser-Abwasser 07
Europäischer Wirtschaftsdienst GmbH
Bleichstr. 20-22
D-76593 Gernsbach
Tel.: 0 72 24/93 97-0
Fax: 0 72 24/93 97-904
www.euwid-wasser.de
wasser@euwid.de




Kostenlose Software des Institutes für Wasserwirtschaft Halbach

Zum Download den Hyperlink anklicken und entweder „Datei speichern“ und/oder – je nach Meldung des Browsers – sofort die „Datei ausführen“.

Download

Setup abwasser.exe
(zip-Datei)

Version: 2009

Größe: 2,2 MB

Programmbestandteile

  • Hydraulik – vollgefüllte Kanäle und Druckrohrleitungen (Gefälle gegeben und Gefälle gesucht)
  • Kalkulation der Schlammmengen nach der Schlammtabelle im „Taschenbuch der Stadtentwässerung“ von Karl und Klaus R. Imhoff , 27. Auflage Seite 242, Oldenburg 1990
  • Kalkulation der Schlammmengen bei einer Schlammentwässerung, Zentrifuge, Trocknung, usw.
  • Überbemessung von Kläranlagen – Was nun?
  • Energiekosten für Trink- und Abwasserpumpwerke
  • Ermittlung der Abwasserlast, jetzt auch nach Tabelle 1 der A 131
  • Euro- und Umsatzsteuerrechner
  • Das Programmmodul erlaubt die Hochrechnung von Kläranlagen- und Kanalbaupreisen auf die Preisbasis 2003.
  • Kreisfläche, Kreisdurchmesser, Kreiszylindervolumen
  • Bodendruckkraft – Wie groß muss der Überstau sein, damit sich ein Kanaldeckel aus dem Sitz hebt?
  • Welche Abwasserkosten entstehen dem Eigenheimbesitzer beim Bau einer Hauskläranlage?



Einführung in die Siedlungsentwässerung

Inhaltsverzeichnis

  • Schmutzwasserherkunft und -mengen
  • Häusliches Schmutzwasser
  • Gewerbliches und industrielles Schmutzwasser
  • Auswahl des Entwässerungssystems
  • Anwendung des Mischsystems
  • Anwendung des Trennsystems
  • Modifizierte Systeme
  • Ableitung des Abwassers
  • Freispiegelentwässerung
  • Sonderentwässerung
  • Druckentwässerung
  • Vakuumentwässerung
  • Auswahl der Sonderentwässerung
  • Sonderbauwerke
  • Regenüberlaufbecken
  • Regenrückhaltebecken
  • Regenwasserableitung und -mengenermittlung
  • Fremdwasser

Schmutzwasserherkunft und -mengen

Bei der Abwasserbeseitigung ist aus Sicht der Behandlung das Abwasser prinzipiell in drei Gruppen zu unterteilen. Diese sind:

  1. Schmutzwasser aus häuslichen und industriell-gewerblichen Quellen
  2. Regenwasser (einschließlich Schmelzwasser)
  3. Fremdwasser (Drainage- und Sickerwasser, Brunnenüberläufe, Bäche…)

Dabei ist im allgemeinen nur das Schmutzwasser behandlungswürdig. Regenwasser (mit Ausnahme von stark verschmutzten Einzelflächen) und Fremdwasser sollte dagegen weitestgehend direkt und auf kürzestem Wege in einen Vorfluter abgeleitet werden.

Häusliches Schmutzwasser

Zum häuslichen Schmutzwasser sind alle Wässer zu rechnen, die durch häuslichen Gebrauch verunreinigt werden. Dabei ist es unerheblich, ob diese Wässer aus einer öffentlichen (TW-Leitung) oder privaten (Brunnen) Trinkwasserversorgung oder einer Brauchwasseranlage (Brunnen, Vorfluter, Regenwasserspeicher) entnommen wurden. Im Einzelnen sind dies:

  1. Waschwasser
  2. Badewasser
  3. Spülwasser
  4. Wasser aus der Raumreinigung
  5. fäkalhaltiges Wasser

Für die Mengenermittlung können nur im Idealfall die verkauften Trinkwassermengen zugrunde gelegt werden.
Bei Erweiterung der Einzugsgebiete bzw. der verstärkten Nutzung von privaten Trink- und Brauchwasserquellen kann in den seltensten Fällen auf Messergebnisse zurückgegriffen werden. Oft können hier allein Schätzungen einen brauchbaren Bemessungswert ergeben.

Als erster Anhaltspunkt wären Literaturwerte und Angaben der Abwassertechnischen Vereinigung (ATV-A 118) heranzuziehen. Der hier angegebene tägliche Schmutzwasseranfall liegt in folgender Größenordnung:

Tabelle 1: Schmutzwassermengen nach ATV-A 118

Die hier angegebenen Schmutzwassermengen können allerdings nur zur Dimensionierung der Kanäle herangezogen werden, da diese für eine lange Betriebszeit (mindestens 50 Jahre) zu bemessen sind und deshalb entsprechende Reserven ausweisen müssen.

Für die Bemessung von Kläranlagen und Sonderbauwerken ist die in Tabelle 1 angegebene Wassermenge jedoch wesentlich zu hoch, da beispielsweise der mittlere Trinkwasserverbrauch bundesweit etwa bei 110 l/E*d (oft noch niedriger) liegt.

Gewerbliches und industrielles Schmutzwasser

Das gewerbliche bzw. industrielle Schmutzwasser setzt sich hauptsächlich aus folgenden Komponenten zusammen:

  1. Produktionswasser (technologisch bedingt)
  2. Reinigungswasser
  3. Kühlwasser (im allgemeinen nicht in die Kanalisation einzuleiten)
  4. Sanitärabwasser

Dabei sind jedoch nicht nur Betriebe zu berücksichtigen, sondern auch weitere gewerbliche Bereiche, wie Hotels und Gaststätten, Krankenhäuser und Sanatorien, Schulen, Campingplätze…

Abwassermengen aus gewerblichen und industriellen Bereichen sind durch Befragung und Erhebung und u. U. über eine Abwassermengenmessung zu ermitteln. Unter keinen Umständen dürfen hier Eigenversorgungen aus betrieblichen Wasserversorgungsanlagen vergessen werden.

Für geplante Industrie- und Gewerbegebiete, bei denen der tatsächliche Besatz noch unklar ist, können folgende Empfehlungen der ATV-A 118 [12] herangezogen werden:

  • Betriebe mit geringem Wasserverbrauch 0,5 l/s*ha
  • Betriebe mit mittlerem Wasserverbrauch 1,0 l/s*ha
  • Betriebe mit hohem Wasserverbrauch 1,5 l/s*ha

Auch hier sollte unbedingt zwischen hydraulischer Bemessung der Sammler (Angaben nach A 118 brauchbar) einerseits und Auslegung der Sonderbauwerke und der Kläranlage (Angaben nach A 118 meist deutlich zu hoch) andererseits unterschieden werden.

Auswahl des Entwässerungssystems

Prinzipiell kann zwischen drei Varianten der Entwässerung entschieden werden:

  • Mischsystem
  • Trennsystem
  • modifizierte Systeme

Bei der Planung einer Ortskonzeption sind diese Varianten zu betrachten und im Rahmen eines Variantenvergleiches zumindest Misch- und Trennsystem hinsichtlich ihrer Folgekosten bei Abwasserableitung und -behandlung gegenüberzustellen.

Bild 1: Entwässerungssysteme

Prinzipiell sollte sich die Auswahl des Entwässerungssystems an dem vorhandenen Netz orientieren. Bei Neuerschließung eines Einzugsgebietes oder bei der Umgestaltung bebauter Bereiche können folgende Ausführungen eine Entscheidungshilfe sein.

Anwendung des Mischsystems

Bei einem klassischen Mischsystem werden alle Abwässer (Schmutz- und Regenwasser) gemeinsam in einem Sammler abgeleitet und an geeigneter Stelle mittels Regenüberlaufbauwerk entlastet. Dadurch wird bei Trockenwetter der gesamte Trockenwetterabfluss der Kläranlage zugeführt. Bei Regenwetter wird der erste stark verschmutzte Spülstoß vom Beginn eines Regenereignisses sowie ein Teil des Regenwetterabflusses (mindestens die doppelte Schmutzwassermenge und das Fremdwasser) auf der Kläranlage behandelt. Der Hauptteil des (weniger belasteten) Niederschlages wird dagegen direkt an den Vorfluter abgeschlagen.

Der Aufbau eines Mischsystems ist dann von Vorteil, wenn in unmittelbarer Nähe kein geeigneter Vorfluter für eine direkte Ableitung des Regenwassers auf kurzem Weg zur Verfügung steht, d. h. ohnehin ein aufwendiges Netz für die Regenentwässerung erforderlich wäre.

Damit entsteht nur der Aufwand für ein Kanalsystem anstelle von zwei parallelen Kanalsystemen.

Vor allem in Städten mit älterer Bausubstanz ist weiterhin zu beachten, dass der Aufwand zur Trennung von Schmutz- und Regenwasser oftmals sehr hoch ausfällt:

  • Es besteht die Gefahr von Fehlanschlüssen in dicht bebauten Gebieten bei einer Umgestaltung vom Misch- zum Trennsystem.
  • Die meist mehrstöckigen Wohnhäuser werden oft im Mischsystem entwässert (sanitäre, nicht fäkalische Abwässer werden in die Regenfallrohre eingeleitet, Hofentwässerungen sind in die Hausanschlussleitung eingebunden, welche zu weiteren – hinter der Straßenfront liegenden – Gebäuden führen).
  • Eine Trennentwässerung kann hier oft nur aufgebaut werden, wenn vor dem Anschluss der Häuser innerhalb aller Gebäude eine komplette – und somit kostenintensive – Neuinstallation erfolgt ist.
  • Die erforderliche Umstellung in den Häusern parallel mit der Kanalisationsverlegung in der Straße führt oft zu großen technischen und organisatorischen Problemen.

Ein weiteres Argument für die Errichtung eines Mischsystems ist oftmals die relativ starke Verschmutzung der zu entwässernden Flächen bei dichter Bebauung und hoch belasteten Verkehrsflächen.

Der Vorteil des Mischwasserkanals liegt insbesondere in den meist praktisch geringeren Unterhaltskosten, da die Regenereignisse eine Spülwirkung haben.

Als Nachteile des Mischsystems stellen sich vor allem die kostenintensiven Regenüberlaufbauwerke und die relativ hohen Schmutzfrachten dar, die bei den Entlastungsereignissen dem Vorfluter zugeführt werden.

Außerdem können Fremdwässer nicht eingeleitet werden bzw. müssen sie mit hohen technischen und finanziellen Aufwand eliminiert werden, da Fremdwässer zu erheblichen Betriebsproblemen der Abwasserentsorgung (Transport zur Kläranlage, zwangsläufige „Mitbehandlung“, erhöhte Abwasserabgabe…) führen können.

Nachteilig ist weiterhin, dass erheblich höhere Wassermengen durch Regenereignisse zur Kläranlage gelangen, weil besonders bei lang anhaltenden Niederschlägen geringer Intensität keine oder nur geringe Entlastungen durch die Überlaufbauwerke erfolgen (Transport- und Behandlungskosten).

Anwendung des Trennsystems

Ein Trennsystem zeichnet sich durch die Verlegung zweier paralleler Sammler aus. Im Schmutzwassersammler werden alle Schmutzwässer gefasst. Der Regenwassersammler dient dagegen der Ableitung des Regen- und Schmelzwassers sowie des Fremdwassers.

Die Vor- und Nachteile des Trennsystems ergeben sich natürlich aus dem Umkehrschluss zu den genannten Vor- und Nachteilen des Mischsystems.

Ein Trennsystem empfiehlt sich genau dann, wenn am Standort eine Regenwasserableitung in Vorfluter/Gräben o. ä. auf kurzem Wege möglich ist und somit keine aufwendige Regenentwässerung erforderlich wird.

Die günstigste Entwässerungsvariante besteht natürlich in den Fällen, in denen generell nur ein Schmutzwassernetz erforderlich ist, d.h. auf die kostenintensive Regenwasserfassung (fast) völlig verzichtet werden kann (Entwässerung im ländlich strukturierten Bereich).

Wird die Variante der reinen Schmutzentwässerung angestrebt, sollte aber das Gespräch mit dem Betreiber vor Ort sowie mit den jeweiligen Anwohnern gesucht werden, um kritische Bereiche der natürlichen Regenwasserableitung (Einstau bei Niederschlägen, Pfützenbildung, verstärkte Eisbildung auf den Straßen im Winterhalbjahr…) zu selektieren.

In allen übrigen Fällen sollte aber das Regenwasser wie bisher

  • durch Versickerung,
  • durch Ableitung an der Oberfläche in das Gelände/Gräben,
  • in unmittelbar am Grundstück befindliche Wasserläufe/Gräben

abgeleitet werden.

Inwieweit für das Schmutzwassernetz letztendlich eine traditionelle Freispiegelentwässerung oder aber ein Sonderentwässerungsverfahren (Druckentwässerung; Vakuumentwässerung) zum Einsatz kommt, ist jeweils anhand der Verhältnisse (Kosten, Topographie; Anschlussdichte, Wasserschutzgebiete…) vor Ort zu entscheiden.

Modifizierte Systeme

Modifizierte Systeme stellen eine Mischform beider Systeme dar.

Sie basieren auf der Reduzierung bzw. vollständigen Vermeidung der abzuleitenden Regenwassermengen durch kurze (möglichst auch oberflächliche) Ableitung zum Vorfluter bzw. Versickerung auf den Grundstücken.

Nur das anfallende Schmutzwasser und das Regenwasser von stark verschmutzten Einzelflächen (Bundesstraßen, bestimmte Gewerbeflächen…) kommt zur Ableitung und Behandlung.

Es ist bei jeder Planung einer Ortsentwässerung in jedem Fall darauf zu achten, dass die entsprechenden Variantenvergleiche hinsichtlich der Entwässerungssysteme durchgeführt werden, da das Kanalnetz den dominierenden Kostenfaktor bei der Abwasserbeseitigung darstellt.

Ableitung des Abwassers

Freispiegelentwässerung

Die klassische Möglichkeit, Abwasser vom Entstehungs- bzw. Anfallort zur Behandlung oder Einleitung zu transportieren, ist die Freispiegelentwässerung. Hierbei wird unter Ausnutzung der Erdbeschleunigung das Wasser entsprechend der natürlichen Entwässerungsrichtung abgeleitet.

Sonderentwässerung

Der Einsatz von Sonderentwässerungsverfahren erfolgt zum einem aufgrund topographischer Bedingungen, die eine reine Freispiegelentwässerung nicht möglich bzw. nicht sinnvoll erscheinen lassen, und zum anderen bei der Entwässerung relativ dünn besiedelter Gebiete, da sich dort aufgrund der geringen Einwohnerdichte sehr hohe spezifische Kanallängen pro Einwohner ergeben. Mit einer Sonderentwässerung lassen sich dann im Vergleich zum Freispiegelkanal vergleichsweise geringe Kosten pro Meter Sammler erzielen.

Eine pauschale Angabe zum Grenzbereich zwischen Anwendung der Freispiegelentwässerung und einer Sonderentwässerung (wie Druckentwässerung) – z. B. in Abhängigkeit der durchschnittlichen Sammlerlänge pro Einwohner – ist nicht möglich, da aufgrund verschiedener Besiedlungsstrukturen völlig unterschiedliche Ergebnisse erzielt werden können. Entscheidend ist hierbei u.a. die Anzahl der erforderlichen Hausanschlüsse. Es ist also in jedem Fall eine Einzelprüfung erforderlich, ob im konkreten Anwendungsfall eine traditionelle Freispiegelentwässerung oder eine Sonderentwässerung zum Einsatz kommen sollte.

Prinzipiell kann jedoch davon ausgegangen werden, dass es sinnvoll ist, ab einer Größenordnung von ca. 6 m Kanal/E zu prüfen, inwieweit eine Sonderentwässerung Kostenvorteile erbringt; als pauschale Grenzgröße ist dieser Wert jedoch nicht geeignet.

Druckentwässerung

Bei Anwendung von Druckentwässerung zur Schmutzwassersammlung in Orten/Ortsteilen werden im Normalfall Druckleitungen (überwiegend PE) im Dimensionsbereich DN 50 bis DN 110 eingesetzt.

Unterhalb DN 80 erfolgt grundsätzlich bei einer Förderung von Rohabwasser der Einsatz von Schneidradpumpen.

Als Hauspumpstationen kommen üblicherweise Fertigteil-Kompaktpumpstationen zum Einsatz.

Bei den meisten Fabrikaten handelt es sich hierbei um Fertigteilschächte aus PE oder Beton, ausgerüstet mit einer Tauchpumpe geringer Fördermenge/Förderhöhe (ca. 5 l/s auf 15 m), wobei die meisten Hersteller aufgrund des geringen Durchgangs dieser Aggregate Schneidradpumpen zum Einsatz bringen.

Nachteile der Druckentwässerung:

  • gegenüber der Freispiegelentwässerung erhöhter Wartungsaufwand für die Pumpwerke (bei größeren Netzen ab ca. 400 DM/a*PW)
  • kürzere Abschreibungszeiträume für die Ausrüstungsanteile
  • Verweildauer bei längeren Strecken (Ablagerungen, Anfaulen des Abwassers – ggf. Anordnung einer Druckluftspülstation)
  • Einsatz von Fremdenergie

Nicht korrekt ist jedoch das allgemeine Vorurteil hinsichtlich der Energiekosten, da z.B. bei einem durchschnittlichen Hauspumpwerk eines Einfamilienhauses lediglich Energiekosten in der Größenordnung von ca. 10 – 20 DM/a anfallen.

Vakuumentwässerung

Die Kosten für das Leitungsnetz gestalten sich analog zur Druckentwässerung.

Ein Vorteil der Vakuumentwässerung besteht darin, daß aufgrund des Unterdruckes kein Abwasser in das Grundwasser sickern kann (Wasserschutzgebiete!).

Im Havariefall (Undichtheit) ist allerdings die Abwasserableitung nahezu unterbunden, andererseits ist die Leckagesuche relativ leicht durchzuführen.

Die Hausanschlussstationen sind im Falle der Vakuumentwässerung deutlich kostengünstiger als bei der Druckentwässerung, allerdings fallen die relativ aufwendigen Vakuumstationen bei Kostenvergleichen stark ins Gewicht.

Im Ergebnis ist eine Vakuumentwässerung nur bei einer relativ großen Anzahl derart anzuschließender Grundstücke wirtschaftlicher als eine analog verlegte Druckentwässerung.

Auswahl der Sonderentwässerung

Nachfolgendes Diagramm zeigt diesen Sachverhalt nur an Hand der primär anfallenden Investitionskosten (nur Investitionskosten für Pumpstationen bzw. Vakuumstationen u. Hausanschlussstationen, die Sammlernetze sind in etwa kostenäquivalent):

Diagramm 1: Kostenvergleich Druckentwässerung/Vakuumentwässerung

Die Wirtschaftlichkeit des jeweiligen Entwässerungssystems im direkten Vergleich ist also stark von der Anzahl der zugehörigen Stationen abhängig.

Das Diagramm bietet die Möglichkeit abzuwägen, inwieweit z.B. der Einsatz einer speziellen Sonderentwässerung wirtschaftlich ist.

Insbesondere im Grenzbereich ist jedoch ein Betriebskostenvergleich erforderlich. Die größten Differenzen bei den Betriebskosten im Vergleich der Systeme sind im Bereich der Wartungskosten zu erwarten.

Zu beachten ist allerdings, daß die Einsatzmöglichkeit der Vakuumentwässerung stark von der Topographie des Einzugsgebietes abhängt, da diesem Entwässerungssystem mit 3 bis 4 m geodätischer Höhendifferenz mit durchschnittlichem Aufwand eine Grenze gesetzt ist.

Sonderbauwerke

Zu den Sonderbauwerken werden folgende Anlagen der Kanalisation gezählt:

  • Regenbecken (Regenüberlaufbecken, Regenklärbecken, Regenrückhaltebecken)
  • Regenüberläufe
  • Pumpwerke
  • Ein- und Auslaufbauwerke

Regenüberlaufbecken

Eine der Hauptaufgaben der Ortsentwässerung ist die schadlose Ableitung der anfallenden Regenwassermengen.

Da während eines Regenereignisses die zur Ableitung kommende Abwassermenge um ein Vielfaches – gegenüber dem Trockenwetterabfluss – erhöht wird, ist durch geeignete Maßnahmen der Abfluss zur Kläranlage zu begrenzen. Dies geschieht im allgemeinen durch den Einsatz von Regenbecken.

Ziel ist es, dass anfallende unverschmutzte bzw. nur gering belastete Regenwasser dem Vorfluter zuzuführen.

Im Mischsystem werden deshalb Regenüberlaufbecken vorgesehen, die nur den Trockenwetterabfluss und einen Teil des Regenwetterabflusses der Kläranlage zuführen (vergl. Abschnitt 2.1).

Regenrückhaltebecken

Bei Trennsystemen wird zur hydraulischen Entlastung auf Regenrückhaltebecken zurückgegriffen, welche den gesamten Regenwasseranfall zwischenspeichern und dann gedrosselt an den Vorfluter bzw. den folgenden Kanalabschnitt abgeben. Solche Rückhaltebecken sollten in Mischsystemen nur in Ausnahmefällen angewendet werden, da in diesem Fall kein Abwurf in den Vorfluter erfolgt, und deshalb ein Hauptteil des gespeicherten Regenwassers zur Kläranlage abgeleitet wird und dort hohe Betriebskosten verursacht.

Regenklärbecken

Der Einsatz von Regenklärbecken wird immer dann erforderlich, wenn das abgeleitete Regenwasser nicht den Anforderungen zum Einleiten in den Vorfluter entspricht. Dies trifft oft nur bei sehr kleinen oder sensiblen Vorflutern, bei Schutzgebieten bzw. bei stark verschmutzten Einzelflächen zu. Keinesfalls ist davon auszugehen, daß Regenwasser aus normaler Wohnbebauung (im Trennsystem abgeleitet) behandlungswürdig ist.

Regenwasserableitung und -mengenermittlung

Zur Dimensionierung von Regen- und Mischwassersammlern ist immer die abzuführende Regenwassermenge bestimmend.

Folgende grundlegende Ausgangswerte sind für die Bemessung der Freispiegelsammler entscheidend:

Berechnungsregen

Basis sollten langjährige Niederschlagsmessungen unter Anwendung statistischer Methoden für ein bestimmtes Gebiet sein (z. B. Meteorologisches Gutachten vom Deutschen Wetterdienst).

Regenhäufigkeit

Die Regenhäufigkeit dient der rechnerischen Ermittlung des Regenabflusses und ist deshalb von besonderer Bedeutung. Sie drückt das Sicherheitsbedürfnis der Kommune für ein bestimmtes Gebiet gegen Überflutung im Starkregenfall aus und schlägt sich in der statistischen Sicherheit nieder.

Grundlage der Festlegung ist das ATV-Regelwerk A 118 [12].

Regendauer

Die Regendauer wird maßgebend von der Neigung der Einzugsfläche sowie deren Befestigungsgrad (BFG) bestimmt. Auch hier gilt das Arbeitsblatt A 118 als Anhaltspunkt.

Fremdwasser

Zum Begriff „Fremdwasser“ werden alle die Wässer zusammengefasst, die nicht durch den häuslichen oder gewerblich-industriellen Gebrauch verunreinigt werden oder aus Niederschlagsereignissen hervorgehen.

Im einzelnen sind dies besonders Drainage- und Sickerwasser, Brunnenüberläufe, Bäche und in den Schmutzwassersammler eindringendes Regenwasser.

Fremdwassermengen sind am besten durch Messung in den Nachtstunden zu ermitteln. Liegen keine zuverlässigen Messungen vor, so kann u. a. wieder die ATV mit den Arbeitsblättern A 118 [12] und A 128 [16] herangezogen werden.

Für die Bemessung von Kanälen (A 118) werden oft in Ermangelung genauer Messungen folgende Ansätze gemacht:

  • Misch- und Regenwasserkanäle: Qf24 = 25 % – 40 % Qs24
  • Schmutzwasserkanäle: Qf24 = 100 % Qs24

Bei Sonderbauwerken (Regenüberlaufbauwerke A 128) weichen diese Mengen deutlich von der A 118 ab. Es gelten im allgemeinen folgende Ansätze, bezogen auf die undurchlässige Fläche des Einzugsgebietes:

  • neue Kanäle Qf24 = 0,05 l/s*ha
  • normale Kanäle Qf24 = 0,10 l/s*ha
  • alte Kanäle Qf24 = 0,15 l/s*ha

Diese allgemeinen Ansätze können jedoch nur als Orientierung dienen und sind auf die besonderen Bedingungen des Einzugsgebietes (z. B. Grundwasserstand, Zustand der Kanäle…) abzustimmen.

Werdau, im Juni 2003

Dr. -Ing. Jens Friedemann
Institut für Wasserwirtschaft Halbach

error: Content is protected !!