Wahrhaftig

Wohl jeder der am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, möchte als wahrhaftig gelten.

Mit dem Ruf ein Schwindler zu sein, wird sich Niemand selber schmücken.

Auch Techniker oder Gutachter sollten bestrebt sein, ihre Feststellungen mit der Realität in Deckung zu bringen.

Sofern man zur Wahrheit vereidigt wurde, sollte Wahrhaftigkeit Prinzip ohne Ausnahme sein.

Andererseits  ist es legitim und üblich – sagen wir mal – die Wahrheit so zu modellieren, dass die Geschäfte und Interessen scheinhaft begründet und beflügelt werden.

Nur um kurz darauf einzugehen: So verwerflich ist die Modellierung der Wahrheit – für den Normalbürger – auch wieder nicht.

Der ungeschminkten Wahrheit ins Antlitz zu schauen, dazu gehört viel Mut. Zudem wollen die meisten Menschen die Wahrheit auch gar nicht wirklich wissen. Das hat schon Platon anschaulich mit seinem Höhlengleichnis vor ca. 2.400 Jahren bewiesen. Die Wahrheit ist nicht immer schön. Die Wahrheit wissen zu wollen, birgt das Risiko ungeschminkt gesagt zu bekommen, wie doof man ist und wie blöd man handelt. Auch ich, der so kühn über die Wahrheit schreibt, will sie nicht in jedem Fall wissen.

Aber zurück zur Gestaltung der Wahrheit:

Für die kunstvolle Gestaltung der Wahrheit – wie wir sie tagtäglich von den Massenmedien vorgeführt bekommen – ist es notwendig, sich von der Wahrheit etwas zu entfernen, von ihr etwas zu verdecken, sie nur teilweise zu spiegeln, zu ergründen, zurück zu rennen, wenn es gefährlich wird.

Gut gestalten lässt sich die Wahrheit auch indem wir sie in eine Halbwahrheit oder in eine Lüge umwandeln. Es ist auch möglich,  sie so lange zu kneten und zu formen bis sie genau den Vorstellungen entspricht, die der Wahrheitsformer hat oder Wahrheitsbetrachter haben soll.

Letztlich kommt es überhaupt nicht darauf an, dass die Argumentation oder die Botschaft wahr ist. Es ist ausreichend, dass hinreichend viele Menschen glauben, sie sei wahr.

Dieses Glaubensziel ist leicht zu erreichen, indem die Lüge oft genug wiederholt wird. Schon allein die Wiederholung einer Botschaft, Hypothese oder Prophezeiung  – sei es wahrscheinlich oder unwahrscheinlich eine Wahrheit oder eine Lüge – ist wichtigstes Voraussetzung für den Glauben an das (oft nur vermeintlich) Wahre in der Botschaft.

Wahrheit ist wie die Energie nicht erneuerbar.

Wie Wahrheit raffiniert verteidigt oder umgewandelt wird, lehrt die Maulwissenschaft – modern: die Rethorik.

Zahlreiche Philosophen haben sich dem interessanten Thema der Erkenntnis und deren Verschleierung gewidmet.

Ihr ist sogar ein ganzer Teilbereich der Philosophie gewidmet: die Erkenntnistheorie.

Arthur Schopenhauer verfasste ein dickes Buch, bei dem es ihm gelang, das Dilemma der menschlichen Erkenntnis kompakt schon in den Titel zu pressen: „Die Welt als Wille und Vorstellung“!

Das nimmt eigentlich schon alles vorweg. Wer Arthur Schopenhauer glaubt, braucht das Buch nicht zu lesen oder zu verstehen.

Friedrich Nietzsche beschrieb den trostlosen und einsamen Weg dessen, der die Wahrheit sucht.

Und Arthur Schopenhauer wiederum haben wir einen Aufsatz darüber zu verdanken, wie man seinen Redegegner über’s Ohr haut, auch wenn dieser absolut im Recht ist: Die Kunst, Recht zu behalten.

Eine Kunst, die zuweilen vor Gericht zu beobachten ist und zum Instrumentarium jedes besseren Anwaltes gehören sollte.

Über den Stand der Maulwissenschaft vor gut 400 Jahren ist im Werk wohl eines der edelsten Menschen, die es auf der Welt je gab – nämlich von Michel de Montaigne – zu lesen.

Interessant bei seinen Überlegungen ist seine Treffsicherheit bei der Beurteilung des Menschen, die – so mein Eindruck – zu 100 % auf die heutige menschliche Spezies passen.

Und wenn das so ist, dann ist der Mensch, ethisch gesehen, noch genauso primitiv und resistent wie es Michel de Montaigne vor 400 Jahren beobachtete.

Und da sich Michel de Montaigne seinerseits auch auf Plato bzw. Sokrates beruft, wissen wir, was wir von der Entwicklung des Charakters des „entwickelten“ Menschen in diesem Jahrhundert zu halten haben.

Nicht mehr als dies vor 2.000 oder 1.000 Jahren der Fall war.

Die Bezeichnungen für Redner ändern sich im Laufe der Zeit.

Aus Maulhelden wurden Verbalerotiker.

Und nun lesen wir mal – zur Anregung – auszugsweise, was  Michel de Montaigne sich zu diesem Thema „Die Wertlosigkeit des Redens“ so überlegte:

Die Wertlosigkeit des Redens

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