Übertragbarkeit der Ergebnisse von Benchmarkuntersuchungen

Überlegungen zu dem Wert von Benchmarkingergebnissen

Die Nutzung von Benchmarkingergebnissen ist – auf die methodische induktive Logik reduziert – nichts weiter als ein simpler Analogieschluss, der wahr sein kann, aber nicht wahr sein muss. Für die Logik als Beweismethode sind zunächst als Begriffe, Objekte und Eigenschaften von Bedeutung, wobei es in der folgenden Tabelle keinen Zeilenzusammenhang gibt .
Abkürzungen oder BegriffeErklärungen / Definitionen
AbwasserDurch Gebrauch verändert, abfließendes Wasser und jedes in die Kanalisation gelangendes Wasser.
AbwasserabgabeDirekter Kostenbestandteil der Abwassergebühr, welcher für das Einleiten von Schadstoffen in ein Gewässer zu zahlen ist, richtet sich nach den eingeleiteten Schadeinheiten des Abwassers.
Belebtschlammaktive Biomasse, die schwebend in einer s. g. Belebtschlammkläranlage die biologische Reinigung übernimmt, mit Sauerstoff zu beatmen und mit Nährstoffen (Abwasserinhaltsstoffe) zu ernähren ist.
BenutzungsgebührGegenleistung für die tatsächliche Inanspruchnahme einer öffentlichen Einrichtung (z. B. Schmutzwasserbeseitigung)
BetriebskostenKosten, die durch den Betrieb der Anlage entstehen. Ermittlung bei Anlagen der Abwasserbeseitigung in der Regel getrennt nach Kanalnetz und Kläranlage. Die Betriebskosten umfassen bei Kläranlagen die Abwasserabgabe, Personal-, Sach-, Energie-, Instandhaltungs-, Schlammentwässerungs- sowie Schlammentsorgungskosten. Beim Kanalnetz beinhalten sie Instandhaltungs-, Wartungs-, Inspektions- sowie Energiekosten. Die Betriebskosten enthalten anteilig auch Verwaltungs- und Geschäftsführungskosten.
BSB5Biochemischer Sauerstoffbedarf innerhalb von 5 Tagen. Der BSB5 ist ein Maß für die Abwasserverschmutzung und wird mit Hilfe eines indirekten Verfahrens ermittelt. Gemessen wird die Atmungsleistung von Mikroorganismen, die biologisch verwertbare Abwasserinhaltsstoffe während der Untersuchungszeit von z. B. 5 Tagen „veratmen“ und dabei Sauerstoff verbrauchen. Es wird unter Laborbedingungen simuliert, welcher Sauerstoffverbrauch innerhalb von 5 Tagen im Gewässer bei Dunkelheit und bei 20°C entstehen würde. Die Angabe erfolgt in mg O2/l. Ein niedriger BSB5 ist gleichbedeutend mit einer geringen Verschmutzung. Sauberes Bachwasser hat einen BSB5 von 2...5 mg O2/l, häusliches Abwasser weist etwa 300...500 mg BSB5/l auf, Gülle erreicht 20.000...30.000 mg BSB5/l und der BSB5 von Hühnerblut liegt schätzungsweise bei 200.000 mg/l. Ein BSB muss nicht schädlich sein. Manache Tiere im und am Gewässer benötigen als Futter Inhaltsstoffe, die einen BSB verursachen.
BürgermeisterkanäleBei Bürgermeisterkanälen handelt es sich - rechtlich weitgehend ungeklärt - um all die Entwässerungseinrichtungen, die meist zu DDR Zeiten außerhalb der Bilanz zentraler Abwasserentsorger (in Sachsen z. B. die WAB) entstanden sind, der Schutz- und/oder Niederschlagswasserableitung mehrerer Grundstücke dienen und aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte noch nicht im Anlagenverzeichnis des heute zuständigen Abwasserentsorgers geführt werden.
M. Heuser
CSBChemischer Sauerstoffbedarf. Korrekt: CSV = Chemischer Sauerstoffverbrauch, weil weder die Abwasserprobe noch die Gewässer einen Bedarf an CSV haben, wie analog zum BSB5 in der Regel falsch geurteilt wird. Etwas, dass im Gewässer keinen Bedarf, keine Reaktion bzw. keine Wirkung verursacht, kann auch nicht schädlich sein.
DirekteinleiterEinleiter, der nach einer eigenen Abwasserbehandlung direkt in einen Vorfluter (Gewässer) einleitet.
EGWEinwohnergleichwert (60 g BSB5/Ed). Der Einwohnergleichwert dient in erster Linie dem Vergleichen einer industriellen Abwasserfracht (z. B. Molkerei, Schlachthöfe,...) mit jener Abwasserfracht, die eine bestimmte Anzahl von Einwohner verursacht. Bezogen auf die CSB-Fracht verursacht ein Einwohner täglich 120 g CSB/Ed.
Der EGW bezieht sich in der Regel auf die BSB5-Fracht, die ein Einwohner während eines ganzen Tages verursacht. Enthalten sind in dem EGW meist auch Lastanteile des Kleingewerbes!
ErfahrungssatzTechnischer Erfahrungssatz: anerkanntes Beweismittel für die Lösung gerichtlicher Beweisbeschlüsse im Rahmen von Gerichtsgutachten. Meist nicht schriftlich niedergelegte technische Selbstverständlichkeit, z. B. Wasser fließt nicht bergauf. Erfahrungssätze haben vor Gericht den gleichen, wenn nicht sogar einen höheren Stellenwert als eine technische Regel (DIN oder ATV-DVWK-Regelwerk,...).
Einwohnerwert (EW)Anzahl der Einwohner (E) + EGW
FrachtMasse der mit dem Abwasser oder Stoffstrom abgeleiteten Stoffmengen. Die Angabe wird auf einen Zeitraum bezogen, wie z. B. kg/h, kg/d oder t/a oder auf ein Produktionsergebnis bezogen, z. B. kg BSB5/t Brühwurst. Die Fracht des jeweiligen Inhaltsstoffes wird über die Kombination der gemessenen Konzentration (z. B. mg/l; g/m³) mit der im Zeitraum der Ermittlung der Abwasserkonzentration angefallenen Abwassermenge (meist kann auch der Wasserverbrauch als Grundlage gewählt werden), z. B. m³/d, errechnet. Siehe auch den Begriff „Last“
Fremdwasserunerwünschtes Regen- und Grundwasser in Abwasserleitungen
GKLGrößenklasse einer Kläranlage
IndirekteinleiterGewerbliches oder industrielles Unternehmen, dass nicht oder nur teilweise vorbehandeltes Abwasser einer kommunalen Kläranlage zuführt.
IndirekteinleiterkatasterDatenbank zur Erfassung und Bewertung von fracht- und mengenrelevanten gewerblichen sowie industriellen Abwässern, die in eine kommunale Kläranlage einleiten.
(Sie leiten indirekt über eine fremde Abwasseranlage in Gewässer ein.)
Jahreskostenallgemein gebräuchlich, Summe aus Betriebskosten und Kapitaldienst. Die Jahreskosten setzen sich also zusammen aus den jeweiligen Abschreibungen der Anlagenteile gemäß der veranschlagten Nutzungsdauer, dem durchschnittlichen kalkulatorischen Zins und den tatsächlichen Betriebskosten.
Lastoder Abwasserlast, Produkt aus Abwasserkonzentration und der dazugehörigen Abwassermenge. Der Begriff ist nur dann korrekt, wenn der Lastbeweis vorliegt. Sonst Fracht.
Lastbeweiswahrscheinliche oder tatsächliche konkrete Schadwirkung durch hinreichende Dosis des betreffenden Stoffes. D.h. eine Fracht wird erst dann zur Last, wenn sie tatsächlich eine Schadwirkung hat.
LAWALänderarbeitsgemeinschaft Wasser-Abwasser
spezifische FrachtProdukt aus Abwasserkonzentration und der dazugehörigen Abwassermenge dividiert z. B. durch die zugehörige Produktionseinheit (t oder kg ...) bzw. Bezugsgröße (EGW)
Mischwassersetzt sich aus Regen- und Schmutzwasser zusammen
RegenklärbeckenAbsetzbecken mit Schwimmstoffrückhalt im Regenwasserkanalsystem
RegenrückhaltebeckenMeist Speicherbecken im Regenwasserkanalsystem zur Vergleichmäßigung der Abflussspitzen und im Regenwasserkanal mit dem Ziel Erosionen im Gewässer zu vermeiden.
Regenspeicherbeckensiehe Regenrückhaltebecken
RegenüberlaufbeckenBecken im Mischwasserkanalsystem, mit dem im Regenfall der Schmutzstoß aufgefangen, zeitverzögert und gedrosselt zur Kläranlage weitergeleitet wird. Außerdem wird eine meist größere Teilmenge verdünnten Mischwassers im Regenfall in den Vorfluter geleitet. (RÜB, Sammelbegriff)
Regenüberlaufgrößere Teilmenge von verdünntem Mischwasser, die im Regenfall in den Vorfluter geleitet wird, auch als Einrichtung bekannt (RÜ)
RegenwasserNiederschlagswasser, das gemeinsam (Mischkanalisation) oder getrennt (Trennkanalisation) vom häuslichen Schmutzwasser abgeleitet wird und größtenteils eine gesonderte Behandlung erfordert.
SchadstoffStoff, hier im Abwasser, der bei einem konkreten Organismus durch eine konkrete Dosis eine schädliche Wirkung verursacht. Die wissenschaftliche Begrifflichkeit unterscheidet sich teilweise stark von jener des Gesetzgebers bis hin zu dem Fakt, dass Nutzstoffe fälschlich als Schadstoffe deklariert werden. So fehlt logisch gesehen dem CSB in aller Regel der Schadstoffbeweis und N sowie P sind primär keine Schadstoffe, sondern Nährstoffe. Ob sie schädlich wirken kommt auf die Situation an.
SchlammindexEigenschaft des Belebtschlammes, Index Schlammvolumen - ISV (Maß für die Absetzeigenschaften eines Schlammes). Gibt an, welches Schlammvolumen einem Gramm Belebtschlammtrockenmasse (TM) zu zuordnen ist. Bei einem ISV von z.B. > 150 ml/gTM ist die Absetzeigenschaft schlecht.
SchlammvolumenVolumen, das der Belebtschlamm nach 30 Minuten Sedimentationszeit in einem 1000 ml – Standzylinder einnimmt.
Schmutzfrachtsiehe Fracht
SchmutzwasserHäusliches Schmutzwasser: Abwasser aus Haushaltungen, öffentlichen Gebäuden und Kleingewerbebetrieben, das in jedem Fall im öffentlichen Kanalnetz abgeleitet und in der öffentlichen Abwasserreinigungsanlagebehandelt werden kann.
TrennbauwerkEinrichtung, die im Regenfall den Abwasserzulauf in bemessene Teilströme gliedert, wobei in der Regel ein Teil zur Kläranlage und ein anderer Teil in den Vorfluter geleitet wird. Mitunter sind Speicherbecken in einem Teilstrom zwischengeschaltet.
TrockenwetterabflussSumme aus Schmutzwasserabfluss und Fremdwasserabfluss
Stand der TechnikStand der Technik nach Wasserhaushaltsgesetz ist der Entwicklungsstand fortschrittlicher Verfahren, Einrichtungen oder Betriebsweisen, der die praktische Eignung einer Maßnahme zur Begrenzung von Emissionen in Luft, Wasser und Boden, zur Gewährleistung der Anlagensicherheit, zur Gewährleistung einer umweltverträglichen Abfallentsorgung oder sonst zur Vermeidung oder Verminderung von Auswirkungen auf die Umwelt zur Erreichung eines allgemein hohen Schutzniveaus für die Umwelt insgesamt gesichert erscheinen lässt. Siehe http://www.institut-halbach.de/2016/12/rechtsprechung-din-regel-stand-der-technik/
ÜberschussschlammAbfallprodukt im Ergebnis einer biologischen Reinigung in einer gesonderten Verfahrensstufe zu unterscheiden vom Vorklärschlamm.
VorklärschlammAbfallprodukt im Ergebnis eines Sedimentationsprozesses. Streng genommen kann weiter unterschieden werden, ob dieser Vorklärschlamm angefault oder ausgefault wird. Damit gibt es Unterschiede bei den Schlammmengen und Schlammqualitäten.
P85P = Perzentil, Häufigkeitsangabe einer Summenhäufigkeitskurve. Z. B. bedeutet 500 mg BSB5 /l als P85, dass 85 % aller Messwerte - z. B. eines Jahres - kleiner oder gleich 500 mg BSB5 /l waren.
Formelzeichen und AbkürzungenBedeutung
aJahr
a.a.R.d.T.allgemein anerkannte Regeln der Technik
Entwicklungsstand fortschrittlicher Verfahren, Einrichtungen und Betriebswesen, die als beste verfügbare Techniken zur Begrenzung von Emissionen praktisch geeignet sind. Verfahren, Einrichtungen usw. müssen fortschrittlich, technisch und wirtschaftlich durchführbar sein. Literatur: Arbeitsblätter im Regelwerk Abwasser/Abfall der Abwassertechnischen Vereinigung e. V. (ATV) und dem Verband kommunaler Städtereinigungsbetriebe (VKS), DIN-Vorschriften
AbwAGAbwasserabgabengesetz
BKLBodenklasse
BSB5Biologischer Sauerstoffbedarf in 5 Tagen
BTSSchlammbelastung
CSBChemischer Sauerstoffbedarf
dTag
EEinwohner
EGWEinwohnergleichwert (0,06 kg BSB5/Ed)
EWEinwohnerwert = E + EGW
FMFrischmasse (Trockenmasse + Wasser)
GKLGrößenklasse einer Kläranlage
Hmanmanometrische Förderhöhe
KAKläranlage
KAGKommunalabgabengesetz
KKAKleinkläranlage
KeEnergiekosten
MSmineralische Substanz
NStickstoff
PgesGesamtphosphorgehalt
PKKupplungsleistung
QAbwassermenge, Fördermenge
QdAbwasseranfall eines Tages
QmMischwasserzufluss oder -abfluss
QsSchmutzwasseranfall
RKBRegenklärbecken
SBRsog. Einbeckenkläranlage, bei der Belüftung und Abzug des gereinigten Abwassers intermittierend in demselben Becken erfolgt. Verfahren - SBR - in dem der Belebtschlamm zeitlich versetzt im Belebungsbecken sedimentiert. (SBR = sequencing batch reactor, also keine kontinuierliche Abwasserbehandlung in einem Becken, dem Reaktor, sondern Behandlung in Chargen, also in Produktionseinheiten und in Zeitabschnitten)
SESchadeinheit
tVerlegetiefe
TKNTotaler Kjeldahl-Stickstoff-Gehalt
TPPumpzeit
TSTrockensubstanz
WHGWasserhaushaltsgesetz

Ein korrekter Analogieschluss ist Ergebnis einer induktiven Argumentation (Schluss und Gründe, die den Schluss stützen) mit der Struktur:

Wenn gilt

• ein Objekt A hat eine Ähnlichkeit mit einem Objekt B und
• das Objekt B hat die Eigenschaft b1,

dann gilt

das Objekt A hat auch die Eigenschaft b1.

Genauer gilt:

Das Objekt A hat mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auch die Eigenschaft b1.

Dabei ist aber – und das ist tückisch – die Wahrscheinlichkeit wahrscheinlich zumeist eher unbestimmt, d. h. unbekannt. Die Argumentstärke (Wahrheitswert der Konklusion) ist abhängig von dem Beweis des Ausmaßes der relevanten Ähnlichkeit zwischen den Objekten und voraugesetzt das Argument ist korrekt, d. h. es liegt kein induktiver Fehlschluss vor.

Zu der offenkundigen Tatsache, dass ein Analogieschluss wahr sein kann, aber nicht wahr sein muss, gelangte man auch z. B. in einer entsprechenden DWA-Arbeitsgruppe

„Im vorliegenden Merkblatt DWA-M 174 „Betriebsaufwand für die Kanalisation – Hin-weise zum Personal-, Fahrzeug- und Gerätebedarf“ werden den in oben genanntem Arbeitsblatt aufgeführten Einzelaufgaben jeweils der Personalaufwand sowie der Fahrzeug- und Gerätebedarf zugeordnet. Außerdem werden weitere Vorgaben für die Ermittlung des Betriebsaufwandes genannt. Die angegebenen Tagesleistungen sind als Durchschnittswerte der Praxis anzusehen. Wie Benchmarkingprozesse belegen, ergeben sich aufgrund der örtlichen Gegebenheiten erhebliche Abweichungen. Dabei ist die Nennung von absoluten Zahlen nicht möglich.“  (Merkblatt DWA-M 174 „Betriebsaufwand für die Kanalisation – Hinweise zum Personal-, Fahrzeug- und Gerätebedarf“)

Wird dem Zitat

„Wie Benchmarkingprozesse belegen, ergeben sich aufgrund der örtlichen Gegebenheiten erhebliche Abweichungen. Dabei ist die Nennung von absoluten Zahlen nicht möglich.“

gefolgt, dann ist jede Abweichung vom Mittelwert spekulativ, wenn keine Bedingungen genannt werden, wann die Minimalwerte und wann die Maximalwerte im Merkblatt DWA-M 174 „Betriebsaufwand für die Kanalisation – Hinweise zum Personal-, Fahrzeug- und Gerätebedarf“ zu wählen sind.

Die Nutzung von diesbezüglichen ATV-Regelwerken ist methodisch ein Benchmarkvergleich und ein Analogieschluss mit dem Unterschied der Genauigkeit des Schlusses. ATV-Regelwerke betreffen zumeist konkret beschriebene Zusammenhänge in einem besonders beschriebenen Fall.  Benchmarkvergleiche losgelöst von den Bedingungen unter denen sie gewonnen wurden – also z. B. eine Kennziffer für eine Struktur – müssen methodisch bedingt eher pauschal bzw. abstrakt oder in ihrer Auslegung beliebig sein.

Sind genauere Bewertungen gewünscht, dann ist die tatsächliche Arbeit und Leistung durch bekannte und übliche betriebswirtschaftliche Methoden, z. B. Arbeitsplatzaufnahme, Interview usw. z. B. 24 h am Tag zu erfassen und zu bewerten.

Es ist auch konkret zu bewerten, welche Aufgaben tatsächlich notwendig sind, welche erbracht werden, welche untererfüllt oder welche übererfüllt werden. Allein in der Spannweite der Unter- oder Übererfüllung liegt eine Beliebigkeit, die sich natürlich in der Spannweite der Benchmarkingergebnisse widerspiegeln muss.

Voraussetzungen für die Übertragung von Benchmarkingergebnissen auf den Einzelfall ist der Nachweis der Vergleichbarkeit.

Also: „Ein Objekt A hat eine Ähnlichkeit mit einem Objekt B.“ usw., konkret: Ähnlichkeit der jeweiligen Eigenschaften, z. B. technische und/oder organisatorische Strukturen.

Besser, kostengünstiger, effizienter und zielführender als Benchmarkuntersuchungen sind Untersuchungen, bei dem sich der Gutachter nur auf ein Unternehmen konzentriert und das aber gründlich analysiert und dessen Effizienz bewertet.

Voraussetzung dafür ist natürlich eine interdisziplinäre Komptenz von Wasserwirtschaft, Anlagenbetrieb und ggf. Kommunalwirtschaft.

(Dieser Beitrag ist keine Kritik an dem Merkblatt DWA-M 174 „Betriebsaufwand für die Kanalisation – Hinweise zum Personal-, Fahrzeug- und Gerätebedarf“. Gegenstand war nur die korrekte Nutzung.)

Übrigens, ein anderes Beispiel zum Wahrheitswert von Induktionen, hier zur Wahrheit der Prognose:

Da die Klimaprognose wohl fast ausnahmslos auf induktiven Analogieschlüssen (Wahrsagung der Zukunft) beruht, ist es schon erstaunlich, dass von den Medien der Eindruck vermittelt wird, der Wahrheitswert dieser Prognose läge bei 100 %! Bei dieser Prognose lauert aber noch eine weitere tückische Falle: Die Wahrheit der Prognose beruht auf dem Ergebnis einer Konjunktion von einzelnen Wahrscheinlichkeiten, d. h. wenn mehrere Ereignisse für die Klimaprognose eintreten müssen, dann ist die Wahrscheinlichkeit der Klimaprognose das Produkt aller Wahrscheinlichkeiten der notwendigen Ereignisse. Selbst wenn diese Einzelwahrscheinlichkeiten alle mit z. B. ausgezeichneten 70 % eintreten sollten, dann wird jede Klimaprognose allein schon bei einer angenommenen verschwindend kleinen Zahl von 10 notwendigen künftigen Voraussetzungen mit einer Gesamtwahrscheinlichkeit ca. 3 % eher unwahrscheinlich.  Würde vergleichsweise ein Ingenieur seine Statik mit einer derartigen Wahrscheinlichkeit prognostizieren, dann würde er wahrscheinlich nicht lange frei herumlaufen. Insofern kann man dem Ökologen Reichholf durchaus zustimmen als er feststellte:

“Bevorzugt und privilegiert werden einige wenige, die Kosten und die Nachteile hat die Allgemeinheit zu tragen. Deswegen scheint es nur folgerichtig, zu fordern, daß die Propheten für ihre Prognosen, für die Folgen und Kosten, die sich daraus ergeben, auch geradestehen müßten.

Wer behauptet, daß etwas so kommen wird, und es kommt nicht so, der sollte die Kosten zu tragen haben.

Wie der Geschäftsmann in seinem Unternehmen das auch tun muß. Gegen manche Fehlerwartungen kann er sich vielleicht versichern, aber grundsätzlich muß er das Risiko tragen, mit allen Konsequenzen. Guter Rat ist teuer, weiß der Volksmund. Schlechter Rat noch viel teurer. … Es darf nicht zur Regel werden, daß immer wieder die Allgemeinheit für die Fehleinschätzungen anderer bezahlen muß. Mit Solidarität hat das wenig zu tun.”
(Quelle: Reichholf, J.H. , Die falschen Propheten – Unsere Lust an Katastrophen , Taschenbuch, 2. Auflage 2003, Wagenbach Verlag Berlin)

Ein netter Gedanke!




3 Gutachter und 3 Meinungen…

…so lautet ein häufiges und auf den ersten Blick wenig rühmliches Urteil über die Arbeit von Experten.

Aber wie es so ist im Leben. Man mag eher leichtens Experte sein. Die Kunst aber, sein Wissen verständlich und nützlich für andere zu erschließen, erfordert neben Erfahrung immer noch eine besondere zusätzliche Anstrengung. Die Beobachtung zeigt, dass man wenigstens noch einmal das Dreifache jener Zeit aufwenden muss, die man für die Erkenntnis selber benötigte, wenn man seine „Expertenbotschaft“ Laien verständlich vermitteln will. (Laien, die am Ende oft den Experten bezahlen.)

Zudem mag man von einer Sache zu hundert Prozent überzeugt sein. Dies aber anderen zu vermitteln, bedarf schon einer nachvollziehbaren und prüffähigen Darlegung.

Und bei der Beweisführung offenbaren sich die Ursachen mancher Abweichungen zwischen den Gutachten, wenn Unparteilichkeit und besondere Fachkunde vorausgesetzt wird.

  • Zum einen gelten unsichere Erfahrungen als Beweismittel und zum anderen unsichere Konklusionen der induktiven Logik.
  • Es leuchtet ein, dass es sein kann, dass jeder Sachverständige unterschiedliche Erfahrungen in seinem bisherigen Leben gemacht hat, die schließlich auch Ursache unterschiedlicher Überzeugung sein können.
  • Weiterhin wird der Wahrheitswert der Konklusionen der induktiven Logik oft auch nach Abwägung, also aufgrund von Erfahrungen vom Sachverständigen festgelegt.

Damit dürfte verständlich sein, warum es häufig zu Abweichungen zwischen den Bewertungen einer Sache durch verschiedene Gutachter kommen kann. Die Ursache dafür dürfte zumeist in der Subjektivität des fachlichen Urteils liegen. Unter diesen Gesichtspunkten sind Abweichungen zwischen Gutachten beinahe als normal anzusehen. Deshalb ist es äußerst wichtig, dass die Gutachten so verfasst werden, dass die Quelle jeder Annahme und jeder Prämisse offen gelegt und nachvollziehbar bewertet wird.

Die besondere Verantwortung des Sachverständigen liegt in der nachvollziehbaren und sicher auch sehr mühevollen Herausarbeitung des Wahrheitswertes der von ihm verwendeten Prämissen.

Die Struktur der Argumentation (Gründe, die den Schluss stützen sowie Schluss) muss den Gesetzen der Logik (induktiv bzw. deduktiv) entsprechen. Dafür ist es notwendig, dass der Gutachter wenigstens die Grundlagen der Logik beherrscht. Das wird allerdings möglicherweise nicht immer der Fall sein.

Der Homepage der Kanzlei Prof. Schweizer sind einige Hilfen bei dem Verfassen von Gerichtsgutachten zu entnehmen, die sicher auch für andere Gutachten als für Gerichtsgutachten gelten dürften:

  • „Keine Fremdwörter
  • Keine Fachbezeichnungen
  • Keine anderen, mitunter schwer verständlichen Ausdrücke – wie „und/oder“
  • Möglichst genaue Angabe des rechtserheblichen Bezugsrahmens, insbesondere hinsichtlich:
    • Überlegender und flüchtiger Reaktion
    • Kein Verwechseln verwandter Rechtsprobleme, wie z. B. des Kennzeichnungs- und des Bekanntheitsgrades
    • Genaue Bestimmung der rechtserheblichen Personen oder Gegenstände
    • Keine überflüssigen Themen
  • Keine unlogischen oder widersprüchlichen Formulierungen
  • Genaue Ortsangaben
  • Genaue Zeitangaben, folglich keine Angaben wie: oft, häufig, regelmäßig, gelegentlich, selten, nie
  • Genaue Mengenangaben
  • Keine abstrakten oder komplexen Wörter, Sätze und Satzteile
  • Keine sonstigen mehrdeutigen Bezeichnungen – wie z. B. „beziehungsweise“
  • Keine Möglichkeit zu irreführender Betonung
  • Grundsätzlich keine Synonyme
  • Keine weniger gewohnten und weniger gebräuchlichen Bezeichnungen
  • Kein ungewohnter Bezugsrahmen
  • Keine negativen Formulierungen
  • Möglichst kurze Sätze
  • Nur ein Thema in einem Satz
  • Möglichst wenig Nebensätze
  • Keine umständlichen Texte
  • Keine (sonstigen) schwierigen grammatikalischen Konstruktionen und keine sonstigen komplizierten Formulierungen“

Quelle: Schweizer, Die Definition des Rechtsproblems bis zur Durchführungsreife, in: Chiotellis / Fikentscher, Rechtstatsachenforschung, Köln 1985, S. 68 – 76

 




Mangelhafte Beweisführung

Konklusion einer Induktion ohne Angabe des Wahrheitswertes ist problematisch

Hin und wieder kommt es vor, dass in Gutachten Beweise nicht oder falsch geführt werden. Die Konsequenzen sind erheblich.

Häufig wird in derartig mangelhaften Gutachten bei induktiver Beweisführung der Wahrheitswert der Prämissen entweder nicht ausgewiesen und/oder in den Konklusionen nicht ausgewiesen.

Das ist ein erheblicher Mangel, der das Gutachten diesbezüglich oder vollständig entwerten kann. Vollständig dann, wenn die Leser diesen Mangel als Indiz für ein grundsätzliches Unvermögen bei der Beweisführung zu Lasten des Gutachters werten. Abgesehen davon lässt sich aus Schwächen bei der Beweisführung aber nicht unbedingt auf fachliche Inkompetenz schließen.

Relevant ist jedoch, dass bei unvollständiger Beweisführung bei der Mehrheit der Leser der falsche Eindruck entstehen kann, die Beweisführung des Gutachters sei sicher.

Korrektes Beispiel einer enumerischen Induktion von Wilholt [1] (Skript von 2005):

„90 % aller Regenvorhersagen für Bielefeld von Radio Wetterfrosch treffen zu.
Für morgen hat Radio Wetterfrosch für Bielefeld Regen vorhergesagt.
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Morgen wird es in Bielefeld regnen.“

Bei dieser Darstellung sollte klar sein, dass die Konklusion „Morgen wird es in Bielefeld regnen.“ die Eigenschaft „mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 %“ hat.

Für die weniger mit den Feinheiten der Induktion vertrauten Leser verringert folgende Ergänzung das Risiko eines Missverständnisses bzw. einer Fehlinterpretation:

90 % aller Regenvorhersagen für Bielefeld von Radio Wetterfrosch treffen zu.
Für morgen hat Radio Wetterfrosch für Bielefeld Regen vorhergesagt.
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 % wird es in Bielefeld morgen regnen.

Aussagen, die auf statistischen Untersuchungen beruhen, sind wegen Unvollständigkeit falsch, wenn ihr Wahrheitswert nicht angegeben wird.

In Expertise-Kontexten muss man unbedingt auf solche induktiven Schritte und das notwendigerweise damit verbundene Irrtumsrisiko ausdrücklich aufmerksam machen.
Wilholt [2]

In manchen Fällen geben sogar schon Richter ihren Gutachtern auf,  sie mögen bei ihren Feststellungen den Wahrheitswert ihrer Konklusionen (wenigstens subjektiv) einschätzen.

Ein Indiz für bisherige Schwächen in der Logik bei einigen Beweisführungen in Gerichtsgutachten.

Fazit für anspruchsvolle Beweisführung in Gutachten:

In Gutachten sind die Argumentationen gültig bzw. korrekt und prüffähig darzustellen. Die Wahrheitswerte der Konklusionen sind anzugeben oder wenigstens zu schätzen. Auf das mit der Argumentation verbundene Irrtumsrisiko ist ausdrücklich hinzuweisen.


[1] Prof. Dr. Torsten Wilholt, Auszug aus einem Vorlesungsskript von 2005 „17. Formen logischer Argumente“
(nicht mehr online verfügbar)

[2] Prof. Dr. Torsten Wilholt, persönliche Mitteilung an U. Halbach im Rahmen einer Konsultation am 13.08.2012

[3] Prof. Dr. Torsten Wilholt, Logik und Argumentation, Materialien zu einführenden Vorlesungen über formale Logik und Argumentationstheorie,
Institut für Philosophie, Leibniz Universität Hannover, 2005, 2013 überarbeitet




Die Wahrscheinlichkeit…

… als Bedingung einer korrekten induktiven Argumentation.

Bei allem in der Welt kommt es mehr auf die Wahrscheinlichkeit an als auf die Wahrheit selbst.

Heinrich Heine

***

Kommentar:

Durch das dumme oder absichtliche Weglassen der Wahrscheinlichkeitsbewertung (z. B.: wahrscheinlich, weniger wahrscheinlich, unwahrscheinlich) eines induktiven Schlusses, wird die Wahrheit beliebig, falsch bzw. gar zur Lüge.

Beispiel einer Lüge, wenn man es insgeheim anders weiß: „Der CO2-Anstieg verursacht eine Klimaerwärmung“ ist als induktiver Schluss Teil einer Argumentation.

Korrekt wäre der Zusammenhang – wenn es tatsächlich einen geben sollte – wie folgt darzustellen:

Sofern induktive Fehlschlüsse mit Sicherheit ausgeschlossen werden können, kann ein CO2-Anstieg zu einer Klimaerwärmung führen.

Voraussetzung dafür ist das Eintreten z. B. folgender Ereignisse:

  • a
  • b
  • c

Das Eintreten der folgenden Ereignisse wird z. B. mit folgender Wahrscheinlichkeit prophezeit (angenommen):

  • a = 70 %
  • b = 55 %
  • c = 25 %

Die Gesamtwahrscheinlichkeit betrüge in diesem Falle, dass es aus den genannten Gründen wärmer werden würde, ca. 10 %.

Abgesehen von der geringen Eintrittswahrscheinlichkeit in diesem Beispiel handelt es sich bei solchen induktiven Klimaschlüssen zumeist um „Feststellungen“, welche die Zukunft betreffen.

In Bezug auf die induktiven Fehlschlüsse mancher Klimathesen wird schon eine Weile diskutiert, ob bei den Klimamodellen versehentlich Ursache und Wirkung vertauscht wurde, d. h. der CO2- Anstieg wurde durch die Klimaerwärmung verursacht und nicht umgekehrt. Zudem ist die Vertauschung von Ursache und Wirkung ein recht bekannter induktiver Fehlschluss:

„Ein englischer Reformer des 19. Jahrhunderts bemerkte, daß die Landwirte, die in allem maßvoll und fleißig waren, wenigstens eine oder zwei Kühe besaßen. Die, die keine besaßen, waren für gewöhnlich faul und trunksüchtig. Er machte den Vorschlag, all den Landwirten eine Kuh zu geben, die noch keine besaßen, um sie in allem maßvoll und fleißig zu machen.“ (Salmon, Logik, Reclam Nr. 7996, 1983, S. 212)

U. Halbach

***

Siehe auch: Induktion

 




Eine Wirkung und mehrere notwendige Voraussetzungen

Beweismethode

Es ist nicht immer so, dass für ein Ereignis in jedem Falle nur eine Voraussetzung erfüllt sein muss, wie z. B.:

  1. Wenn es regnet,
  2. dann wird die Straße nass.

Ein vollständiges Darlegen einer komplexen Kausalität erfordert die Bewertung aller notwendigen Voraussetzungen eines Ereignisses.

Es ist in der Realität keineswegs selten, dass ein Ereignis (z. B. die Überflutung eines Kellers) mehrere Voraussetzungen benötigt, die je nach Prinzip der Kausalität

  • in einer bestimmten Reihenfolge,
  • in einer beliebigen Reihenfolge,
  • oder gleichzeitig

eintreten müssen.

Um dies an einem Beispiel zu veranschaulichen:

Damit ein Bauarbeiter von einem Dachziegel am Kopf verletzt wird (Wirkung als Ereignis), müssen folgende Ursachen (die ihrerseits auch wieder Wirkungen sind oder sein können) quasi gleichzeitig eintreten:

  1. Auf dem Dach hat sich ein Dachziegel gelockert, bei dem ein Windhauch genügt, dass er herunter fällt.
  2. Es weht ein Wind.
  3. Der Ziegel fällt.
  4. Am Erdboden hält ein Bauarbeiter seinen Kopf in die Flugbahn des Dachziegels.
  5. Der Bauarbeiter hat keinen Schutzhelm auf.

In diesem Beispiel würde es genügen, wenn nur eine beliebige Prämisse nicht eintritt, damit die Verletzung verhindert wird.

Wenn der Beweisbeschluss des Gerichtes nun lauten würde:

Wurde der Bauarbeiter verletzt, weil er keinen Schutzhelm trug?

dann müsste m. E. die Antwort lauten:

„Nein“

Mathematische Beweisführung:

Es gilt analog:

Wenn  (A und B) dann C

Dann ist

(A und nicht B) dann C

falsch.

Wenn der Beweisbeschluss des Gerichtes aber lauten würde:

Warum wurde der Bauarbeiter verletzt?“,

dann müsste m. E. die Antwort lauten,

„Er wurde verletzt, weil o. g. 5 Ereignisse quasi gleichzeitig eintraten.“

In diesem Fall dürfte die Schuld überwiegend beim Bauarbeiter liegen. Wird aber nachgewiesen, dass niemand ihn belehrte, dass er einen Schutzhelm zu tragen hat, dann wird das Urteil wohl anders ausfallen.

Es kann als auch bei anderen Situationen  durchaus so sein, dass weitere Beteiligte verantwortlich dafür sind oder waren, dass weitere Voraussetzungen nicht eintreten. In dem Fall käme es wohl zu einer Schuldteilung. Urteile zur Schuld sind Ergebnis des gerichtlichen Erkenntnisprozesses und nicht Gegenstand eines Gerichtsgutachtens.

In der Regel soll und darf der Beweisbeschluss des Gerichtes nicht überschritten werden.

Als Ausnahme mag gelten, wenn ein Nichtüberschreiten des Beweisbeschlusses zu einer falschen Aussage führt.

Die Darstellung einer unvollständigen Beweisführung ist nach den Regeln der Logik falsch.

Die Regeln der Logik sind aber notwendige Methode einer Beweisführung, für die der Gerichtsgutachter verantwortlich ist.

Im Zweifelsfalle sollte der Gutachter seinen gerichtlichen Auftraggeber konsultieren.




Post-hoc-Fehlschluss

Der Post-hoc-Fehlschluss ist ein recht häufiger induktiver Fehlschluss.

(Post-hoc, d. h. „auf Grund dieses Ereignisses“)

Post-hoc-Fehlschluss:

B wurde durch A verursacht, nur weil B auf A zeitlich folgte.

Hier einige ausgewählte Beispiele von Post-hoc-Fehlschüssen aus dem Buch von Wesly C. Salmon:

(f) Onkel Harry fühlte, daß eine Erkältung im Anzug war, und trank deshalb einige Schnäpse.
Das machte ihn schnell wieder gesund.
In diesem Fall hält man das Trinken der Schnäpse für die Ursache der Genesung, obwohl das einzige, was wir beobachten konnten, war, daß die Erkältung abklang, nachdem er getrunken hatte. Die Tatsache, daß Erkältungen im allgemeinen unabhängig von einer Behandlung nur wenige Tage andauern – tatsächlich werden die meisten beginnenden Erkältungen niemals akut -, macht es leicht, allen möglichen Dingen heilsame Kräfte zuzuschreiben, die in Wirklichkeit wertlos sind. Der Fehlschluß wird natürlich psychologisch verstärkt, wenn seine Konklusion erfreulich ist.
Der Post-hoc-Fehlschluß wird häufig mit dem Fehlschluß der unzureichenden Statistik verbunden, wie zum Beispiel in (f). Das ist aber nicht notwendigerweise so.“

„(g) Es wird berichtet, daß die alten Chinesen der Überzeugung waren, daß eine partielle Mondfinsternis darauf zurückzuführen ist, daß ein Drache gerade dabei ist, den Mond zu verschlingen. Sie brannten Feuerwerkskörper ab, um den Drachen zu verscheuchen, der den Mond dann zurückließ. Ihre Versuche waren immer erfolgreich, denn der Mond nahm immer wieder zu. Sie zogen den Schluß, daß ein Kausalzusammenhang zwischen dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern und dem Zunehmen des Mondes besteht.
Dieses Beispiel enthält sehr viele Daten, es handelt sich also nicht um einen Fall der unzureichenden Statistik; nichtsdestoweniger ist es ein Beispiel eines Post-hoc-Fehlschlusses.
Der Post-hoc-Fehlschluß besteht in der Annahme eines Kausalzusammenhangs aufgrund von inadäquaten Beobachtungsdaten; das führt dazu, daß man ein zufälliges Zusammentreffen irrtümlich für einen Kausalzusammenhang hält. Das Problem, zwischen einem Kausalzusammenhang und einem bloß zufälligen Zusammentreffen zu unterscheiden, ist nicht ganz einfach. Es besitzt zudem eine große praktische Bedeutung.“

Das grundlegende Verfahren, das man anwendet, um herauszufinden, ob man es mit einem Kausalzusammenhang und keinem bloß zufälligen Zusammentreffen zu tun hat, besteht in einem Experiment unter kontrollierten Bedingungen. Um festzustellen, ob die Psychotherapie irgendeine Heilwirkung besitzt, muß man die Anzahl der Menschen, die während der Behandlung (oder kurz danach) eine Verbesserung erfahren, mit der Anzahl der Fälle vergleichen, in denen ein spontaner Rückgang der Krankheitserscheinungen vorliegt. Wenn dieses Verhältnis gleich ist, dann läßt das darauf schließen, daß der Therapie keine kausale Wirksamkeit zukommt.“

„Die alten Chinesen hätten ein Experiment durchführen können, indem sie einmal oder mehrere Male bei einem abnehmenden Mond auf das Abbrennen von Feuerwerkskörpern verzichtet hätten, um zu sehen, ob tatsächlich ihr Lärmen das Zunehmen des Mondes verursachte. Natürlich, sie hätten es möglicherweise abgelehnt, sozusagen das Risiko, den Mond zu verlieren, einzugehen. Dies veranschaulicht eines der praktischen Probleme, die mit einem Experiment unter kontrollierten Bedingungen verbunden sind. Wer will schon zu der Gruppe mit dem höheren Anteil an Karies gehören?“

Zitate aus: Wesly C. Salmon, Logik, Reclam 1982, S. 204 ff.
(Ein Büchlein, dass seinen Preis wert ist, wenn man sich für Logik interessiert. Amazon.de)

 

 




Anforderungen an eine Plausibilitätsprüfung

Meine Anforderungen:

Bei einer Plausibilitätsprüfung wird das dargestellte bzw. zu prüfende Ergebnis mit den Erfahrungen und Meinungen des Prüfers verglichen und es werden Abweichungen dargelegt.

Dabei müssen die Erfahrungen und Meinungen des Prüfers bzw. das Urteil des Prüfers nicht bewiesen oder begründet werden.

In Einzelfällen können aber Werturteile begründet werden, zumeist dann, wenn dies ohne weiteren Aufwand möglich ist.

Geprüft wird in der Regel auch, ob das Ergebnis nachvollziehbar und/oder prüffähig ist.

Ein nachvollziehbares und/oder nicht prüffähiges Ergebnis einer Arbeit ist dem Grundsatz der Logik zufolge nicht plausibel, auch wenn das Ergebnis korrekt zu sein scheint.

Dieser Anspruch gilt natürlich nicht für Plausibilitätsgutachten.

Zentrale Methode eines Gutachtens ist der Beweis.

Ein Beweis ist eine Argumentation, die wiederum aus Prämissen und der Konklusion besteht. Fehlen die Prämissen oder ist die Beweisführung methodisch falsch, z. B. Fehl- oder Trugschluss, dann ist die Beweisführung unvollständig und es handelt sich hier um unbewiesene Behauptungen.

Erstaunlich ist, dass manche Gutachter und Gerichtsgutachter diese Zusammenhänge nicht kennen oder nicht beachten und Gerichtsgutachten erstellen, die auf Meinungen, Ansichten und Glauben beruhen. Siehe hierzu auch: Wesen eines Gutachtens.

Rechtsanwälten, die Gerichtsgutachten demontieren müssen, sei empfohlen, sich besonders mit der Beweisführung in den Gutachten zu beschäftigen (Gutachterfehler). Man muss häufig kein Fachmann sein, um Fehlschlüsse oder Unsicherheiten zu erkennen.

Meinungen, Ansichten und Glauben eines Gutachters sind nur dann von Bedeutung, wenn das Gericht ausdrücklich darum fragt. Ansonsten zählen nur Tatsachen, deren Bewertung und es zählt die Logik.

Der Beweis, ob das Ergebnis einer Plausibilitätsprüfung gültig (deduktiv) ist oder korrekt (induktiv) bewertet wurde und wahr bzw. hinreichend wahr ist, bleibt einem meist umfangreicheren konstruktiven und späteren Gutachten vorbehalten.

Aufgrund

  • der fehlenden Beweisführung  und
  • des unbegründeten Darlegens von Meinungen und Erfahrungen

hält sich der Aufwand für eine Plausibilitätsprüfung oft in Grenzen.

Im Ergebnis einer Plausibilitätsprüfung sind u. a. 3 Fälle vorstellbar:

  1. Das zu prüfende Ergebnis ist plausibel. Dann erübrigen sich meist weitere Untersuchungen und Nachweise.
  2. Das zu prüfende Ergebnis ist nicht plausibel, weil die Arbeit nicht prüffähig ist. Dann sind, wenn möglich, weitere Unterlagen dem Prüfer vorzulegen, um die Prüffähigkeit herzustellen.
  3. Das zu prüfende Ergebnis ist nicht plausibel, obwohl die Arbeit prüffähig ist. Dann sind ggf. in einem konstruktiven Gutachten die nicht plausiblen Teile des zu prüfenden Gegenstandes nachvollziehbar zu bewerten.

Das Ziel einer Plausibilitätsprüfung besteht für den Auftraggeber darin, dass er schnell und preiswert die fachliche Meinung des Gutachters über den zu begutachtenden Gegenstand erfährt.

Die Verbindlichkeit einer Plausibilitätsprüfung ist naturgemäß eher gering.

Uwe Halbach
ö.b.u.v. Sachverständiger für Abwasserbeseitigung

Siehe auch:

Wesen eines Gutachtens
Wesen eines Gutachtens “… Dabei muss es sich jedoch stets um Tatsachenbehauptungen handeln, Werturteile oder bloße Meinungsäußerungen werden von diesen Bestimmungen nicht erfasst. Ein Sachverständigen-Gutachten enthält in der Regel Werturteile und keine Tatsachenbehauptungen. Es liegt im Wesen eines Gutachtens, dass es auf der Grundlage bestimmter Verfahrensweisen zu einem Urteil kommen will, das, selbst wenn es [Weiterlesen →] 

Prüfung einer Planung auf Vollständigkeit
Zur Beachtung! Prüfung einer Planung auf Vollständigkeit – Die Bewertung auf Vollständigkeit der Planung hatte den Charakter einer Plausibilitätsprüfung. Der Sachverständige prüfte nicht im Einzelnen, ob nicht möglicherweise z. B. ein Prüfprotokoll fehlt. Zum maximalen Inhalt und Umfang einer Kanalplanung war zum Zeitpunkt der Planung das Arbeitsblatt A 101 vom Januar 1992 [18] der Abwassertechnischen Vereinigung [Weiterlesen →]

 




Wie Medien Wasserressourcen vernichten… Logik, Trugschluss, Falschaussage

Immer wieder Panik…

Leitungswasser mit gefährlichen Keimen belastet!!!

Eine Lüge?  Oder eine falsche Aussage?

Das kommt auf den Vorsatz an.

Auf jeden Fall ist die Schlagzeile kein Beweis für besondere Klugheit.

Das Urteil „Leitungswasser mit gefährlichen Keimen belastet.“ ist nach den Regeln der Logik falsch.

Verbreitet wird eine klassische Falschaussage, die darauf beruht, dass zunächst unterschlagen wird, dass das vermeintlich gefährliche Wasser – um das es in dem Artikel geht – ja nur eine winzige Teilmenge allen Leitungswassers ist und nicht die Gesamtmenge des deutschen Leitungswassers. Und genau diesen tatsächlichen Sachverhalt suggeriert die Schlagzeile falsch. Man darf induktiv schließen, dass eine wahre Aussage die Schlagzeile verniedlicht hätte, was wahrscheinlich in der Regel nicht im Interesse von Autoren, Redaktionen und Medien liegt.

Für den Leser, der sich mit der Logik derlei Trugschlüsse auseinandersetzen möchte, sind die folgenden Ausführungen gedacht. Der übrige Leserkreis mag diesen Abschnitt gern überspringen.

Derlei Manipulationen beruhen regelmäßig auf raffinierten Trugschlüssen. Um die Methode zu veranschaulichen:

Das Urteil

„Männer sind mit der Eigenschaft eines Mörders belastet!“

ist hinsichtlich der logischen Struktur identisch mit dem Urteil:

„Leitungswässer sind mit gefährlichen Keimen belastet.“

Beim ersten Urteil, wird man aufgrund der Lebenserfahrung stutzig: Das kann wohl nicht stimmen.

Das zweite Urteil nimmt man in der Regel hin und glaubt es sei wahr.

Wird die Mengenlehre als eine Methode der Logik genutzt, dann wird auch dem, der nicht Mathematik studiert hat, schnell klar, dass die Menge aller Männer wenigstens strukturiert ist in die erschlagende Mehrheit jener Männer, die nicht töten und in die winzig kleine Teilmenge jener Männer (wenn überhaupt diese Zuordnung korrekt ist), die dazu neigt, Mörder zu sein.

Beide Falschaussagen finden ihre Qualität im Weglassen. Korrekt müssten die Aussagen wie folgt lauten:

Einige Männer sind mit der Eigenschaft eines Mörders belastet!“

und

Einige Leitungswässer sind mit gefährlichen Keimen belastet.“

Der logische Fehler beruht darin, dass zu den Tatsachen partikulär affirmativ – I-Aussagen – gehören (partikulär bejahendes Urteil.

Durch Weglassen wird unterstellt,  sie seien allgemein affirmativ – A-Aussagen  (allgemein bejahendes Urteil).

Vergleiche: Syllogismus.

Doch nun zurück zum Trinkwasser:

Der geschulte Wassernutzer lässt auch das Trinkwasser aus Leitungen solange ablaufen, bis kühles Trinkwasser im Zapfhahn ankommt und schüttet kein lauwarmes Wasser aus Leitungsnetzen in sich hinein, wo vielleicht nur einmal im Monat etwas Wasser entnommen wird.

Möglicherweise haben die Wasserprobenehmer abgestandenes Wasser entnommen, als es darum ging, den Umsatz des entsprechenden Laboratoriums anzukurbeln.

Dass eine Trinkwasserleitung verkeimt, die nicht genutzt wird, ist eine Binsenweisheit.

Schon vor der Probenentnahme war mit einer Verkeimung der Proben zu rechnen. Regelrecht putzig und entlarvend ist das Zitat:

„Zur Verbesserung der Hygiene raten Experten, das Wasser erst kurz laufen zu lassen, bevor man es entnimmt.
Auch sollte regelmäßig Wasser aus allen Hähnen fließen, um einen Stillstand in den Leitungen zu verhindern.“

Zwei Fälle können nun unterschieden werden.

Fall 1:

  • Vor der Entnahme der Trinkwasserproben lief das Wasser hinreichend lange.
  • In den Proben waren trotzdem krank machende Keime.

Also: Wenn man das Wasser vor der Trinkwasserprobenentnahme hinreichend lange laufen ließ, dann ist es nicht möglich die Hygiene zu verbessern, denn die Probenergebnisse haben ja gerade das Gegenteil bewiesen, dass nämlich auch bei fließendem Wasser Keime  im Trinkwasser enthalten sind.

Fall 2:

  • Vor der Entnahme der Trinkwasserproben lief das Wasser nicht hinreichend lange.
  • In den Proben waren trotzdem krank machende Keime.

Also: Die Probenergebnisse sind in diesem Fall wegen falscher Probenentnahme nicht verwertbar. (vergleiche: „Experten bemängeln Studie über Keime im Trinkwasser“)

Vielleicht sollten die Ergebnisse von einem zertifizierten wasserbiologischen Laboratorium reproduziert werden, bevor man sich mit fragwürdigen Resultaten an die Öffentlichkeit wagt?

Was sollte mit der Aktion möglicherweise bezweckt werden?

  1. Verbreitung von Ängsten?
  2. Steigerung von Auflagen?
  3. Verdummung der Bürger?
  4. Verursachung von Schäden bei den Trinkwasserversorgern?
  5. Steigerung der Trinkwassergebühren?
  6. Steigerung des Umsatzes der Mineralwasserindustrie?
  7. Steigerung des Umsatzes der Laboratorien?
  8. Verunsicherung der Bevölkerung?
  9. Begründung der vermeintlichen Wichtigkeit der Angstmacher?

Glückwunsch! Erreicht wurden alle 9 Ziele!

Schuldig blieb die Redaktion die Verkündung von Wahrheiten und sachlicher Zusammenhänge. Die Wirkung der Lüge ist aber verheerend und der Beitrag verantwortungslos. Die Verbraucher wurden ungerechtfertigt verunsichert. Für den Trinkwasserschutz und für die Wasseraufbereitung wurden und werden Milliarden ausgegeben. Dieses Geld wird durch derartige schwachsinnige Nachrichten schrittweise entwertet. Dieses Beispiel beweist, dass man durch eine bessere Allgemeinbildung am Ende viel Geld sparen kann. Aber nach Schwanitz (Bildung, Alles was man wissen muss, 1999 Eichborn Verlag, insbes. S. 24-33) haben wir diesbezüglich keine guten Karten.

Für solche Schlagzeilen

Leitungswasser mit gefährlichen Keimen belastet!!!

sollte man starke Gründe brauchen. Allein – ich habe keine gefunden!

Insofern ist die Verbreitung derartiger Halbwahrheiten nicht nur verantwortungslos, sondern zudem asozial. Asozial deshalb, weil in dem Maße wie dem Trinkwasserverbraucher unbegründet Angst eingejagt wird, der Trinkwasserverbrauch sinkt und damit die Trinkwassergebühren entsprechend steigen. Hohe Trinkwassergebühren sind nicht sozial.

Insofern kann man darüber nachdenken, ob denn solche Pressefreiheit wirklich so toll ist, wenn zugleich unqualifiziert durch die massenhafte Verbreitung von Halbwahrheiten immenser Schaden angerichtet wird. Vergleiche:

Écrasez l’infâme!
Die „vierte Gewalt” im Staate gehört in gesetzliche Schranken verwiesen.
Die Medienapparate dienen nur noch sich selbst und manipulieren das Gemeinwohl.
Eine Entrüstung von Boris Kotchoubey.

NovoArgumente 110,111 01 – 4 2011
S. 102-107

Und eine Antwort bleibt der Artikel „Leitungswasser mit gefährlichen Keimen belastet“ schuldig:

Wenn das Trinkwasser tatsächlich so verkeimt ist, wo sind dann die vom Genuss des Trinkwassers erkrankten Menschen?

Alles nur heiße Luft?

Auffällig ist das Erscheinen der Paniknachricht zum Sommerloch.

Es war auch Sommer als eine Trinkwasserpanik „Uran im Trinkwasser!“ gezielt verbreitet wurde.

Die USA haben damals ihren Urangrenzwert wegen Unbedenklichkeit von 20 auf  30 Mikrogramm je Liter angehoben und das besorgte Deutschland hat 10 Mikrogramm je Liter eingeführt.

Nachtrag:

Nachdem ich diesen Kommentar geschrieben hatte, erfuhr ich von dieser Nachricht:

BakterienbelastungExperten bemängeln Studie über Keime im Trinkwasser




Die Maulwissenschaft

Wahrhaftig

Wohl jeder der am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, möchte als wahrhaftig gelten.

Mit dem Ruf ein Schwindler zu sein, wird sich Niemand selber schmücken.

Auch Techniker oder Gutachter sollten bestrebt sein, ihre Feststellungen mit der Realität in Deckung zu bringen.

Sofern man zur Wahrheit vereidigt wurde, sollte Wahrhaftigkeit Prinzip ohne Ausnahme sein.

Andererseits  ist es legitim und üblich – sagen wir mal – die Wahrheit so zu modellieren, dass die Geschäfte und Interessen scheinhaft begründet und beflügelt werden.

Nur um kurz darauf einzugehen: So verwerflich ist die Modellierung der Wahrheit – für den Normalbürger – auch wieder nicht.

Der ungeschminkten Wahrheit ins Antlitz zu schauen, dazu gehört viel Mut. Zudem wollen die meisten Menschen die Wahrheit auch gar nicht wirklich wissen. Das hat schon Platon anschaulich mit seinem Höhlengleichnis vor ca. 2.400 Jahren bewiesen. Die Wahrheit ist nicht immer schön. Die Wahrheit wissen zu wollen, birgt das Risiko ungeschminkt gesagt zu bekommen, wie doof man ist und wie blöd man handelt. Auch ich, der so kühn über die Wahrheit schreibt, will sie nicht in jedem Fall wissen.

Aber zurück zur Gestaltung der Wahrheit:

Für die kunstvolle Gestaltung der Wahrheit – wie wir sie tagtäglich von den Massenmedien vorgeführt bekommen – ist es notwendig, sich von der Wahrheit etwas zu entfernen, von ihr etwas zu verdecken, sie nur teilweise zu spiegeln, zu ergründen, zurück zu rennen, wenn es gefährlich wird.

Gut gestalten lässt sich die Wahrheit auch indem wir sie in eine Halbwahrheit oder in eine Lüge umwandeln. Es ist auch möglich,  sie so lange zu kneten und zu formen bis sie genau den Vorstellungen entspricht, die der Wahrheitsformer hat oder Wahrheitsbetrachter haben soll.

Letztlich kommt es überhaupt nicht darauf an, dass die Argumentation oder die Botschaft wahr ist. Es ist ausreichend, dass hinreichend viele Menschen glauben, sie sei wahr.

Dieses Glaubensziel ist leicht zu erreichen, indem die Lüge oft genug wiederholt wird. Schon allein die Wiederholung einer Botschaft, Hypothese oder Prophezeiung  – sei es wahrscheinlich oder unwahrscheinlich eine Wahrheit oder eine Lüge – ist wichtigstes Voraussetzung für den Glauben an das (oft nur vermeintlich) Wahre in der Botschaft.

Wahrheit ist wie die Energie nicht erneuerbar.

Wie Wahrheit raffiniert verteidigt oder umgewandelt wird, lehrt die Maulwissenschaft – modern: die Rethorik.

Zahlreiche Philosophen haben sich dem interessanten Thema der Erkenntnis und deren Verschleierung gewidmet.

Ihr ist sogar ein ganzer Teilbereich der Philosophie gewidmet: die Erkenntnistheorie.

Arthur Schopenhauer verfasste ein dickes Buch, bei dem es ihm gelang, das Dilemma der menschlichen Erkenntnis kompakt schon in den Titel zu pressen: „Die Welt als Wille und Vorstellung“!

Das nimmt eigentlich schon alles vorweg. Wer Arthur Schopenhauer glaubt, braucht das Buch nicht zu lesen oder zu verstehen.

Friedrich Nietzsche beschrieb den trostlosen und einsamen Weg dessen, der die Wahrheit sucht.

Und Arthur Schopenhauer wiederum haben wir einen Aufsatz darüber zu verdanken, wie man seinen Redegegner über’s Ohr haut, auch wenn dieser absolut im Recht ist: Die Kunst, Recht zu behalten.

Eine Kunst, die zuweilen vor Gericht zu beobachten ist und zum Instrumentarium jedes besseren Anwaltes gehören sollte.

Über den Stand der Maulwissenschaft vor gut 400 Jahren ist im Werk wohl eines der edelsten Menschen, die es auf der Welt je gab – nämlich von Michel de Montaigne – zu lesen.

Interessant bei seinen Überlegungen ist seine Treffsicherheit bei der Beurteilung des Menschen, die – so mein Eindruck – zu 100 % auf die heutige menschliche Spezies passen.

Und wenn das so ist, dann ist der Mensch, ethisch gesehen, noch genauso primitiv und resistent wie es Michel de Montaigne vor 400 Jahren beobachtete.

Und da sich Michel de Montaigne seinerseits auch auf Plato bzw. Sokrates beruft, wissen wir, was wir von der Entwicklung des Charakters des „entwickelten“ Menschen in diesem Jahrhundert zu halten haben.

Nicht mehr als dies vor 2.000 oder 1.000 Jahren der Fall war.

Die Bezeichnungen für Redner ändern sich im Laufe der Zeit.

Aus Maulhelden wurden Verbalerotiker.

Und nun lesen wir mal – zur Anregung – auszugsweise, was  Michel de Montaigne sich zu diesem Thema „Die Wertlosigkeit des Redens“ so überlegte:

Die Wertlosigkeit des Redens




Beweisführung mit den Methoden der Logik

Konzept eines Vortrages zur internen Weiterbildung im Institut für Wasserwirtschaft Halbach

Brita Wurster Dipl.-Ing. (FH)

Inhalt:

  1. Definition Begriff Urteil
  2. Arten von Urteilen
  3. Der Schluss und Arten des Schließens
  4. Argumentationsketten und – strategien

1. Definition Begriff Urteil

„Ein Urteil ist die Verbindung von zwei oder mehr Vorstellungen zu der Einheit eines Begriffs.“

Die Form des Urteils:

Beispiel:
Der Mensch
ist
ein Lebewesen.
Logische Form:
Subjekt
Kopula
Prädikat

Satz:

Eine Aussage ist lediglich, die, die nicht die Einheit eines Begriffes wiedergibt, sondern eine zufällige Zusammenstellung von Termini, z. B.: „Ich gehe nach Hause“.

Urteil:

„Frau Muster`s Hund Paul liebt Knochen“, weil hier eine Wesensbestimmung in seiner Einzelheit wiedergegeben wird.

2. Arten von Urteilen

Einteilung der Urteile

Qualität

In Bezug auf die Kopula ergibt sich die Qualität der Urteile: bejahend, verneinend, unendlich.

bejahendes Urteil: Paul ist ein Hund.
verneinendes Urteil: Paul ist nicht eine Katze.
unendliches Urteil: Paul ist ein Nicht-Baum.

Quantität

In Bezug auf das Subjekt ergibt sich die Quantität der Urteile: allgemein, besonders (partikular), einzeln.

allgemeines Urteil: Alle Menschen sind sterblich.
besonderes Urteil: Einige Männer haben eine Glatze.
einzelnes Urteil: Herr Muster ist ein Genießer.

Relation

In Bezug auf den Zusammenhang von Subjekt und Prädikat ergibt sich die Relation der Urteile

kategorisches Urteil: Der Mensch ist ein hoch entwickeltes Lebewesen.
(unbedingt gewiss)
hypothetisches Urteil: Wenn es regnet, dann wird die Straße nass.
(steht unter einer Bedingung)
unterscheidendes Urteil: Die Mitarbeiter sind entweder motiviert oder nicht motiviert.

Modalität

In Bezug auf unser sonstiges Wissen ergibt sich die Modalität der Urteile.

problematisches Urteil: Der Feierabend wird in Kürze eintreten.
behauptendes Urteil: Die Villa hat einen großen Garten.
endgültiges Urteil: Der Terror muss aufhören.

Jedes Urteil kann nach Qualität, Quantität, Relation und Modalität bestimmt werden.

So ist

Massen ziehen sich an. (bejahend, allgemein, kategorisch, endgültig)

stärker als

Brutus ist weder ein Mensch noch ein Hund. (verneinend, einzeln, unterscheidend, behauptend)

„Urteile, wenn sie für andere einsehbar sein sollen, müssen begründet werden. Die Begründung eines Urteils aus einem oder mehreren Urteilen ist der Schluss.“

3. Der Schluss und Arten des Schließens

Der unmittelbare Schluss

ist die Ableitung eines Urteils aus nur einem anderen ohne ein vermittelndes Urteil.

Prämisse: Ich huste,
Konklusion: also habe ich Husten.

Der mittelbare Schluss

Der mittelbare Schluss (auch deduktiver Beweis -> vom allgemeinen zum speziellen) ist die Ableitung eines Urteils aus einem anderen Urteil mittels eines weiteren Urteils. Der mittelbare Schluss wird auch als kategorischer Vernunftschluss bezeichnet. Es ist eine „Kunst“ Mittelbegriffe finden.

1. Voraussetzung: Alle Hunde fressen Knochen.
(1. Prämisse) (Mittelbegriff) (Oberbegriff)
2. Voraussetzung: Paul ist ein Hund.
(2. Prämisse) (Unterbegriff) (Mittelbegriff)
Schlussfolgerung: Also frisst Paul Knochen.
(Konklusion) (Unterbegriff als Subjekt) (Oberbegriff als Prädikat)

Regeln des kategorischen Vernunftschlusses:

1 . Exakt drei Hauptbegriffe.

Wichtig: Ober-, Unter- und Mittelbegriff

falsch wäre: Alle Menschen sind sterblich.
Herr Muster ist ein Mann.
Also ist Herr Muster sterblich.
richtig ist: Alle Menschen sind sterblich.
Herr Muster ist ein Mensch.
Also ist Herr Muster sterblich.

2. Die Prämissen dürfen nicht beide verneinend sein.

Bei der doppelten Verneinung, haben die Schlüsse nichts miteinander zu tun. Somit ist ein logischer Schluss nicht möglich:

Keiner der Zuhörer spricht japanisch. Hubert ist kein Zuhörer. Also spricht Hubert nicht japanisch.

3. Die Prämissen dürfen nicht beide besondere Urteile sein.

In einigen Regionen der Erde trat im letzten Jahr eine Erwärmung auf. Einige Regionen der Erde befinden sich in Polnähe. Also trat in Polnähe im letzten Jahr eine Erwärmung auf.

Es ist keine gesicherte Schlussfolgerung möglich.

4. Die Schlussfolgerung richtet sich immer nach dem schwächsten Teil des Schlusses.

5. Ist eine Prämisse ein negatives Urteil, muss die Schlussfolgerung auch verneinend sein (entsprechend bei unendlichen Urteilen).

6. Ist eine Prämisse ein besonderes Urteil, so muss die Schlussfolgerung auch besonders sein.

7. In allen kategorischen Vernunftschlüssen muss die 1. Prämisse ein allgemeines Urteil sein und die 2. Prämisse muss bejahend sein.

8. Die Qualität der Schlussfolgerung richtet sich nach der 1. Prämisse und die Quantität nach der 2. Prämisse.

Kein Zuhörer spricht japanisch. Erwin ist ein Zuhörer. Also spricht Erwin nicht japanisch.

1. Prämisse = negativ -> Schlussfolgerung negativ

2. Prämisse = Einzelurteil -> Schlussfolgerung Einzelurteil

Der induktive Schluss (Erfahrungsschluss)

Im Gegensatz zum kategorischen Vernunftschluss wird im induktiven Schluss von vielen einzelnen oder besonderen Urteilen auf ein allgemeines Urteil geschlossen:

Frieda ist mit einem Mann verheiratet.
Helene ist mit einem Mann verheiratet.
Caroline ist mit einem Mann verheiratet.
usw.

Alle diese Frauen sind jeweils mit einem Mann verheiratet.
Also besteht die Ehe aus jeweils einem Mann und einer Frau.

Der induktive Schluss hat Schwächen, erst wenn alle Fälle untersucht wurden, ist ein gesicherter Schluss möglich.

Trug- und Fehlschlüsse

Fehlschlüsse entstehen, wenn man die logischen Regeln nicht beachtet (oder sachliche Fehler begeht). Trugschlüsse sind bewusst konstruierte Fehlschlüsse, um das Bewusstsein zu täuschen und zu verwirren. Mit ihnen werden Ideologien begründet und alles Mögliche gerechtfertigt, was nicht vor der Vernunft bestehen kann.

Der Zirkelschluss:

Im Zirkelschluss wird das zu Beweisende in den Prämissen bereits vorausgesetzt.

Was wir in die Sterne hinein projizieren, können wir wieder aus ihnen ableiten. (Wird gewöhnlich verschwiegen.)

Nun sagt mir die heutige Sternenkonstellation, dass ich vorsichtig mit meinen Geschäftsfreunden sein soll.

Also kann ich aus den Sternen mein Verhalten ableiten.

Anderes Beispiel Sprung im Denken – um nicht widerlegt zu werden, Themawechsel:

Heute ist schönes Wetter. Aber die Durchschnittstemperatur im April war zu niedrig.

Proton Pseudos (erste Lüge)

Beim Proton Pseudos wird in einem Schluss eine fehlerhafte erste Prämisse vorausgesetzt:

Gott ist der Schöpfer der Moral.

Atheisten glauben nicht an Gott.

Also sind Atheisten unmoralisch.

Dass Gott der Schöpfer der Moral ist, setzt voraus, dass sich Gott beweisen lässt. Alle Gottesbeweise sind aber seit dem 14. Jahrhundert widerlegt worden. Also ist die 1. Prämisse eine Lüge, denn ein Nichts kann keine Moral stiften. Damit ist aber auch die Schlussfolgerung falsch. Alle diese Einzelurteile müssen in logischer Reihenfolge (Argumentation) verknüpft werden, um zu geschlossenem Text zu kommen.

4. Argumentationsketten und – strategien

Argumentatives Schreiben

Ein argumentativer Text soll überzeugen.

Das bedeutet:

  • Ideen sammeln
  • Ideen ordnen
  • zwei oder drei Hauptargumente auswählen, alles andere wird diesen Gedanken untergeordnet
  • Begründungen und Beispiele für jedes Argument suchen
  • Argumente der Gegenmeinung und deren Begründung wiedergeben

Strategien argumentativen Schreibens

Gleichzeitig gibt es zu jeder Strategie auch eine Gegenstrategie.

a) Berufung auf Tatsachen
Gegenstrategie: Tatsachen widerlegen.
b) Berufung auf Ziele.
Gegenstrategie: Andere Ziele entgegensetzen
c) Berufung auf Erfahrungen
Gegenstrategie: Andere Erfahrungen dagegen setzen und mit den angegebenen vergleichen
d) Berufung auf Werte, Normen, Regeln, Gesetze
Gegenstrategie: Werte und Normen nicht anerkennen, Regeln für nicht passend oder ungültig erklären, Gesetze ausschließen.
e) Berufung auf Autoritäten
Gegenstrategie: Autoritäten nicht anerkennen.

Argumentationsketten

Ideal ist eine Kette, die aus fünf Schritten besteht.

1. Thema/Einführung
Länge: 1 Satz
2. Argumente und Begründungen für die Gegenmeinung (= These)
Länge: frei
3. Argumente und Begründungen für die eigene Meinung (= Antithese)
Länge: frei, jedoch länger als 2.
4. Vergleich von 2. und 3. (= Synthese)
Länge: 2 Sätze
5. Zusammenfassung/Ergebnis (= Synthese als Ergebnis)
Länge:1-2 Sätze
zu 1. These A besagt, dass…
zu 2. These B besagt, dass…
zu 3. Beide sind im Kern richtig, denn…
zu 4. Für unsere Fragestellung kommt es darauf an, dass…
zu 5. Deshalb können wir Teile von A und B miteinander verbinden , indem wir…

5. Kurzzusammenfassung

In wissenschaftlichen Arbeiten werden Urteile gefällt und Meinungen geäußert.

Diese müssen für den Leser verständlich sein. Die Argumentation muss den Regeln der Logik folgen.

Man drückt sich in Sätzen und Urteilen aus, daher ist die Einhaltung der logischen Form sehr wichtig, die oben ausführlich beschrieben wurde.

Werdau, 20.02.2003

Brita Wurster

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